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7.2 Theoretische Implikationen zum Verhalten Arbeitsloser

Es ist strittig, ob Arbeitslosigkeit als eine überwindbare Zeit oder aber als Auslöser von Desintegrationsprozessen einzustufen ist: Einerseits betonen VertreterInnen der Dynamischen Armutsforschung im Rekurs auf die Individualisierungsthese (Beck 1986) das Phänomen einer Verzeitlichung und Entgrenzung von Armut (Buhr 1995; Leibfried et al. 1995). Die Leute bleiben, so die These, auch in prekären Lebenslagen handlungsfähig und finden selbstkontrolliert aus Armut und Arbeitslosigkeit heraus. Die Situationsbewältigung liegt in der Hand mündiger AktivbürgerInnen die keiner sozialpolitischen Lenkung bedürfen. Als entscheidend erweist sich die subjektive Auffassung der eigenen Chancenlage, zu deren Erklärung auf Copingtheorien zurückgegriffen wird (Bude und Lantermann 2006). Die Qualität, Richtung und Intensität der individuellen Situationsbewältigung wird hiernach von individuellen Abwägungsprozessen zwischen wahrgenommenen Anforderungen und verfügbaren Ressourcen bestimmt. Wobei Motivation und Selbstkontrolle auch durch wiederholte Misserfolge geschwächt werden können und wiederholtes Scheitern an antizipierten Erwartungen individuelle Fähigkeiten zum Erkennen und Nutzen von Handlungsmöglichkeiten beeinträchtigen kann (Leibfried et al. 1995; Gebauer 2007).

Andererseits betonen sowohl das Armutsfallentheorem als auch Theorien sozialer Exklusion die Mechanismen einer durch Arbeitslosigkeit indizierten Spirale sozialer Desintegration – allerdings unter konträren Vorzeichen: In der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie wird angenommen, das Verhalten Arbeitsloser resultiere aus einer subjektiv rationalen Abwägung der Kosten und des Nutzens der Aufnahme einer Erwerbsarbeit. Doch stehen dem kurzfristig rationalen Kalkül nicht bedachte langfristige Folgen gegenüber: Durch eine Entwertung individuellen Humankapitals reduzierten sich peu à peu die Chancen einer Wiederbeschäftigung. Nicht intendierte Folge des subjektiv rationalen Handelns sei folglich ein Zurückfallen hinter der Leistungsnorm marktorganisierter Gesellschaften. Die Arbeitslosen gerieten durch ihr eigenes, durch sozialpolitische Fehlanreize hervorge- rufenes Verhalten in eine Falle (vgl. Mankiw 1998; Gregg et al. 1999; Pearson und Scarpetta 2000).

Hingegen betonen VertreterInnen von Theorien sozialer Exklusion institutionalisierte Machtverhältnisse, die Desintegrationsprozesse in Gang setzen und halten (Kronauer 2010, S. 262) sowie strukturelle Barrieren, die Arbeitslosen den Weg zur Erwerbsintegration als zentraler Dimension sozialer Inklusion versperren. Druckmittel zur Arbeitsaufnahme führten bei blockiertem Zugang zu Arbeitsmärkten zur Kopplung zweier Ausgrenzungsformen: Zur Ausgrenzung aus der Wechselseitigkeit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung kommt noch der Verlust materieller Teilhabemöglichkeiten hinzu (vgl. Kronauer 2010, S. 247 f.). Folgt man den Annahmen der Exklusionstheorie, kann also eine Erhöhung des sozialen und ökonomischen Drucks auf Arbeitslose deren soziale Teilhabemöglichkeiten verringern. Armut und Arbeitslosigkeit können über Marginalisierungsprozesse in eine Spirale der Exklusion führen. Hier sind psychosoziale Belastungen durch anhaltenden Stress durch Verzicht und Verschuldung zu nennen aber auch Stigmatisierungsund Beschämungsprozesse, wenn Arbeitslose an sozialen Normen und individuellen Aspirationen scheitern. Um Situationen zu meiden, die Armutslagen offenlegen, werden soziale Kontakte eingeschränkt und Rückzüge aus dem öffentlichen Leben vollzogen (vgl. Elder et al. 1992; Becker und Gulyas 2012; Walker et al. 2013). Solche Desintegrationsprozesse senken die individuellen Chancen auf Arbeit (Paugam 1996; Gallie 1999). „But the central factor underlying this process is poverty. Unemployment heightens the risk of people falling into poverty, and poverty in turn makes it more difficult for people to return to work“ (Gallie et al. 2003, S. 28). Eine Politik des Sozialen hätte derweil der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Arbeit, soziale Bürgerrechte und tragfähige soziale Nahbeziehungen auf je eigene Weise Zugehörigkeit und Teilhabe vermitteln (vgl. Kronauer 2010, S. 248 f., S. 262).

Drei Theorien, aus denen sich drei Wirkungszusammenhänge ableiten, die drei konträre Handlungsempfehlungen implizieren. Die ReformerInnen der HartzKommission schenkten zu Beginn dieses Jahrtausends vor allem den Argumenten des Armutsfallentheorems Vertrauen. So sorgten die VertreterInnen des Theorems für eine wissenschaftliche Legitimation staatlicher Interventionen, indem sie dazu aufriefen, den Anpassungsdrucks an den Arbeitsmarkt zu erhöhen (vgl. Gebauer et al. 2003, S. 13). Durch eine Veränderung der institutionellen Anreizstruktur sollten die Arbeitslosen vor den nicht intendierten Folgen ihres subjektiv rationalen Handelns geschützt werden. Das Ziel, Arbeitslose schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren, legitimierte im Sinne der präferierten Theorie eine Erhöhung des institutionellen Drucks auf erwerbslose BürgerInnen.

Meine Studie setzt sich zehn Jahre nach der Umsetzung der vierten und letzten Hartz-Reform mit ihren Folgen bezüglich der sozialen Lage Arbeitsloser ausein -ander. Die Forschungsfrage lautet: Führt eine Erhöhung des Erwerbsdrucks auf Arbeitslose zu einer Beseitigung der als Problem gesehenen Arbeitslosigkeitsfalle zwischen dem System sozialer Sicherung und dem Arbeitsmarkt? Wenn die Annahmen des Armutsfallentheorems zutreffen, müsste Armut die Dauer der Arbeitslosigkeit verkürzen ( Hypothese 1). Wenn jedoch Exklusionsmechanismen wirksam werden, müssten Armutslagen einen negativen Effekt auf die Arbeitsmarktchancen zeigen ( Hypothese 2). Wenn die Annahmen der Dynamischen Armutsforschung zutreffen, müsste die Arbeitslosigkeit eine hohe Dynamik aufweisen, die sich im Zeitverlauf nicht weiter verändert ( Hypothese 3).

 
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