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7.5.2 Deskription der Vergleichsgruppen

Im Ergebnis gibt es im Übergang vom alten zum neuen Sozialregime Erwerbslose, die einst nicht als arbeitslos deklariert waren, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung standen, nun aber als erwerbsfähig gelten (Tab. 7.1). So ergeben sich Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen, die auf eine größere sogenannte Marktnähe der Arbeitslosen im neuen Regime hinweisen. Nach 2005 befindet sich ein deutlich größerer Anteil Arbeitsloser im Arbeitslosengeld II-Bezug als zuvor im Arbeitslosenund Sozialhilfebezug. Armut als gesellschaftliche Zuschreibung von Bedürftigkeit hat sich offenbar im Zuge der Reform deutlich verstärkt. Armut im Sinne einer relativen ökonomischen Mangellage wurde aus dem MedianÄquivalenzeinkommen jahresgenau berechnet, das im Durchschnitt bei monatlich 1414 € (Zeitraum A) bzw. 1556 € (Zeitraum B) lag. Die Armutsgrenze von 60 % dieses Einkommens wurde also im Durchschnitt bei einem Monatseinkommen unter 848 bzw. 934 € unterschritten. Im Zeitraum A und B wirtschaftete etwa ein Viertel der Arbeitslosen unterhalb dieser Einkommensschwelle. Dass sich in Zeitraum B etwas mehr Haushalte in Einkommensarmut befanden, könnte Indiz für eine unzureichende Kompensation von ökonomischen Mangellagen im neuen Sozialregime sein.

Der Wirkungszeitraum der Hartz-Reformen fällt in eine wirtschaftliche Konsolidierungsphase nach Rezessionen der 1990er Jahre sowie einer Stagnation von 2000 bis 2003. Während der Jahresdurchschnittswert der inländischen Arbeitslosenquote [1] im Vergleichszeitraum A zwischen 9,4 % (2001) und 10,5 % (1999, 2004) lag, sank die Quote im Vergleichszeitraum B von 11,7 % in 2005 auf 7,7 % im Jahr 2010 (Bundesagentur für Arbeit 2011).

Was die individuellen Merkmale und Ressourcen der untersuchten Arbeitslosen angeht, so ist die Vergleichsgruppe im Zeitraum B jünger und die Bildungsabschlüsse sind höher. Möglicherweise definierten sich nach Hartz IV mehr Schulund Hochschulabsolvierende als arbeitslos, da sie im neuen Regime auch ohne Erwerbserfahrungen Ansprüche auf Arbeitslosengeld II geltend machen konnten.

Tab. 7.1 Vergleichsgruppen vor und nach der vierten Hartz-Reform. (Quelle: Eigene Berechnungen mit Daten des SOEP und Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2012) © Sonja Fehr)

Zugänge in Arbeitslosigkeit

1999–2004

2005–2010

n = 13.611

n = 9391

Armutslage

Grundsicherungsbezuga (%)

13

21

Relative Einkommensarmut (< 60 % des Medians) (%)

25

28

Arbeitsmarktlage

Arbeitslosenquote im Vormonat (Mittelwert) (%)

10

9

Zugeschriebene Merkmale

Geschlechta: weiblich (%)

45

46

Migrationshintergrunda: ja (%)

25

22

Altera (Mittelwert)

42 Jahre

38 Jahre

Humankapital

Bildungsabschlussa

Noch keiner (%)

0

2

Keiner, Hauptschule (%)

54

46

Realschule (%)

31

37

Abitur (%)

14

15

Gesundheita: „weniger gut-schlecht“ (%)

20

17

Arbeitslosigkeitserfahrunga (Mittelwert)

3 Jahre

2 Jahre

Erwerbserfahrunga (Mittelwert)

17 Jahre

15 Jahre

Haushaltskontexta

Single (%)

22

20

Paar ohne Kinder (%)

29

23

Paar mit Kindern (%)

38

43

Alleinerziehend (%)

9

13

Kinder im Haushalt (Mittelwert)

1,6

1,6

Alter des jüngsten Kindes

bis 3 Jahre (%)

10

12

bis 6 Jahre (%)

6

7

a Gewichtete Ergebnisse

Dies könnte auch der Grund für geringere Erwerbsund Arbeitslosigkeitserfahrungen im Zeitraum B sein. Außerdem finden sich ab 2005 mehr Paare und Alleinerziehende mit Kindern (insbesondere mit Kleinkindern) in Arbeitslosigkeit. Ein Indiz für eine Verschärfung der Vereinbarkeitsproblematik zwischen Arbeit und Familie, wenn Familienernährende einen hohen Betreuungsaufwand leisten.

Abb. 7.1 Verweildauer in Arbeitslosigkeit vor und nach der vierten Hartz-Reform. (Quelle: Eigene Berechnungen mit Daten des SOEP, n = 23.002, p = 0,14; © Sonja Fehr)

  • [1] Arbeitslose in Prozent der abhängig beschäftigten Erwerbspersonen
 
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