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7.6 Fazit

Ich hatte eingangs gefragt, ob eine Erhöhung des Erwerbsdrucks auf Arbeitslose zu einer Beseitigung der problematisierten Falle zwischen dem System sozialer Sicherung und dem Arbeitsmarkt führt. Zur Beantwortung der Frage wurde auf theoretische Wirkungszusammenhänge verwiesen, die sich aus dem Armutsfallentheorem, der Exklusionsforschung und der Dynamischen Armutsforschung ableiten lassen. Wenn die Annahmen des Armutsfallentheorems zuträfen, müsste Armut die Arbeitslosigkeitsphasen verkürzt haben. Wenn Exklusionsmechanismen wirksam würden, müssten Armutslagen einen negativen Effekt auf die Arbeitsmarktchancen zeigen. Wenn die Annahmen der Dynamischen Armutsforschung zuträfen, müsste Arbeitslosigkeit eine hohe Dynamik aufweisen, die sich im Zeitverlauf nicht verändert hat.

Im Ergebnis lässt sich ein signifikant positiver Effekt des neuen Sozialregimes auf die Abgangschancen aus Arbeitslosigkeit in Erwerbstätigkeit nachweisen. Der Befund bestätigt die Implikationen des Armutsfallentheorems. Arbeitslose ließen sich durch Aktivierungsmaßnahmen dazu motivieren, Suchanstrengungen im unteren Einkommensbereich des Arbeitsmarktes anzustellen. Im Sinne des Theorems konnten sie durch sozialpolitische Interventionen vor den nichtintendierten Folgen ihres subjektiv rationalen Handelns geschützt werden. Hier bestätigt sich Hypothese 1.

Für die Annahmen der Dynamischen Armutsforschung sprechen indes anhaltend schnelle Austritte aus Arbeitslosigkeit sowohl vor als auch nach 2005 (siehe Abb. 7.1). Ein Großteil der Arbeitslosen bleibt nach wie vor auch in prekären Lebenslagen handlungsfähig und findet relativ kurzfristig aus Arbeitslosigkeit heraus. Der im politischen Diskurs geforderten Pflicht zur Übernahme von Eigenverantwortung wurde folglich sowohl vor als auch nach dem Wandel zum aktivierenden Regime nachgekommen. Im Handeln der Arbeitslosen manifestiert sich das zeitgenössische Solidarprinzip: Hier wird nicht die Armut potentiell unmündiger FürsorgebezieherInnen bekämpft, um ein Leben in Würde zu ermöglichen. Hier dominiert die Norm eigenverantwortlicher ArbeitsbürgerInnen, die sich durch den Verhaltenskanon eines kommodifizierten Subjekts ausweisen: Selbststeuerung, Selbstkontrolle, Flexibilität, rationale Lebensführung und Konformität (vgl. Promberger 2009, S. 610). Hypothese 3 wird hier bestätigt.

Fraglich ist, ob der Reformerfolg bei der Gestaltung von Arbeitsanreizen und Verweildauern auch die damit einhergehenden Probleme aufwiegt. Denn meine Ergebnisse geben durchaus Hinweise auf Annahmen der Exklusionsforschung: Im neuen Regime sind bei sieben Prozent der Arbeitslosen Verfestigungen von mehr als fünf Jahren andauernder Arbeitslosigkeit auszumachen. Armutslagen haben einen signifikant negativen Einfluss auf die Erwerbsintegration der Arbeitslosen. Nicht nur Armut im Sinne einer relativen ökonomischen Mangellage sondern auch Armut im Sinne von Bedürftigkeit haben sich im Zuge der Hartz-Reformen verstärkt und scheinen Desintegrationsprozesse am Arbeitsmarkt zu unterstützen. Diese Befunde widerlegen die Annahme des Armutsfallentheorems, denn aus niedrigen Einkommen erwachsen offenbar keine monetären Anreize zur Erwerbsaufnahme. In diesem Punkt bestätigt sich Antithese 1 während die Ausgangsthese widerlegt wird.

Zugleich verweisen die Ergebnisse des multivariaten Modells auf die Selektivität der Arbeitslosigkeitsdynamik der untersuchten Population. Wer nicht an Marktbedingungen angepasst ist, verbleibt länger unter den Arbeitslosen. Zu den marginalisierten Gruppen zählen erstens diejenigen Menschen, die über relativ wenige Bildungsressourcen verfügen. Zweitens haben Migranten auch bei Kontrolle der Bildung schlechtere Chancen auf eine Integration in die Erwerbsgesellschaft, was als Indiz für Diskriminierung gedeutet werden kann. Drittens sind ältere Arbeitslose infolge schlechterer Erwerbschancen mit der Aberkennung biografischer und statusbezogener Versorgungsansprüche konfrontiert. Und viertens haben Familien zunehmend Probleme ihrer ökonomischen Wohlfahrtsfunktion nachzukommen, denn auf dem Arbeitsmarkt erweisen sich Betreuungsverpflichtungen als Nachteil. Bezüglich der langfristigen Dynamik der hier nur skizzierten Marginalisierungsprozesse und dahinterstehenden Wirkungsmechanismen besteht allemal weiterer Forschungsbedarf.

Eine moderne, an Menschenrechten orientierte Sozialstaatlichkeit hätte die soziale Tatsache anzuerkennen, dass nicht alle Gesellschaftsmitglieder gängigen Prinzipien entsprechen und trotzdem in den Schutz des Sozialstaatsgebots fallen müssten. Zu betonen wäre hier die Bedeutung sozialer Rechte, die BürgerInnen auch jenseits der Erwerbsarbeit Zugang zu einem kulturell angemessenen Leben gewährleisten. In Anbetracht der zeitgenössischen Politik regulativer Diskriminierung und normativen Diskreditierung der Nichterwerbstätigkeit (Lessenich 2003, S. 217) ist indes nicht anzunehmen, dass marktferneren Gruppen solidarisch finanzierte Ruhezonen und damit legitimierte Alternativrollen zur Erwerbsarbeit zugestanden werden. Entsprechen ist davon auszugehen, dass in der Betonung von Marktadaption die Exklusion derjenigen mitgeliefert wird, die den Verhaltenskanon individuellen Selbstmanagements nicht leisten können.

 
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