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6.3.3 Dimensionen der Tafelnutzung

Im Folgenden werden zwei zentrale Dimensionen [1] skizziert, die der Typologisierung der TafelnutzerInnen dienen. Die Dimension „Normalisierungsstrategie“ markiert den Umgang mit einer Statuspassage, die am Anfang jeder Tafelnutzung steht („das erste Mal“) und thematisiert die Tafelnutzung als Einbruch der Krise in die eigene Alltagsroutine. Dabei hat die Tafelnutzung zunächst die Bedeutung einer individuellen Herausforderung, die aber innerhalb vorgängiger Orientierungsrahmen bewältigt werden kann. Die zugrunde liegende Annahme besteht darin, dass der Besuch einer Tafel ein Erlebnis darstellt, das nicht durch routiniertes Verhalten zu bewältigen ist und daher neue individuelle Bewältigungsmuster und Konfliktlösungsstrategien erfordert. TafelnutzerInnen lernen, mit dieser neuartigen – strukturell krisenhaften – Situation umzugehen und entwickeln dabei Strategien, die helfen, mit den durch den Tafelbesuch evozierten Identitätskonflikten und kognitiven Dissonanzen umzugehen.

Während mit der ersten Dimension eher eine normative Perspektive eingenommen wird, weil sie die Frage in den Mittelpunkt stellt, wie eine Person gemäß der Vorgaben der eigenen Bezugsgruppe reagieren soll, fokussiert die zweite Dimension „Bilanzierungsergebnis“ die praxeologische Perspektive. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Tafelnutzung sich repetitiv und zugleich in variablen Interaktionsund Kommunikationsformen vor Ort vollzieht. Den (wechselnden) Angeboten der Tafeln stehen dabei (wechselnde) Nutzungsbedingungen bzw. Nutzungsaufwände gegenüber. Der spezifische Charakter der Tafelpraxis kann als eine „situative Ökonomie“ klassifiziert werden, innerhalb derer die praktische Nutzung der Tafeln einem kontinuierlichen Bilanzierungsprozess unterliegt. Hierbei werden neben dem Gebrauchsund Tauschwert der Waren auch weitere Ressourcen, Optionen und Erfahrungen als „Währung“ mit in die Beurteilung einbezogen.

  • [1] Eine empirische Untersuchung der Caritas in Nordrhein-Westfalen 2010 bot Gelegenheit, zahlreiche Interviews mit Tafelnutzenden zu führen und systematisch aufeinander zu beziehen (Selke und Maar 2011). Diese Typologie wurde im Kontext des Projekts „Tafel-Monitor“ weiter ausgearbeitet, da die empirische Basis erheblich verbreitert werden konnte. Insgesamt wurden im Projekt rund 30 qualitative Interviews mit TafelhelferInnen (Teilprojekt Esslingen) und 146 Interviews mit TafelnutzerInnen (bzw. Nutzungsverweigerern) (Teilprojekt Furtwangen) durchgeführt. Die große Anzahl von NutzerInneninterviews rührt daher, dass parallel zum Forschungsprojekt nach neuen Formen der Wissenskommunikation gesucht wurde – dafür würde der „Chor der TafelnutzerInnen“ entwickelt (Selke 2013b, S. 121 ff.)
 
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