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5.2.2 Zur Bewertung von Erfolg

Synchron zur Erstellung und Betrachtung von drei Typen im Interviewmaterial hinsichtlich ihres Erlebens von eigenem und europäischen Wandel, lassen sich wiederum drei Typen in Bezug auf die Beurteilung „erfolgreicher“ Beitrittskandidaten und Mitgliedsländer der Europäischen Union erstellen (vgl. Tab. 5.2).

Wie bereits angeführt, hatten die InterviepartnerInnen die Möglichkeit, anhand einer mitgebrachten Karte ihre Wunsch-EU einzuzeichnen. Dabei wurden Überlegungen deutlich, welche Länder in der EU von den Befragten erwünscht sind

Tab. 5.2 Erfolgsmodelle

Verunsicherte

PerformerInnen

Unkonventionelle

Role modelsfür ein erfolgreiches Leben

Angela Merkel

Unternehmer Innen aus Österreich:

D. Mateschitz (Red Bull), H.P. Haselsteiner (Strabag

– Baugesellschaft)

Lebensstile (keine Personen): Verantwortungsbewusste Lebensfreude

Umgang mit Autoritäten

Autoritäre Unterwürfigkeit

Autoritäten sind bewundernswerte Vorbilder

Hinterfragen von Autoritäten; MentorInnen

Zusammenleben in der EU

Forderung nach absoluter Harmonie; Hegemoniale (Lebens)ansprüche

Beitrittskandidaten und Mitgliedsländer müssen hohen Lebensstandard und Wohlstand haben; Darwinistische Auslese

Realitätsnahe Vorstellungen: Konflikte und Herausforderungen werden benannt und erwähnt

Wertebasis

Leistung, Ordnung, Sicherheit

Leistung, Hedonismus, Macht

Universalismus, Benevolenz

© Elisabeth Donat

und als erfolgreiche Mitgliedsstaaten angesehen werden. Die Urteile dazu manifestierten sich überwiegend auf der Ebene von Leistungsstärke und Finanzkraft der betreffenden Länder. Wie mit – aus Sicht der Befragten – erfolglosen Mitgliedern umgegangen werden soll, zeigt sich in nachstehenden Interviewauszügen, die sich auf die Krise in Griechenland und die anschließenden Unterstützungsleistungen beziehen:

Aber es gehört schon jemand, es müsste jemand dort sitzen, der ihnen zeigt, wie es

richtig geht. (weiblich, 52 Jahre, Matura; Z337–Z338)

Wir haben es (Wiederaufbau von Österreich nach dem Krieg; A.d.V.) auch getan. Wir haben auch, wie schon erwähnt… unser Aufbau war mehr als hart. (Weiblich, 74 Jahre, Lehre Z782–Z783)

„Hilfe zur Selbsthilfe“ so lautet das überwiegend mitgeteilte Credo von Solidarleistungen für die Krisenländer im Süden Europas. Besonders der erste Typus von InterviewpartnerInnen, die Verunsicherten, sind sich sicher, dass Länder wie Deutschland oder Österreich hier vorzeigen und vorgeben können, wie ein Wiederaufbau funktionieren kann. Der Mythos des Wiederaufbaus von Österreich aus alleiniger Kraft wird hierbei bedient: die InterviewpartnerInnen erwähnen nicht, dass Europa im Rahmen des Marshallplans weitreichende finanzielle Unterstützungen nach dem zweiten Weltkrieg erhalten hat. So ist es denn auch naheliegend, dass von dieser Gruppe der Befragten, die hegemoniale Ansprüche äußert, der Wunsch nach einem/einer starken FührerIn laut wird, der/die „Ordnung“ in die Situation in der Europäischen Union hineinbringt:

Ich bewundere diese Frau, weil das ist ein Wahnsinn, was die praktisch auf die Füße gestellt, ja? Als Frau nämlich. (Pause) Weil es hat der Kohl auch viel gemacht, aber sie ist einfach, sie ist halt von der DDR geprägt, gell? Und ja (lacht), das stimmt. Die hat die Härte und die hat das Durchsetzungsvermögen (Pause) Ja, die zwei sind die mächtigsten auf Deutsch gesagt, und dann, sie müssen schauen, dass sie das aufrecht erhalten. Weil…(Pause) wer ist sonst noch fähig? Spanien geht nicht, Portugal ist zu klein (Pause)… Wir sind sowieso nur, ein ein kleines Stückchen drinnen, nicht? Und die Engländer tun sowieso, was sie wollen. Ja, ja, weil ihre eiserne Lady, die hat das damals ganz klasse gemacht, die brauchen nichts zahlen, wir sind Nettozahler, nicht? (Pause) Nein, nein, die Merkel, die, die gefällt mir schon irgendwie, weil, weil ich mir denke, als Frau das schaffen, ist nicht so einfach. (Weiblich, 77 Jahre, Pflichtschule; Z1132–Z1144)

Wie bereits im vorhergehenden Abschnitt am Beispiel dieser Befragten ausgeführt, dominieren in der biographischen Erzählung die wahrgenommenen Demütigungserfahrungen, die nichtsdestotrotz oder gerade deshalb zu einer andauernden Bewunderung, ja sogar Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten führen. Aus diesen Erfahrungen speist sich nichtzuletzt auch der Wunsch, dass auf europäischer Ebene ein absolut harmonisches, konfliktfreies Zusammenleben herrschen soll. Aber auch Tendenzen zu Dominanzorientierungen oder sogar autoritärer Aggression lassen sich als Gegenspieler zur geäußerten autoritären Unterwürfigkeit feststellen. Werte wie Ordnung, Sicherheit, Gehorsam und Leistung dominieren die Erzählungen dieser Befragtengruppe. Angesprochen auf die Berechtigung von Hilfeleistungen für die „Krisenländer“, verfällt eine Befragte in einen Dialog, in dem der Hilfeempfänger die Rolle eines kleinen Kindes einnimmt:

Du gibst ihnen oft etwas, weil du sagst ok, gibst ihnen den kleinen Finger wie bei einem Kind, und dann wollen sie die ganze Hand, und wann es dann einmal heisst seid uns nicht böse, aber jetzt sind vielleicht einmal magere Zeiten, ihr kriegt eh euer ganz normales, aber das I-Tüpfelchen oder das Zuckerl oder so etwas, das kriegt ihr halt jetzt nicht, das ist dann schwierig. (Weiblich, 42 Jahre, Matura, Z762–766)

Die Dissonanz, die den autoritären Neigungen der Gruppe der „Verunsicherten“ inhärent ist, führt zu Neidgefühlen gegenüber jenen, die es „geschafft“ haben bzw. die sich emanzipieren oder „selbstbestimmt“ bleiben konnten, wie die Schweiz.

Die zweite Gruppe an InterviewpartnerInnen, die bei obiger Betrachtung von Wandel „berechnen“ als Handlungsstrategie darlegten, kann dementsprechend hier der Typus des „Performerns“ zugeordnet werden. Als Referenzbeispiele für erfolgreiche Biographien und potentielle Führungskräfte werden österreichische Unternehmer wie Dietrich Mateschitz (Eigentümer des Konzerns Red Bull), sowie Hans-Peter Haselsteiner (Eigentümer der Strabag Baugesellschaft) genannt. Durchsetzungsvermögen gepaart mit der Fähigkeit „wirtschaften“ zu können und Vermögen zu lukrieren, imponiert diesen InterviewpartnerInnen augenscheinlich. Die genannten österreichischen Wirtschaftstreibenden stellen Vorbilder dar die im Unterschied zum vorherigen Typus auch tatsächlich erreichbar sind, sofern man gewillt ist einen bestimmten Einsatz, eine bestimmte Leistung zu tätigen. Die Auswahl von Beitrittsländern der Europäischen Union sollte aus Sicht dieser Befragten am besten anhand der Frage, was das jeweilige Land der Gemeinschaft „bringt“, getroffen werden:

B: (…) Dann werden Länder ins Boot geholt, in die EU geholt, wie Rumänien, Bulgarien, wo man von vornherein schon weiß die bringen nichts, die kosten nur. Und Österreich ist dann abgestuft worden in, wie heißt das jetzt, (…)

I: von den Ratingagenturen oder

B: Ja, genau von der Ratingagentur ah, obwohl wir gut dastehen würden, wenn wir das ganze Geld, das wir ins Ausland verschiffen müssen und die Beiträge und das alles. Österreich ginge es so gut wie überhaupt noch nie. (Weiblich, 52 Jahre, Matura, Z149–Z155)

Ebenso wird die Auslese von krisenschwachen Ländern über eine notwendige, natürlich „Gesundung“ des Systems am Beispiel vermeintlicher „Sozialschmarotzer“ argumentiert:

Sehr großes Problem werden jene Leute haben, die es sich im Sozialstaat gemütlich gemacht haben. Die aufgrund ganz hoher Transferleistungen gelebt haben. Weil das ist in Zukunft nicht mehr finanzierbar. Bei einer Krise. Was passiert bei einer Krise? Bei einer Krise nähert sich der Markt der Leistungsgerechtigkeit an. (Männlich, 46 Jahre, Universität, Z1112–Z1115)

Die Flüchtlingssituation an den europäischen Außengrenzen wurde in einem Interview als „Geschäftsmodell“ bezeichnet, und wiederum die Notwendigkeit einer natürlichen, globalen sozialen Ungleichheit unterstellt:

Das ist halt wieder so ein Ausnutzungsfaktor was Europa da groß macht. Ist nicht ideal, aber es ist halt so. Im Prinzip einfach ein Geschäftsmodell wo man schaut wo man sparen kann und den anderen halt leicht ausbeutet. (Männlich, 26 Jahre, Matura; Z444–Z447)

Die Wertebasis der PerformerInnen ist ganz klar durch individualistische Strukturen bestimmt. Ähnlich wie beim vorigen Typus dominiert auch hier das Leistungsmotiv, das aber auch von Machtbestrebungen, Hedonismus und Selbstverwirklichung begleitet wird.

Ganz im Gegensatz zu den beiden vorherigen Typen, nennt die dritte Gruppe der „Unkonventionellen“ keine Personen, die als Vorbilder oder gar Autoritäten dienen könnten. Die Befragten dieser Gruppe berichten von MentorInnen oder WegbegleiterInnen, die sie geprägt haben und hinterfragen Autoritäten grundsätzlich. Mehr als konkrete „role models“ stehen bestimmte Lebensstile als Orientierungshilfe im Mittelpunkt des Interesses:

Andererseits haben uns Menschen in südlichen Ländern was voraus, sie haben nämlich uns voraus dass sie Lebensfreude haben, Lebensfreude ausdrücken können, manche Dinge nicht so eng sehen. (Männlich, 44 Jahre, Matura, Z529–Z531)

Die Herausforderungen des Zusammenlebens in der Europäischen Union werden nicht verklärt oder romantisiert. Es existiert eine nüchterne und realitätsnahe Sichtweise der Probleme und Konflikte, die durchaus auch benannt werden. Die Haltung gegenüber den europäischen „Krisenländern“ ist auch immer wieder kritisch, sowie mit dem einen oder anderen Seitenhieb versehen. Obwohl auch in dieser Gruppe Politikverdrossenheit mehrmals thematisiert wird, wird politisches Engagement (noch) nicht als auswegslos empfunden. Die Entwicklung der Europäischen Union wird als Prozess verstanden, mit Höhen und Tiefen, für den es Geduld und Durchhaltevermögen braucht, wobei das grundsätzliche Ziel einer gemeinsamen Union nicht in Frage gestellt wird. Diese Haltung speist sich im Wesentlichen aus Wertemustern wie Universalismus und Mitmenschlichkeit (Schwartz, 1992) – ist aber auch als vielfältig einzustufen und schließt beispielsweise Werte wie Hedonismus (siehe voriger Interviewausschnitt) nicht aus.

 
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