< Zurück   INHALT   Weiter >

6.1.2 Tafelkritik als Gesellschaftskritik

Mit dem Forschungsprojekt „Tafel-Monitor“ [1]wurde auf die Expansion des Tafelsystem reagiert sowie im Rahmen der Möglichkeiten ein Beitrag zum Verständnis von Tafeln geleistet, indem die zentralen Feldperspektiven – die Perspektive der HelferInnen sowie der NutzerInnen – erhoben und aufeinander bezogen wurden. Da eine zentrale Forschungsfrage sich auf das Gebrauchswertempfinden aus Sicht der NutzerInnen bezieht, werden hier typische Verlaufsformen einer Tafelkundschaft sowie das subjektive Erleben eines Tafelbesuchs betrachtet. Darüber hinaus untersuchten wir typische Rationalisierungsformen der Tafelnutzung, um Einsichten über nutzenfördernde und nutzenlimitierende Aspekte des Tafelangebots im Hinblick auf die Bewältigung individueller Problemlagen zu erlangen.

Ziel war es auch, durch die systematische Betrachtung von Nutzungserfahrungen einen blinden Fleck in der bisherigen Betrachtung der Tafeln aufzulösen und mit einer „Tafelkritik als Gesellschaftskritik“ zu einer informierten öffentlichen Debatte beizutragen (Selke 2010). Diese Kritik scheint dringend angeraten, denn Tafeln sind zu einem kaum mehr wegzudenkenden Bestandteil des deutschen Sozialsystems sowie der sozialen Realität und Lebenswelt vieler Menschen geworden. Das ambivalente Meinungsspektrum zu Tafeln zwischen Befürwortung und Ablehnung reicht von der Erwartung großflächiger Synergien bis hin zur Befürchtung irreversibler Korrumpierungseffekte. Zunehmend finden sich kritische Einschätzungen auch aus den Reihen der Tafeln selbst. So schreibt etwa Philipp Büttner vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt München: „Wir helfen einerseits, Armut zu lindern. Aber wir verändern nichts, wir bekämpfen Armut damit nicht nachhaltig. Die Aktivitäten haben etwas von Pflasterkleben: Das Pflaster ist nötig, aber die Wunde darunter wird niemals heilen. Das Ziel, die Wunde zu heilen, wird verfehlt. Wer sich in der Hartz-IV-Ökonomie engagiert, muss diese zwiespältigen Wirkungen sehen.“ [2]

Erste Forschungsprojekte (Diakonie BW GmbH 2010; Lorenz 2012; Sedelmeier 2011; Selke und Maar 2011; Selke 2013) stellen hingegen Paradoxien, Dissonanzen und Folgekosten für die Betroffenen und die Gesellschaft insgesamt heraus. Trotz zahlreicher empirischer Befunde und theoretischer Analysen herrscht jedoch gerade im politischen Raum tendenziell Ignoranz oder gar Intoleranz gegenüber kritischen Ergebnissen begleitender Tafelforschung.[3]

Für den weiteren Verlauf der Darstellung erfolgt die Suche nach Solidaritätsbrüchen getrennt auf zwei Ebenen. Zunächst wird die Tafelbewegung in die Entwicklung der Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte eingeordnet, um auf Grenzverschiebungen institutionalisierter Solidaritätsformen und den Zusammenhang zwischen Tafeln und der Entpolitisierung der Armutsdebatte hinzuweisen. Danach erfolgt eine Rekonstruktion des Sozialraums der Tafeln anhand des empirischen Materials aus dem Projekt „Tafel-Monitor“, um die Veränderung praktischer Solidaritätsformen aufzuzeigen.

  • [1] Das Forschungsprojekt „Tafel-Monitor: Transformation der Lebensmitteltafeln und ähnlicher existenzunterstützender Angebote im institutionellen Spannungsfeld zwischen Angebot und Nachfrage“ wurde von 2011 bis 2013 bzw. 2014 an den Hochschulen Esslingen (Prof. Dr. Katja Maar) und Furtwangen (Prof. Dr. Stefan Selke) durchgeführt. Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg förderte es im Rahmen der Ausschreibung „Innovative Projekte“
  • [2] kda-ekd.de/media/downloads/publikationen/2011/KDA_Brosch_HartzIV-ko-nomie_111216.pdf (Abruf am 09.12.2013)
  • [3] Exemplarisch ist auch die Aussage der CSU-Abgeordneten Dagmar Wöhrl, mit der ich am 4.12. 2013 in der ZDF-Sendung ‚log in' diskutierte. Wöhrl behauptete, dass es Aufgabe des Staates sei, Armut zu „lindern“. Damit lieferte sie unbeabsichtigt die Bestätigung einer meiner Kernthesen: Ich gehe davon aus, dass es gegenwärtig einfacher ist, öffentliche Sympathie für Armutslinderungsspektakel zu erzielen, als politische Legitimation für nachhaltige Armutsbekämpfung
 
< Zurück   INHALT   Weiter >