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6.2.3 Inszenierte Solidarität in der Freiwilligengesellschaft

Vor allem passen Tafeln perfekt in eine „Gesellschaft des Spektakels“ (Débord 1996) innerhalb derer institutionalisierte Solidaritätsformen in neue private Hilfsagenturen ausgelagert werden, womit zu einer Privatisierung der Solidarität unter neosozialstaatlicher Prämisse beigetragen wird. Inszenierte Solidarität wurde damit zu einer neuen Form des sozialen Engagements (vgl. Rauschenbach 1994, für die USA Berg 2008, 2013). Tafeln wurden zudem schleichend von den Funktionsräumen von Medien, Wirtschaft und Politik absorbiert (Selke 2013c). Für die Medien sind sie ein Vorzeigemodell für personifizierbares bürgerschaftliches Engagement. Für die Wirtschaft dienen sie als Dauerbeleg für eigene gesellschaftliche Verantwortung. Und für die Regierenden sind sie eine willkommene Entsprechung der eigenen Prämisse einer innovativen Engagementpolitik.

Der Ruf nach zivilgesellschaftlichem Engagement ist eine typische – keineswegs neue – Gegenreaktion auf ökonomische, soziale und politische Krisen. Seit 2007 ist diese Aktivierung in verschiedenen EU-Strategiepapieren angelegt und findet sich auch im aktuellen Armutsund Reichtumsbericht wieder: „Die Bundesregierung prüft, wie weiteres persönliches und finanzielles freiwilliges Engagement Vermögender in Deutschland für das Gemeinwohl eingeworben werden kann“.[1] Immer häufiger organisiert man in Deutschland und Österreich Freiwilligenmessen, erkundet man ‚Engagementlandschaften' oder wird Freiwilligenmanagement praktiziert.

Die systematische Instrumentalisierung engagierter BürgerInnen gehört zum Notlösungskonzept der Politik. Das gute Image der Tafeln wirkt dabei als Vertrauensgarantie und Motivationsanschub. Aber die vergangenen 20 Jahre zeigen, wie sich die Grenzlinien zwischen staatlicher Wohlfahrt und privater Wohltätigkeit graduell verschieben. Die Verantwortung für soziale Sicherung wurde von der Politik nach und nach auf Freiwillige verlagert, ohne dass diese auf Dauer eine befriedigende Bewältigung dieser Aufgabe garantieren könnten. Sollten der sozialen Spaltung der Gesellschaft langfristig nur private Almosensysteme entgegengesetzt werden, sind zukünftig grundlegende gesellschaftliche Verwerfungen zu befürchten, die für demokratisch verfasste Gesellschaften nicht akzeptabel sind.

  • [1] 4. Armutsund Reichtumsbericht der Bundesregierung, S. XLVII
 
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