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6.3.4 TafelnutzerInnentypen

Die TafelnutzerInnen lassen sich idealtypisch vor allem aufgrund der beiden oben beschriebenen Dimensionen unterscheiden. Insgesamt können drei Grundtypen ausgemacht werden: der Integrierte, der Pragmatiker sowie der Distanzierte.

Der/die Integrierte zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass der Besuch einer Tafel (oder tafelähnlichen Einrichtung) für ihn kaum oder gar nicht mit kognitiven Dissonanzen verbunden ist. Der Tafelbesuch stellt gerade keinen krisenhaften Einbruch in seine Alltagsroutine dar, sondern ist unhinterfragter Bestandteil der eigenen Normalität, die bereits durch Abhängigkeitsverhältnisse und einen Mangel an Autonomie bestimmt ist. Er ist geprägt von einer als dauerhaft wahrgenommenen Armutserfahrung und verfügt, aufgrund von geringen bzw. nicht vorhandenen Perspektiven auf eine Verbesserung der persönlichen Situation, über einen geringen Aspirationshorizont. Die Nutzung existenzunterstützender Angebote gehört im „entkoppelten“ Milieu längst zur allgemeinen Norm. In diesem Umfeld bleiben restriktive oder ablehnende Reaktionen aus. Der Integrierte erfährt vielmehr Bestätigungsstatt Ablehnungssignale – er nutzt die Tafeln „wie selbstverständlich“. Da das eigene Umfeld (Bekannte, Familienmitglieder sowie auch Jobcenter) aktiv auf Tafeln verweist, erscheint dem Integrierten deren Nutzung als allgemein legitimierte Handlungsform.

Praktisch bietet sich dem Integrierten neben ökonomischen Mitnahmebzw. Einspareffekten durch die Tafelnutzung die Gelegenheit, bestehende Kontakte zu pflegen oder neue Kontakte hinzuzugewinnen. So wird z. B. die Wartezeit genutzt, um sich mit ebenfalls die Tafel nutzenden Bekannten, Nachbarn und Verwandten auszutauschen. Eher isoliert lebende Personen nutzen die Anwesenheit am Ausgabeort, um Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kennenzulernen. Das Motiv „unter Leute“ zu kommen, „sich auszutauschen“ oder „sich mal zu unterhalten“ spielt für den Integrierten eine erkennbare Rolle.

Diese Normalisierung bedarf jedoch einer ständigen sozialen Grenzziehung am Ort der Tafeln. Die funktionale Vergemeinschaftung des Integrierten wird flankiert von einer Abgrenzung denjenigen NutzerInnen gegenüber, die der Unterstützungsleistung nach (subjektiver) Einschätzung aufgrund von Fehlverhalten weniger „würdig“ sind, bzw. im Verdacht stehen, diese zu missbrauchen. Um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken und innerhalb der Gruppe der TafelnutzerInnen einen Statusgewinn zu erlangen, muss das eigene Verhalten als „richtig“ klassifiziert und vom devianten Verhalten anderer TafelnutzerInnen abgegrenzt werden. Auf diese Weise kommt es zur Paradoxie der Vergemeinschaftung durch Entsolidarisierung – die sich in zahlreichen (non)verbalen Konflikten zeigt (vgl. Selke 2013b, S. 124 ff.). Beim Abgrenzungsgestus stehen vor allem Normen des Verzichts im Mittelpunkt. Nur wer dem Anspruch maximaler Bescheidenheit gerecht wird, hat legitimen Anspruch auf die Hilfe durch Tafeln.[1]

Um die prinzipielle Ambivalenz dieses Überlebenshabitus zwischen devotem Bittstellerverhalten und selbstbewusster Anspruchshaltung aufzulösen, spiegelt der Integrierte die Rollenzuschreibungen der HelferInnen. So wird einerseits auf der Verhaltensebene Bescheidenheit, Demut und Dankbarkeit eingefordert, da die ehrenamtlich tätigen HelferInnen erwarten, dass ihre freiwillige Arbeit honoriert und nicht als selbstverständlich hingenommen wird. Gleichzeitig wird von den TafelnutzerInnen als „KundenInnen“ gesprochen. Auch der üblicherweise zu zahlende Preis für die erhaltenen Lebensmittel soll den Almosencharakter der Hilfsleistung verdecken und suggerieren, dass der TafelnutzerInnen die Waren ähnlich wie in einem Supermarkt regulär kauft und so eine auf Leistung und Gegenleistung beruhende Geschäftsbeziehung eingeht. Diese Widersprüchlichkeit spiegelt sich im Verhalten anderen NutzerInnen gegenüber, d. h. der/die Integrierte tritt eher bescheiden und demütig auf und fordert dieses Verhalten auch von anderen NutzernInnen ein.

Da bei der Evaluation von Erfahrungen und Aufwänden dem ökonomischen und sozialen Nutzen lediglich physische Belastungen (Wartesituation, Transport, Mobilität, etc.) entgegenstehen, wird die Tafelnutzung von diesem NutzerInnentyp insgesamt positiv bilanziert. Der regelmäßige Tafelbesuch wird für den/die IntegrierteN zu einem den Alltag strukturierenden Faktor, der einen verlässlichen finanziellen und sozialen Mehrwert bringt. Aufgrund der Regelmäßigkeit und (relativen) Verlässlichkeit der erhaltenen Unterstützung, der starken Integration innerhalb des Sozialraums der Tafel und der Betitelung als „Kunde“ nimmt der/die Integrierte die erhaltenen Waren strukturell als funktionales Äquivalent zu Produkten des ersten Konsummarkts wahr. Um die strukturelle Machtasymmetrie aufzubrechen und eine Normalitätsfiktion zu entwickeln verfällt dieser Typ gegenüber den HelferInnen in eine Anspruchshaltung oder leitet gar Rechtsansprüche auf die Hilfsleistung ab. Die Tafelnutzung erhält den Status eines Rechtsguts.

Für den/die PragmatikerIn ist der Tafelbesuch keine Normalität. Vielmehr stellt die Nutzung einer Tafel einen erkennbaren Bruch innerhalb seiner Alltagsroutine und eine Verletzung seines Selbstbilds dar. Mitglieder seiner sozialen Bezugsgruppe sind meist prekär beschäftigt, aber eben noch an den ersten Arbeitsmarkt angebunden. Selbst permanent vom Abstieg bedroht, ist das Misstrauen des/der PragmatikerIn und seine Abneigung gegenüber den bei Tafeln üblicherweise anzutreffenden TransferleistungsbezieherInnen in diesem sozialen Umfeld besonders hoch. Die Tafeln zu nutzen bedeutet, „fast ganz unten“ (Selke 2008) angekommen zu sein. So kommt zu der endogen empfundenen Scham des/der PragmatikerIn noch die Beschämung von exogener Seite – von Bekannten und Familienmitgliedern – hinzu. Anders als bei der/dem Integrierten, der aus der Tafelnutzung kein Geheimnis machen muss, antizipiert der/die PragmatikerIn (s)ein Stigma und verschweigt tendenziell den Gang zur Tafel. Er/Sie sagt es „bestimmten Leuten nicht“ und hat Angst davor „noch weiter runtergestuft“ zu werden.

Der Prototyp des/der PragmatikerIn ist die alleinerziehende Mutter, die eine Tafel nutzt, um ihren Versorgungsverpflichtungen nachzukommen. Diese Verantwortung „zwingt“ zur Tafelnutzung. Umgekehrt ist die Tafelnutzung auch eine Alltagsstrategie, die von „Cleverness“ zeugt. Die Gedanken daran, selbst „asozial“ zu sein, verdeutlichen die Dissonanzen, werden aber immer wieder mit Verweis auf die eigene, als vorbildlich und notwendig zugleich empfundene Verantwortungsübernahme nivelliert.

Statt eines perspektivenlosen Dauerzustands, nimmt der/die PragmatikerIn die Armutssituation wie eine vorübergehende Lebensphase wahr. Die eigenen Aspirationen zielen auf einen Wiedereintritt ins Berufsleben oder einen beruflichen Aufstieg. Der Aspirationshorizont des/der PragmatikerIn reicht demnach weiter als der des/der Integrierten, d. h. er/sie verfügt über Lebensziele, die über die bloße Sicherung der Existenz hinausreichen. Gerade deshalb kann der Pragmatiker noch eine Differenz zwischen Idealbild und Ist-Zustand ausmachen. Er/Sie empfindet Scham, weil er/sie auf wohltätige Hilfe angewiesen ist, die für ihn/sie eine neuartige und tendenziell entwürdigende Erfahrung und somit einen Bruch des Selbstbilds darstellt.

Die bei Tafeln ausgegebenen Lebensmittel haben für den/die PragmatikerIn einen Almosencharakter und stellen eine Nothilfe dar, die zur ausreichenden Ernährung und/oder finanziellen Entlastung zumindest zeitweise dringend benötigt wird. Die empfundenen sozialen und psychischen Belastungen gehen negativ in die Evaluation des Tafelbesuchs ein, bei dem allein der ökonomische Gewinn positiv ausfällt. Gewöhnungseffekte und positive Erfahrungen in der Interaktion vor Ort helfen, die psychischen Belastungen dieses Typs im Zeitverlauf abschwächen. Die psychischen Belastungen bei Nutzung der Tafel werden von dem/der Pragma-tikerIn also aufgrund der Versorgungspflicht billigend in Kauf genommen. Dies zeigt sich auch darin, dass versucht wird, schnellstmöglich wieder andere Ressourcen zu gewinnen, um die finanzielle Situation zu entspannen und eine Alternative zu Tafeln bieten zu können. Je absehbarer das Ende der Tafelnutzung ist, desto weniger belastend wird die eigene Praxis empfunden. Hieraus ergibt sich folgende Perspektive auf Tafeln: Die auf einer Verantwortung fußende Nutzenkalkulationen hilft, die (latenten) kognitiven Dissonanzen zu überwinden und Normalität herzustellen. Die Hoffnung auf eine Überwindung der Armutssituation und einem Ende der Abhängigkeit von der Tafelhilfe bleibt zunächst bestehen.

Für eine Untergruppe des/der PragmatikerIn spielt zudem das Motiv der „Lebensmittelrettung“ als Entlastungsmotiv eine Rolle. Die Vorstellung, im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit zu agieren, hilft, sich weniger als Bittsteller und eher als „ökologisch handelnder Mensch“ zu fühlen.

Der/die Distanzierte besucht die Tafel als allerletzte „Notlösung“ in einer finanziell prekären Situation. Die kognitiven Dissonanzen sind manifest und können situativ nicht überwunden werden, sodass als „Lösung“ bzw. Normalisierungsstrategie nur das Leiden an der Situation bleibt. Der/die Distanzierte ist mit kulturellem Kapital ausgestattet, verfügt über höhere Bildungsabschlüsse und hatte über eine längere Zeit seines Lebens eine meist eigenverantwortliche Position inne. Der Prototyp des/der Distanzierten ist der/die sozial abgestürzte selbständige UnternehmerIn.[2]

Die soziale Bezugsgruppe des/der Distanzierten befindet sich in stabilen Arbeitsverhältnissen, ist ebenfalls (hoch) gebildet und in der (oberen) Mittelschicht angesiedelt. Der eigene Stolz als ehemals erfolgreiche/r Berufstätige/r und der Wunsch, die finanzielle Notlage nicht publik zu machen, macht es dem/der Distanzierten unmöglich, Freunde oder Verwandte um finanzielle Hilfe zu bitten. Erst wenn sämtliche finanzielle Spielräume ausgeschöpft sind und der Leidensdruck groß genug ist, wird die Tafel als „allerletzte Notlösung“ in Betracht gezogen. Der Gang zur Tafel wird als entwürdigender und beschämender Bruch mit der Normalität empfunden, was starke kognitive Dissonanzen auslöst. Gleichwohl muss diese Notlinderungspraxis mangels Alternativen in Kauf genommen werden und. Da sich das mit dem Tafelbesuch verbundene Gefühl der Scham und Entwürdigung jedoch auch im Zeitverlauf nicht mindert, lösen sich die kognitiven Dissonanzen des/der Distanzierten und damit die Störung des eigenen Selbstbildes nicht auf. Das Verschweigen der Tafelnutzung im eigenen privaten Umfeld ist somit eine Normalisierungsstrategie. Zudem ist die Vorstellung, sich von unverkäuflichen Lebensmittelresten zu ernähren, sowie die Tatsache mit Personen Schlange stehen zu müssen, zu denen eine große soziale Distanz besteht, für diesen NutzerInnentyp (nahezu) unerträglich.

Das eigene Schamgefühl ist bei dem/der Distanzierten sehr stark ausgeprägt, da die Abhängigkeit von Hilfen mit seinem/ihrem Selbstbild als BürgerInnen mit sozialen Rechtsansprüchen kaum zu vereinbaren ist. Aufgrund seiner/ihrer kulturellen Kapitalausstattung ist der/die Distanzierte tendenziell mehr als die anderen NutzerInnentypen in der Lage, die soziale Metaphorik der Tafeln zu dekodieren. Tafeln werden von ihm als soziale Platzanweiser verstanden. Im Sinne Foucaults (1967, S. 44) können sie als Heterotopien klassifiziert werden. Die Funktion der parallelen Welten ist die Sicherung des Fortbestands derjenigen Welt, die der gesellschaftlich vorrätigen, dominanten Wahrnehmung entspricht. Durch die Etablierung von „Abweichungsheterotopien“ oder „Krisenheterotopien“ (Foucault 1967, S. 40 f.) wird die Gesellschaft funktional strukturiert und letztlich kontrolliert. Die Disziplinierung des Elends bei Tafeln ist in diesem Szenario also funktionaler Bestandteil des Fortbestands der Gesellschaft. Sich an diesem sozialen Ort und somit in der BittstellerInnenrolle wiederzufinden ist für den/die DistanzierteN aufgrund seiner Berufsbiografie mit einer enormen emotionalen Belastung und der nachhaltigen Verletzung des Selbstwertgefühls verbunden, da in seinem/ihrem Fall die gesellschaftliche Fallhöhe besonders hoch ist.

Das Motiv zur Tafelnutzung des/der Distanzierten ist daher rein ökonomisch. Da die habituelle Distanz zu den anderen NutzerInnen als besonders groß empfunden wird, knüpft er/sie keine sozialen Kontakte und grenzt sich sogar bewusst von den anderen NutzerInnentypen ab. Wenn überhaupt soziale Kontakte entstehen, dann noch am ehesten mit NutzerInnen des gleichen Typs oder den ehrenamtlichen HelferInnen, die meist über einen ähnlichen soziokulturellen Hintergrund verfügen und bei denen „der gemeinsame Nenner größer ist“, was ebenfalls als eine Normalisierungsstrategie verstanden werden kann. Unter diesen Bedingungen fällt die Bilanzierung des Tafelbesuchs für den/die DistanzierteN nur sehr schwach positiv aus.

  • [1] Demnach erlischt dieser Anspruch bei Vorhandensein schlechter Tugenden (Trinken, Rauchen) oder wenn die ökonomische Notlage nicht direkt ersichtlich ist (z. B. bei Besitz eines Pkws). Hinzu kommen Vorstellungen des angemessenen Verhaltens am Ort der Tafel. Dieses sollte von Bescheidenheit, Dankbarkeit, Geduld, Zuverlässigkeit und Demut geprägt sein. Neben internen Abgrenzungen gegenüber diesen vermeintlich „unwürdigen“, spielen auch rassistische Einstellungen eine Rolle
  • [2] Im Zuge der Hartz IV-Gesetzgebung ist es möglich, dass auch ehemalige Führungskräfte oder Firmeninhaber nach maximal 18 Monaten Arbeitslosigkeit in den ALG 2-Bezug – und somit meist auch unter die Armutsgrenze – rutschen
 
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