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6.3.5 Sozialraummodell der Tafelnutzung

Die Analysen zu Tafeln sind aufgrund forschungspraktischer Zwänge von einer generellen Zeitblindheit gekennzeichnet. Um das System der Tafeln zu verstehen, reicht es nicht aus, NutzerInnentypen aus dem empirischen Material herauszulösen. Vielmehr müssen auch Übergänge zwischen den NutzerInnentypen und

Abb. 6.1 Transitorisches Sozialraummodell der „Tafeln“. (© Selke)

Nutzungsformen in den Blick genommen werden. Hierzu dient das transitorische Sozialraummodell der Tafeln, das aus der Kombination beider Dimensionen der Tafelnutzung – Normalisierungsgrad und Bilanzierungsergebnis entsteht – und so drei Zonen der Tafelnutzung umreißt (vgl. Abb. 6.1). Die Zonen ergeben sich einerseits daraus, wie „normal“ oder „episodisch“ die Tafelnutzung ist. Andererseits unterscheiden sich die Zonen darin, wie das subjektive Bilanzierungsergebnis der Tafelnutzung ausfällt.

Die Zone der Aushandlung markiert den Einstieg der Tafelnutzung. Dort beginnen die Erfahrungen der TafelnutzerInnen. In dieser Zone finden grundlegende Praxiserfahrungen statt, Kategorien der Bilanzierung entstehen bzw. werden kom-muniziert. Je nach Kombination der Dimensionen ergibt sich ein Verbleib in dieser Zone oder ein ‚Driften' in eine der beiden angrenzenden Zonen. Fällt die persönliche Bilanzierung aufgrund der sinkenden psychischen Belastung im Zeitverlauf sowie regelmäßig positiver Erfahrungen vor Ort (soziale Kontakte, lohnendes Angebot, respektvoller Umgang) insgesamt dauerhaft positiv aus, beginnt der NutzerInnen die Tafelnutzung in den Alltag zu integrieren und sich in der Armutssituation dauerhaft einzurichten. Dies geschieht vor allem dann, wenn sich keine Alternativen auftun. Der Pragmatiker kann am ehesten dieser Zone zugerechnet werden.

In der Zone der Stabilisierung hat die Praxis Normalitätsstatus, die NutzerInnen überwiegend zu einem positiven Bilanzierungsergebnis. Hier findet sich tendenziell der/die Integrierte. Im Zeitverlauf werden Tafeln als strukturgebendes Element in das persönliche Lebensführungsregime eingegliedert. Die dauerhafte Abwesenheit kognitiver Dissonanzen und negativer Emotionen kann als Indikator einer schleichenden Normalisierung der Tafelpraxis verstanden werden. Die Tafeln werden so als institutionalisierter Ersatzraum für soziale Teilhabe erlebt und etabliert, innerhalb derer sich die dort verbleibenden NutzerInnen vergemeinschaften und entsolidarisieren. Die aufwendige Exklusionsverwaltung und die daraus resultierende abgeleitete Unselbständigkeit schaffen einen neuen sozialen Standard. Dies passt sich gut in Gesellschaftsdiagnosen ein, die auf Orientierungsverluste „erschöpfter“ Individuen hinweisen (Ehrenberg 2004; Lutz 2014).

Statt Perspektiven für eine selbstbestimmte Lebensführung zu entwickeln, erfolgt das Einrichten in der ökonomischen Mangelsituation. Tafeln tragen damit eher zur Stabilisierung statt zur Überwindung von Armut bei. Innerhalb dieser Zone besteht die Gefährdung darin, dass es bei längerem Verbleib zu Formen der Parallelweltbildung kommen kann. Tafeln bieten somit gerade keine Hilfestellung an, um eine Notsituation zu überbrücken, sondern werden für die NutzerInnen dieser Zone zum Dauerversorger. Indem ein institutionalisierter Ersatzraum entsteht, wird gerade keine nachhaltige Hilfe geleistet. An die Stelle gesellschaftlicher Teilhabe tritt der Kontakt zu Menschen in ähnlicher Lebenslage am Ort der Tafel. Gleichzeitig führt die Konkurrenzsituation angesichts der begrenzten Warenmenge zu Konflikten – Missgunst, Abgrenzungsund eben Entsolidarisierungstendenzen werden so verstärkt.

Die Zone der De-Humanisierung wird von TafelnutzerInnen eingenommen, die sich dadurch auszeichnen, in der Tafelpraxis eher eine episodische biografische Ausnahme zu sehen und die gleichzeitig zu einem vermehrt negativen Bilanzierungsergebnis kommen. In dieser Zone findet sich tendenziell der/die Distanzierte. In diese Zone zu verbleiben zieht manifeste kognitive Dissonanzen nach sich, die selten aufgelöst werden können. Jeder Besuch der Tafel verdeutlicht den eigenen sozialen Abstieg konkret und zugleich symbolisch, was den/die NutzerIn dauerhaft belastet. Die empfundenen Kosten in Form von Entwürdigungsund Beschä- mungserfahrungen sind in dieser Zone besonders hoch, was dazu führt, dass es bei längerem Verbleib zu nachhaltigen Entmenschlichungserscheinungen kommen kann.

 
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