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5.2.1 Umgang mit biographischem und europäischem Wandel

Der Umgang mit Wandel in der eigenen Biographie, sowie mit Wandel und Krisenerscheinungen in der Europäischen Union, kann anhand von vier Dimensionen verglichen werden, aus denen sich drei verschiedene Handlungsstrategien ableiten lassen. In erster Linie braucht es eine Beschreibung von Zeitlichkeit sowie eine emotionale Dimension, die die Wahrnehmung von Wandel begleiten. In weiterer Folge können daraus Beschreibungen von Wandel auf Ebene der Europäischen Union sowie auch für die individuelle Biographie abgeleitet werden. Perspektiven und Wahrnehmungen von Europa werden dabei durch die Befragten in Raumbilder gekleidet. Es werden drei Typen von Raumbilder, die durch deren unterschiedliche Annäherung an Materialität bzw. physischen Raum und den daraus entstehenden Raumkonzepten charakterisiert werden können, unterschieden: ein regressives Raumbild, ein synchrones Raumbild sowie ein hypermodernes Raumbild. Im Folgenden werden die in Tab. 5.1 dargestellten Typen anhand des Interviewmaterials näher erläutert.

Die erste Handlungsstrategie bzw. Reaktion auf Wandel ist kämpferischer Natur. Wandel wird als unberechenbar und plötzlich wahrgenommen, und wird deshalb furchtvoll und wenig selbstbestimmt erlebt. Das Raumbild dieser Befragten wird von regressiven Vorstellungen wie einer Wiederkehr der Nationalstaaten und Auflösung der Europäischen Union dominiert. Entsprechungen finden sich auch in biographischen Aussagen der Befragten wieder, die die Gesellschaft als Schauplatz von sozialen (Aufstiegs-)Kämpfen wahrnehmen:

Und ich habe gesagt: ‚Mit mir aber nicht. Mit mir aber nicht!' Weil da renne ich von Pontius zu Pilatus. Ich habe nichts gehabt, ich hab Null Selbstvertrauen gehabt oder Vertrauen schon, aber Selbstvertrauen hat mir gefehlt. Das ist ja klar. Überall hast du nur gehört: Mei, Perlen wirft man nicht vor Säue; Mei, haben Sie kein Geld für die Wohnung; aha die Depperten Wiener.' Also du bist immer nur Tschack, runtergedrückt worden. (Weiblich, 74 Jahre, Lehre, Z330–Z335)

Tab. 5.1 Umgang mit biographischem und europäischem Wandel

Strategie

Kämpfen

Berechnen

Kommunizieren

Temporale Dimension

Plötzliche Umbrüche

Step by step

Fließend, prozesshaft

Emotionale Dimension

Furchtvoll, fremdbestimmt

Rational

Hoffnungsvoll, geduldig, neugierig

Wahrnehmungen der EU

Regressives Raumbild; Wunsch zur Rückkehr zu Nationalstaaten

Synchrones Raumbild; Schicksalsgemeinschaft

(hyper)modern;

EU-Erweiterung

Persönliche Zukunftserwartungen

Gesellschaft als Schauplatz von (Aufstiegs)kämpfen; Wahrnehmung von Unsicherheit und Instabilität

Individualistischer Lebensstil

Gesellschaft als andauernde Entwicklung; (Möglichkeit zum) proaktiven Umgang mit eigener Biographie

© Elisabeth Donat

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union wird von diesen Befragten als demütigend erlebt, da die Nationalstaaten zu viele Souveränitäten abgeben müssen.

Weil EU-Recht gilt vor Landesrecht …“, so lautet eine Kurzformel, die frustriert von diesen InterviewpartnerInnen in diesem Zusammenhang immer wieder bemüht wird.

Im Rahmen der zweiten Handlungsstrategie versuchen die InterviewpartnerInnen Wandel als klar berechenbare Abfolge von (Lebens-)phasen darzustellen. Im Gesprächsverlauf werden zahlreiche Kontrastierungen verwendet, die in sich abgeschlossene Positionen aus Sicht der GesprächspartnerInnen darstellen. Tatsächlich sind die Interviews des zweiten Typus „Berechnend“ auch von zahlreichen numerischen Verweisen geprägt. Ein Interviewpartner (26 Jahre, Matura) beschreibt seine Lebensplanung folgendermaßen:

Sondern einfach ein bisschen was ansparen und trotzdem gut leben. Und wenn's geht Frau, Familie, ja mit Kindern natürlich, da ist die Betonung auf der Mehrzahl also natürlich eins ist süß und nett und schön, aber zwei wären schon cool und also zum Beispiel Bub und Dirndl, das wäre halt supergenial. Ahm ja, sobald es dann im Prinzip eine feste Frau gibt, wo man sagt: ‚Ja okay passt, heiraten wir', dann ist die Frage zwecks wohnen was man dann macht, je nachdem nach was man sich dann entscheidet, wo nachher die Sympathie hinfallt, dass man sagt, ja okay Reihenhaus, Haus oder große Wohnung oder was auch immer. Also das steht eigentlich noch alles offen. (Z236–Z243)

Mit der Betonung von „Offenheit“ bezüglich seiner Lebensplanung am Schluss der Darstellung, konterkariert der Befragte seine vorherige äußerst detaillierte Beschreibung hinsichtlich seiner Zukunft. Er revidiert dabei sogar die Zahl der geplanten Kinder, und hat genaue Vorstellungen bezüglich deren Geschlechts. Eine Phase folgt der nächsten Phase, step by step, und ist dabei voll und ganz steuerbar. Wandel wird als betont rational thematisiert, wobei eine klare Vorstellung existiert, wie und in welcher Geschwindigkeit Veränderungen vollzogen werden sollen. Das Präsentationsinteresse der Interviewpersonen ist eine Erfolgsgeschichte des eigenen Lebens, die auch gegen Widerstände durchgesetzt wird. Parallel dazu wird die Mitgliedschaft in der Europäischen Union als Mitgliedschaft in einer Schicksalsgemeinschaft dargestellt, deren Verlassen einem Gesichtsverlust gleichkommen würde, da an dieser Stelle mit der bis dahin erzählten Erfolgsgeschichte gebrochen werden müsste. Einem mechanisch-technischen Weltbild folgend, sollen jene Länder der EU angehören, die bestimmte Leistungsparameter erfüllen. So analysiert jener Interviewpartner (26 Jahre, Matura), der oben bereits seine persönliche „Erfolgsstory“ vorwegnahm, nach welchen Kriterien Länder bei der Europäischen Union teilnehmen können in einem Vergleich mit der Aufnahme von AsylwerberInnen in Österreich:

Aber eben das Auswahlverfahren gehörte halt eben bisschen genauer. Das ist so ähnlich wie mit Asylanten in Österreich, im Prinzip haben wir zu lange gesagt: ‚Okay wir lassen jeden herein', und jetzt haben wir halt ziemlich viele Nutznießer da, die wir auf gut Deutsch durchfüttern müssen und die nachher dem Staat noch ein Geld kosten. Hätte man sich das am Anfang besser angeschaut: okay was kann der, ist der für unser Land jetzt eine Bereicherung, wenn der da ist. Eben man muss halt ein bisschen mehr unternehmerisch denken, weil ich stell jetzt auch keinen Angestellten ein, wo ich weiß der kann nichts, und ob er mir vielleicht im Endeffekt bringt was er mir kostet, das ist jetzt nur reine Glückssache. (Z274–282)

Kontrastierend zu dieser Phasierung von Lebensabschnitten bzw. Mitgliedschaften in der Europäischen Union, kann der letzte Typus von InterviewpartnerInnen durch eine fließende Darstellung von Ereignissen, Lebensphasen und großen gesellschaftlichen Entwicklungen beschrieben werden. Wandel wird prozesshaft wahrgenommen, was wiederum eine gewisse Geduld im Abwarten von Entwicklungen und „Aushalten“ von „Krisen“ mit sich bringt. Eine offene Haltung gegenüber Veränderungen wird von einer Neugier gegenüber Zukünftigem begleitet. Die eigene Biographie folgt nicht unbedingt immer einer „glatten“, linearen Entwicklung, sondern ist durchaus auch von Herausforderungen und Krisen durchzogen. In diesem Sinne wird nicht nur für sich selbst eine „zweite Chance“ im Falle des Scheiterns beansprucht, sondern selbige auch anderen zugestanden. Das Motiv „bad story with happy end“ könnte stellvertretend für diese biographischen Darstellungen formuliert werden. So folgt auf die Erzählung durchaus bewegter Lebensabschnitte fast immer eine positive oder zumindest versöhnliche Coda:

Der Woody Allen hat einmal die Frage gestellt, was es Gutes am Alter geben sollte (lacht). Äh, man sieht schlecht, man hört schlecht und mit dem Sex haut es nicht mehr so hin….alles tut einem weh, was soll da am Alter schön sein (lacht). Aber gut, ich bemühe mich (…) man hat seine Freunde und man muss halt schauen, dass man sich seine Tagesabläufe gestaltet und ja, wie gesagt, ich bin halt beim Üben. (Männlich, 64 Jahre, Matura, Z304–308)

Die EU wird als „Projekt“ gesehen, das sich in fortlaufender Entwicklung befindet. Der ungewisse Ausgang dieses Projektes stellt für diese Gruppe an Befragten allerdings keine Belastung dar, sondern wird mit Neugierde und Geduld wahrgenommen. Der Zusammenschluss von Ländern zu einer gemeinsamen Union wird zwar kritisch, in Summe aber doch als großer Fortschritt gewertet. Die Fähigkeit der GesprächspartnerInnen dabei auch multiple Identitäten entwickeln zu können, erleichtert die Einnahme dieser Haltung von Grund auf. Der nachstehende Interviewauszug verdeutlicht den proaktiven Umgang mit Krisen, als der Befragte zur gegenwärtigen Lage der Europäischen Union Stellung nehmen soll:

Ich seh kein Scheitern, ich seh Krisen, Krisen sind ja da, zeigt auch mein eigenes Leben, dass sie bewältigt werden und meine persönliche Erfahrung ist, wenn ich diese bewusst durchtrage, dann verändert sie mich. Ich habe erlebt, dass jede Krise, die mich verändert hat, neue Möglichkeiten geschaffen hat. (Männlich, 44 Jahre, Matura, Z710–Z714)

Im Anschluss sollen nun Vorstellungen und Ansichten der Befragten zu Erfolgskriterien sowohl im persönlichen Leben als auch in der Politik bzw. der Europäischen Union erarbeitet werden, um ein geschlossenes Bild der Basis von Solidarität zu ermitteln.

 
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