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7.3 Forschungsstand

Die dynamische Armutsforschung setzt dem Armutsfallentheorem empirisch entgegen, dass Armut und Bezug von Sozialleistungen oft eine vorübergehende Episode im Leben von Menschen sind. Bane und Ellwood (1986) konnten bereits in den 1980er Jahren zeigen, dass es eine hohe Fluktuation unter den Beziehern wohlfahrtsstaatlicher Leistungen gibt. Ihre Erkenntnisse wurden von der deutschen Armutsforschung (vgl. Buhr und Weber 1999; Leisering und Walker 1998; Leisering und Leibfried 1999) und von internationalen Studien bestätigt (vgl. Walker 1994; Saraceno 2002; Lightman et al. 2010).

Studien, welche die These einer Arbeitslosigkeitsfalle im Sinne einer Hypothese auffassen und anhand tatsächlichen Verhaltens empirisch überprüfen, liefern widersprüchliche Ergebnisse. In einigen kann ein Einfluss von Sozialtransfers auf das Verhalten am Übergang vom System sozialer Sicherung zum Arbeitsmarkt nachgewiesen werden. Schneider und Uhlendorff (2005) konnten einen negativen Einfluss eines geringen potentiellen Arbeitseinkommens auf die Wahrscheinlichkeit, den Sozialleistungsbezug zu verlassen, feststellen. Auch Andreß und StrengmannKuhn (1997) kommen zu dem Ergebnis, dass im unteren Einkommensbereich weniger Arbeit angeboten wird als im Durchschnitt. Staatliche Transfers spielen hierbei aber offenbar eine geringere Rolle als der Mangel an Nachfrage nach Arbeitskräften in diesem Arbeitsmarktsegment. Andere Studien kommen zu dem Schluss, dass „an der Schnittstelle zwischen Arbeitslosenhilfe und Arbeitsmarkt nicht von einer Armutsfalle gesprochen werden kann“ (Gebauer 2007). Es konnte gezeigt werden, dass der Übergang aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung im Wesentlichen durch individuelle Ressourcen bestimmt wird. Die relative Höhe der Sozialleistungen hat hingegen keinen Einfluss auf den Ausstieg aus dem Sozialtransferbezug (Gangl 1998; Schwarze und Raderschall 2002; Wilde 2003). Nichtpekuniäre Faktoren, beispielsweise das Beratungsverhalten des/der Sozialamtsmitarbeiters/in, haben einen höheren Einfluss auf die Ausstiegswahrscheinlichkeit als pekuniäre (Wilde 2003). Im europaweiten Vergleich besteht weder zwischen Leistungshöhe und Arbeitslosenquote noch zwischen Leistungshöhe und Umfang der Langzeitarbeitslosigkeit ein signifikanter Zusammenhang (vgl. Piachaud 1997, S. 51 ff.).

Vor dem Hintergrund der durch die Hartz-Reformen geänderten Rahmenbedingungen existieren nach wie vor kurze und lange, kontinuierliche und diskontinuierliche Phasen des Bezugs von Sozialtransfers (Graf und Rudolph 2009). Auch konnte bisher kaum positive Effekte der Hartz-Reformen auf die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen festgestellt werden (Klinger und Rothe 2010; Fehr und Vobruba 2011). Qualitative Studien unterstreichen den Eindruck, dass staatliche Interventionen „ins Leere laufen“ (Hirseland und Ramos Lobato 2010, S. 4; siehe auch Becker und Gulyas 2012). Im internationalen Vergleich wird Deutschland derweil ein besonders enger Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Armut bescheinigt (Gallie et al. 2003; OECD 2014). Ein Vergleich der Dynamik von Armut und Arbeitslosigkeit vor und nach der institutionellen Intervention wurde aber bisher nicht durchgeführt. [1]

  • [1] Der Grund ist wohl die schlechte Datenlage. Das SOEP ist eine der wenigen Datenquellen, die auf Mikroebene Längsschnittinformationen zum Sozialtransferbezug vor und nach 2005 liefern
 
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