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6.4.2 Kompression als Solidaritätsbruch

Am Ort der Tafel wiederum kommt es zu einer Kompression von Solidarität, vornehmlich in der Zone der Stabilisierung. Von Kompression wird hierbei in Anlehnung an den Begriff der „Kompression von Morbidität“ im Bereich von Pflegesettings gesprochen. Dabei geht es um das Hinausschieben teurer Pflegestufen in ein möglichst hohes Lebensalter (z. B. durch den Einsatz assistiver Technologien), um volkswirtschaftlichen Sparansätzen gerecht zu werden.[1] Die Analogie besteht darin, dass Solidarität in den Sozialraum von Tafeln und ähnlichen existenzunterstützenden Angeboten verlagert wird. Die Auslagerung kommt einer Privatisierung von Hilfeleistungen gleich – soziale BürgerInnenrechte werden durch Almosen ersetzt. Hierbei ist die volkswirtschaftliche Entlastung das Hauptmotiv, das darin mündet, dass sich nach zwei Jahrzehnten fast keine Alternativen zu Tafeln vorstellbar sind, sondern nur noch über alternative Tafeln diskutiert wird. Freiwilliges Engagement ist sicher sinnvoll und unverzichtbar wenn es darum geht, staatliche Leistungen zu ergänzen oder neue Problemfelder unbürokratisch zu bearbeiten. Jeder der rund 60.000 TafelhelferInnen beabsichtigt mit seinem Engagement sicherlich lediglich, Gutes zu tun und den Bedürftigen unmittelbar und direkt zu helfen – und betrachtet sein eigenes Verhalten als „solidarisch“. Dennoch trägt nicht nur das System der Tafeln in seiner institutionellen Gesamtheit dazu bei, die Politik aus der Verantwortung zu entlassen und die Gesellschaft an die Individualisierung und Privatisierung des Armutsproblems zu gewöhnen. Auch die (politisch gewollte) Förderung des tafeltypischen Engagements trägt dazu bei, Armut tendenziell eher zu verwalten als zu bekämpfen. Aufgrund der doppelten Strukturiertheit des Sozialraums der Tafeln – auf der einen Seite die moralisch überlegenen HelferInnen in einer Machtposition, auf der anderen Seite die sozial verunsicherten NutzerInnen in einer Ohnmachtsposition – wird durch die institutionellen Bedingungen der Tafeln Solidarisierung zwischen beiden Akteursgruppen strukturell verhindert. Diejenigen TafelnutzerInnen, die dauerhaft keinen Anschluss zur Mehrheitsgesellschaft finden, richten sich in einer Ersatzwelt ein. Statt sozial inkludiert zu werden, grenzen sie sich gemeinsam aus und empfinden diesen Zustand mit der Zeit als normal. Besorgniserregend ist die Feststellung, dass TafelnutzerInnen in der Zone der Stabilisierung keine Scham mehr empfinden. Durch die verstetigte Entkopplung sind die daran gewöhnt, von Hilfsangeboten abhängig zu sein. Die Tafelnutzung selbst wird nicht mehr kritisch hinterfragt. Die Perspektivlosigkeit schlägt potenziell in Entsolidarisierungstendenzen anderen NutzerInnen gegenüber um – einer Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2012). Diese (latenten) Formen der Entsolidarisierung sind der Preis dafür, mit dem Misstrauen in die Leistungen des politischen Systems und der eigenen Perspektivlosigkeit umgehen zu können und führen dazu, sich mit der Situation durch Nutzung existenzunterstützender Angebote bestmöglich zu arrangieren. Solidarität wird institutionell und interpersonell lediglich „gebrochen“ und entkontextualisiert erlebt. Inszenierte und komprimierte Solidarität sind eigentlich Gesten der Hilflosigkeit. Die Debatte über die Folgen dieses Wandels ist noch nicht einmal annähernd er- öffnet.

  • [1] Dabei geht es um das Hinausschieben teurer Pflegestufen in ein möglichst hohes Lebensalter (z. B. durch den Einsatz assistiver Technologien), um volkswirtschaftlichen Sparansätzen gerecht zu werden
 
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