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6.3.2 Einflussfaktoren der Tafelnutzung

Motivation, Art und Umfang der Tafelnutzung hängen von einer Vielzahl möglicher Einflussfaktoren ab. Die Nutzung einer Tafel in einer durch Armut verursachten Notsituation ist keinesfalls ein Automatismus[1]. Es gibt keine kausale Kopplung von Armut und Tafelnutzung. Ob Tafeln tatsächlich als Mittel der Armutslinderung in Anspruch genommen werden, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Faktoren, die zu drei Einflussdimensionen gruppiert werden können.

Zu den strukturellen Einflussfaktoren lassen sich zum einen Dispositionen zählen, die die Lebenssituation des/der NutzerIn grundlegend charakterisieren, zum anderen räumliche und physische Faktoren, die eine Tafelnutzung erschweren oder erleichtern: Kapitalausstattung, räumliche Entfernung und die eigene Mobilität. Auch die Lage der Ausgabestelle kann als strukturierender Faktor verstanden werden.[2] Die öffentliche Zuschaustellung von Armut wird aus Sicht der NutzerInnen als beschämendes Moment verstanden: „Der Punkt ist, man steht da unten und wird von allen gesehen. Total einsehbar. Hier (…) stehen sie ja mehr oder weniger am Pranger. So wie es hier aufgezogen wird, ist das sehr fragwürdig. Das hat was von Obdachlosenversammlung.(Interview: Tafel-Monitor).

Weiterhin bestimmen soziale Einflussfaktoren Art und Umfang der Tafelnutzung. Folgt man dem Bezugsgruppenkonzept von Hyman (1968), so ist die eigene soziale Verortung maßgeblich für die soziale Etikettierung von Tafeln.[3] Je nach Herkunft aus tafelaffinen oder tafelkritischen Milieus unterscheidet sich die grundsätzliche Sichtweise auf Tafeln. Der eigene Überlebenshabitus hängt entscheidend davon ab, welche Solidaritätsnormen innerhalb der eigenen Bezugsgruppe vorherrschend sind. Ein weiterer sozialer Einflussfaktor sind familiäre Normen, die sich z. B. in Verpflichtungen zu Unterstützungsleistungen und/oder Verantwortungsverhältnissen ausdrücken. Hierzu gehört auch die Durchsetzung immer selbstverständlicherer Handlungsimperative („Dann geh doch zur Tafel“, vgl. Selke 2013b, S. 39 ff.) und die immer häufiger belegbaren Verweise staatlicher Stellen auf Tafeln, wenn z. B. Jobcenter dazu auffordern, bei Hartz IV-Sanktionen Tafeln in Anspruch zu nehmen.[4]

Letztlich sollen noch persönliche Einflussfaktoren Erwähnung finden, die sich aus der Lebenseinstellung und den biographischen Umgang mit der Armutserfahrung und dem Tafelsystem ableiten lassen. Der individuelle Aspirationshorizont macht deutlich, wie weitreichend Ziele angesetzt sind, die für das eigene Leben verfolgt werden. Wer über einen engen Aspirationshorizont verfügt, begnügt sich mit der bloßen Sicherung der physischen Existenz und lebt eher ‚von Tag zu Tag':

Ich zockl' durch mein Leben, mehr als anderen bei Ihrem Leben zuschauen und zuhören kann ich nicht tun. Ich warte eigentlich darauf, dass es vorbei ist(Interview: Tafel-Monitor). Das Aspirationsniveau überlagert sich praktisch untrennbar mit der individuellen Resilienz, der persönlichen Widerstandsfähigkeit und somit Kompetenz, mit psychischen und physischen Belastungen umzugehen. Relevant für die Tafelnutzung sind zudem Sozialisationserfahrungen im Umgang mit Le- bensmitteln sowie biografische Mangelerfahrungen (vornehmlich durch den Zweiten Weltkrieg).

  • [1] Diese Aussage steht im Gegensatz zu den Darstellungsweisen des „Bundesverbandes Deutsche Tafel e. V.“, der versucht genau diese kausale Kopplung zu suggerieren um damit seine Legitimation zu stärken und sich als flächendenkendes Modell der Armutsversorgung zu empfehlen
  • [2] Exponierte Lagen von Ausgabestelle (sog. A-Lagen im Stadtzentrum) mögen aus Perspektive der Tafeln positiv besetzt sein, weil dann argumentiert werden kann, dass öffentlich auf Armut aufmerksam gemacht wird. Eine Skandalisierung von Armut ist allerdings damit nicht automatisch verbunden
  • [3] Individuen orientieren sich bei ihrem Handeln (also auch bei der Wahl, Akzeptanz oder Ablehnung von Hilfeleistungen) an Bezugsgruppen, die ihnen einen Referenzrahmen liefern. Der Stellenwert von Bezugsgruppen besteht darin, dass sie (Handlungs-)Modelle zur Verfügung stellen, nach denen sich individuelle Akteure unhinterfragt in ihren Ansichten und Überzeugungen ausrichten können. Die Zugehörigkeit zu einer oder die Orientierung an einer Bezugsgruppe hat also letztlich „kognitive“ Folgen, d. h. sie geben verlässlich Weltmodelle vor (solange sie nicht hinterfragt werden). Aus der Sozialpsychologie ist das Phänomen des „informativen sozialen Einflusses“ bekannt
  • [4] Inzwischen ist es zudem gängige Praxis, dass Jobcenter ALG II-Empfänger direkt zu den Tafeln schicken. Davon berichteten etliche TafelnutzerInnen im Rahmen des Forschungsprojekts ‚Tafel-Monitor'. Teilweise wird damit auch ganz offen umgegangen, wie bspw. in Saarbrücken: saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/Jobcenter-Tafel;art27856,4601688 (14.03.2014)
 
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