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5.3 Die Europäische Union als exklusiver Klub – ein neuer „Nationalismus“ auf europäischer Ebene?

Überraschenderweise kann keiner der drei dargestellten Typen grundsätzlich als EU feindlich charakterisiert werden, was den eingangs erwähnten Ergebnissen der letzten großen Bevölkerungsbefragungen auf den ersten Blick widersprechen mag. Eine uneingeschränkt euphorische Bewertung der Ergebnisse erscheint jedoch verfrüht: die Mitgliedschaft zur Europäischen Union scheint (mangels Alternativen?) wenig in Frage gestellt zu werden – die Größe, die Anzahl der Mitgliedsstaaten und die Kriterien der Auswahl selbiger jedoch sehr wohl. Zumindest zwei der gefundenen Typen legen den Schwerpunkt der Auswahlkriterien auf rein ökonomische Aspekte wie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ökonomische Stabilität. Trotz der Betonung von kulturellen Unterschieden und mitunter sogar Ressentiments, wird unter diesen Gesichtspunkten von einigen sogar ein Beitritt der Türkei begrüßt, die sich wirtschaftlich stark im Aufschwung befindet und deshalb als potenter Bündnispartner wahrgenommen wird. Potentielle Beitrittskandidaten sollen sich der Gemeinschaft würdig und entsprechend bescheiden im Vorfeld ihrer Aufnahme erweisen. Die Europäische Union wird zwar durchaus skeptisch und mit einiger Politikverdrossenheit wahrgenommen, jedoch wird sie auch als Chance gesehen, zu einer neuen, starken Gemeinschaft dazuzugehören. Dieser innere Zusammenhalt wird nicht zuletzt durch die Konstruktion von „Außenfeinden“ bestärkt, wie sie in den neuen, aufstrebenden Schwellenländern außerhalb Europas gesehen werden. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union wird von dieser Gruppe von InterviewpartnerInnen nicht nur mit patriotischen Gefühlen versehen – mehr noch, man möchte stolz auf eine starke „Festung“ Europa sein. Die Basis für Solidarität ist durch diese Wahrnehmungen auf ein schwaches Fundament gestellt, wie auch die positive Beurteilung der Absicherung dieser „Festung“ gegenüber Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent zeigt. Die Konstruktion des Europäischen Gemeinschaftsraumes weist damit alle Kennzeichen einer „nationalistischen“ Haltung auf, die durch eine starke Eigengruppenaufwertung bei gleichzeitiger Schließung nach außen gekennzeichnet ist.

Auch innerhalb der Europäischen Union herrscht trotz vorsichtiger Sympathiebekundungen der Befragten ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber jenen Ländern, die vermeintliche Trittbrettfahrer sein könnten, und zugunsten der sogenannten Nettozahlerländer von den Vorteilen der Union profitieren. Dabei scheinen starke emotionale Reaktionen durch mediale Darstellungen jener, die es sich vermeintlich in der sozialen „Hängematte“ der EU gemütlich machen, auch aus Neid hervorzugehen. Derartige Neidgefühle könnten auch die Wut erklären (vgl. Neckel 1999), bzw. die Wahrnehmung der EU als Kampfschauplatz, wie sie von machen InterviewpartnerInnen dargestellt werden. Der Ruf nach hierarchischen Verhältnissen wird laut, in denen jene den Ton angeben sollen, die wirtschaftlich am erfolgreichsten sind. Die Bewunderung für starke FührerInnen lässt eine ambivalente Situation entstehen: einerseits herrscht Frustration über die Abgabe von Souveränitäten an die Union, andererseits wird ein heilbringender Erfolg der Gemeinschaft nur durch die Übernahme einer starken, zentralistischen Hand gesehen. Jene soll auch die Einhaltung von Reziprozitätsleistungen garantieren und mit einem harten Sparkurs Länder auf „Schiene“ bringen, die eine drohende Abwertung der Gemeinschaft hervorrufen könnten.

Die Schwierigkeit, Solidarität auch in Krisensituationen bekunden zu können, hängt, wie zu Beginn dargestellt, auch von der Fähigkeit ab, langfristig Perspektiven entwickeln zu können bzw. Vertrauen in einen langsam voranschreitenden Prozess zu haben. Die aktuelle Größe und Komplexität der Europäischen Union erschweren es vor allem jenen, die nicht über genügend (Bildungs)ressourcen verfügen, Kohärenzsinn in einer gegenwärtig noch immer instabilen wirtschaftlichen Lage zu bilden. Perspektivität und Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit ermöglichen dem dritten Typus von Befragten, eine Haltung des Zuwartens oder vielleicht sogar neugierigen Vorausschauens einzunehmen. Auch in Hinblick auf die eigene Lebensgeschichte gelingt es der Gruppe der „Unkonventionellen“ Biographie als ein Wechselspiel aus Höhen und Tiefen zu erfahren, also keineswegs einen verklärten Blick auf krisenhafte Entwicklungen zu haben. Zukünftige Herausforderungen der Europäischen Union werden benannt, ohne dafür eine sofortige Lösung zu erwarten. Der Weg der Europäischen Union wird als Prozess verstanden, dessen Ausgang ungewiss bleibt. Diese Ungewissheit scheint jedoch zunächst nicht weiter zu beunruhigen, ganz im Gegenteil auch zeitweise von Neugier und Vorfreude auf neue Beitrittskandidaten begleitet zu sein.

Obwohl der vorrangige Gründungsgedanke der Europäischen Union bzw. der Europäischen Gemeinschaft zweifelsohne in der Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes lag und damit große Hoffnungen in eine steigende Prosperität am europäischen Kontinent gesetzt wurden, ist heute die Verflechtung der Mitgliedsstaaten auch auf politischer und kultureller Ebene mannigfaltig. Gerade diese Größe und Komplexität des europäischen Projektes bzw. vor allem die Langfristigkeit, auf die es angelegt ist, erschweren die Formulierung von solidarischem Verhalten als eine einfache Gleichung.

 
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