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7.5.3 Verweildauern in Arbeitslosigkeit

Welche Folgen haben die beobachteten Veränderungen auf die Integration der Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt? Im ersten Schritt untersuche ich den Verlauf ihrer Arbeitslosigkeit. Von den Ereignisdaten des SOEP werden 23.002 Episoden erfasst, von denen 18.108 mit einem Ereignis enden, also nicht rechtszensiert sind. In diesen Fällen fand ein Abgang aus Arbeitslosigkeit statt.

Im Ergebnis zeigt sich sowohl im alten als auch im neuen Regime eine hohe Dynamik (Abb. 7.1): Nach zwölf Monaten haben 39 (Zeitraum A) bzw. 36 % (Zeitraum B) der Arbeitslosen ihre Arbeitslosigkeit beendet. Nach zwei Jahren sind noch 23 bzw. 19 % arbeitslos. Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit flachen die Verweildauerkurven ab, sieben bzw. sechs Prozent bleiben länger als fünf Jahre arbeitslos. Ein Vergleich der Verläufe vor und nach 2005 illustriert marginale, nicht signifikante Unterschiede: Im ersten Jahr decken sich die beiden Kurven, doch Langzeitarbeitslosen [1] gelang der Austritt aus Arbeitslosigkeit nach 2005 ein wenig schneller. Jedoch hat der Wechsel zum aktivierenden Wohlfahrtsregime keine signifikante Veränderung der Verweildauer in Arbeitslosigkeit eingebracht. Zu hinterfragen ist jedoch, welche Faktoren hier ausschlaggebend waren. Möglicherweise wurden intendierte Effekte erzielt, während Veränderungen anderer Mechanismen die Einflüsse konterkariert haben. Um ein differenzierteres Bild zu gewinnen, leite ich die Analyse in ein multivariates Verfahren über (Tab. 7.2).

7.5.4 Ausstiegschancen aus Arbeitslosigkeit

Die Koeffizienten des berechneten Modells weisen auf die Chancen eines Übergangs aus Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit hin. Sie können sowohl als Effekte auf die Wahrscheinlichkeit als auch auf die Schnelligkeit eines Abgangs aus Arbeitslosigkeit interpretiert werden (Bernardi 2001). Positive Koeffizienten zeigen höhere, negative Koeffizienten geringere Chancen im Vergleich zur jeweiligen Referenzgruppe an.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Möglichkeiten am Arbeitsmarkt eng mit zugeschriebenen und erworbenen Individualmerkmalen verknüpft sind. Deutlich treten humankapitaltheoretisch relevante Merkmale in den Vordergrund. Arbeitslose mit größerer sogenannter Marktnähe haben bessere Chancen auf einen schnellen Abgang aus Arbeitslosigkeit. So haben RealschulabsolventInnen und noch deutlicher AbiturientInnen signifikant bessere Erwerbschancen als Personen ohne Schulabschluss. Auch eine längere Erwerbserfahrung schlägt sich in höheren Übergangschancen nieder. Zudem verringern sich mit zunehmendem Alter die Übergangschancen in Arbeit. Doch MigrantInnen haben auch bei Kontrolle der Bildung und des Alters schlechtere Chancen am allgemeinen Arbeitsmarkt.

Die Befunde eines asymmetrischen Wandels der Geschlechterrollen werden durch das Modell insofern bestätigt, dass Frauen eine signifikante Schlechterstellung bei den Abgangschancen aus Arbeitslosigkeit erfahren. Zudem machen die Frauen das Gros der Alleinerziehenden aus und tragen somit auch das Gros der höheren Risiken der Familienform. Die Effekte der Haushaltskomposition geben zudem Auskunft darüber, ob Familienernährende die Möglichkeit nutzen können, neben der Kinderbetreuung und Haushaltsführung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wie eingangs vermutet, verringern Kinder signifikant die Übergangschancen in reguläre Beschäftigung.

Ausschlaggebend für die Prüfung der Frage, ob ökonomischer Druck die Arbeitsmarktintegration Arbeitsloser beschleunigt, ist der Effekt der Armutslage. Hier zeigt sich ein deutlicher und signifikanter Effekt auf die Abgangschancen. Arme Arbeitslose haben schlechtere Chancen auf eine Erwerbsintegration. Nicht nur Armut im Sinne einer relativ niedrigen Einkommenslage, sondern auch Armut

Tab. 7.2 Einflussfaktoren auf Übergangschancen aus Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit. (Daten: SOEP 1999–2010 und Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2012) © Sonja Fehr)

Abgänge in Erwerbstätigkeit

Armutslage

rel. Einkommensarmut (< 60 % des Medians)

− 0,304

***

Grundsicherungsbezug

− 0,281

***

Sozialregime

ab 2005 (Ref.: vor 2005)

0,187

***

Arbeitsmarktlage

Arbeitslosenquote im Vormonat (Prozent)

− 0,020

***

Zugeschriebene Merkmale

Geschlecht: weiblich

− 0,494

***

Alter (Jahre)

− 0,084

***

Migrationshintergrund: ja

− 0,389

***

Humankapital

Bildungsabschluss (Ref.: keiner, Hauptschule)

Realschule

0,421

***

Abitur

0,825

***

Gesundheit: „weniger gut-schlecht“

− 0,120

Arbeitslosigkeitserfahrung (Jahre)

− 0,012

Erwerbserfahrung (Jahre)

0,053

***

Haushaltskontext/Aufgabenteilung

Haushaltsform (Ref.: Single/Paar ohne Kinder)

Paar mit Kindern

− 0,490

***

Alleinerziehend

− 0,539

***

Kinderzahl im Haushalt

− 0,154

***

Alter des jüngsten Kindes (Ref.: > 6 Jahre)

Bis 3 Jahre

− 0,065

Bis 6 Jahre

− 0,092

Zeitabhängigkeit

1. Jahr

− 0,011

2. Jahr

− 0,702

***

3. Jahr

− 1,298

***

4. Jahr

− 1,701

***

5. Jahr

− 1,651

***

Abgänge

1647

Log likelihood (Start/Final)

− 6041/− 5138

Modell-Signifikanz

0,000

Hazard Rates, Piecewise Constant Exponentialmodell

***p (chi2) < 0,001; **p < 0,05; *p < 0,1; 11.006 Beobachtungen/6505 Fälle

im Sinne von Bedürftigkeit unterstützt Desintegrationsprozesse am Arbeitsmarkt. Zudem sinken im Zeitverlauf die Hazardraten: Je länger der/die Arbeitslose unbeschäftigt bleibt, desto geringer sind seine/ihre Chancen auf einen Zustandswechsel. Zudem zeigen sich strukturelle Einflüsse auf individuelle Spielräume am Übergang vom System sozialer Sicherung in den Arbeitsmarkt. Die Neuregelung des Sozialregimes zeigt einen signifikant positiven Effekt [2] auf die Übergangschancen. Nach Hartz IV hatten die Arbeitslosen bessere Chancen auf die Beendigung ihrer Arbeitslosigkeit. Zudem finden sich Hinweise auf Hysteresis-Effekte: Je höher die Arbeitslosenquote im jeweiligen Bundesland desto schlechter sind die individuel- len Chancen am regulären Arbeitsmarkt.

  • [1] Ich übernehme die Grenzdefinition der Bundesagentur für Arbeit (2011), die Personen, die länger als 12 Monate in Arbeitslosigkeit verweilen, als Langzeitarbeitslose kategorisiert
  • [2] Unklar bleibt in diesem Zusammenhang, inwiefern sich vermehrte Übergänge in Aktivierungsmaßnahmen in den Ergebnissen niederschlagen
 
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