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9. Zwischen Individualismus und sozialer Verantwortung. Polens eigenwilliger Weg des gesellschaftlichen Wandels

Mathias Wagner

Nach dem Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Systeme östlich des so genannten „Eisernen Vorhangs“ in den Jahren 1989 und 1990 orientierten sich die Gesellschaften an dem Modell des Westens. Am Beispiel von Polen möchte ich auf die sozialen und ökonomischen Brüche verweisen, die in den Staaten vor dem historischen Hintergrund der Systemtransformation entstanden. [1] Zunächst möchte ich den/die LeserIn einladen mich bei einem Besuch auf der soziologischen Mikroebene zu begleiten. Auch unsere Forschungen beginnen immer in den alltäglichen Problemen, Gewohnheiten und Strategien der AkteurInnen. Erst wenn wir deren Handlungen verstanden haben, treten wir einen Schritt zurück und wenden uns einer systematischen Interpretation zu, bei der die individuelle Logik mit ihren gesellschaftlichen Einflüssen und Rückwirkungen in Beziehung gesetzt werden. Werfen wir einmal in drei Szenen Schlaglichter auf den Alltag von AkteurInnen in unterschiedlichen polnischen Regionen.

Marian Wojakowski[2] lebt schon seit fast 20 Jahren von dem Schmuggel zwischen Russland und Polen, als ich ihn 2005 kennenlerne. Es handelt sich um Kleinkriminalität in der Form eines Kleinhandels von Waren, der sich an der Grenze zu einem einträglichen Wirtschaftsbereich entwickelt hat. Gehandelt werden Zigaretten, Benzin und Diesel sowie Wodka, deren Einkaufspreise in Kaliningrad deutlich unter dem Verkaufspreis in Polen liegen. Die Differenz ermöglicht eine 50 zu 50 Teilung zwischen dem Kleinhändler und seinem Kunden, bei der beide Seiten auf einen einträglichen Gewinn kommen. Während die Grenze von russischer und polnischer Seite strikt überwacht und mit einem Zaun gesichert ist, vollzieht sich der Schmuggel über die offiziellen Übergänge.

Bevor Marian mit dem Schmuggel begann, arbeitete er mehrere Jahre zunächst als Fernfahrer und später als Kellner und Taxifahrer. Die Öffnung der bis 1990 hermetisch geschlossenen Grenze zwischen der polnischen Wojewodschaft Ermland-Masuren und der russischen Kaliningrader Oblast nutzte er für erste Fahrten zur Erkundung der Verdienstmöglichkeiten. Mittlerweile gehört Marian zu den „alten Hasen“, ist den Schmugglern und Zöllnern an „seinem“ Grenzübergang bekannt und fährt alle vier bis fünf Tage nach Russland um Waren einzukaufen. Im Laufe der Jahre hat er seine Erwerbsform systematisch professionalisiert. Für den Schmuggel nutzt er einen eigens präparierten Wagen mit erweitertem Tankvolumen und zugänglichen Hohlräumen. Sein informeller Kleinhandel ermöglicht ihm einen gut bürgerlichen Lebensstandard und lässt ihm genügend freie Zeit, in der er angeln geht und sich um mehrere Bienenvölker kümmert. Als ihm eine Intensivierung seines Handelsvolumens angeboten wurde, lehnte er ab. Mit dem Gewinn würden auch die Risiken steigen und seine freie Zeit schrumpfen. Die Kombination erschien ihm nicht erstrebenswert und so blieb er, wie er sich ausdrückt: „Ein kleine Fisch“.

Doch der „kleine Fisch“ genießt die Anerkennung der etablierten bürgerlichen Gesellschaft des Ortes. „Mit meiner Frau war ich vor kurzem in der Kreisstadt auf einem karitativen Ball, veranstaltet von Geschäftsleuten des Rotary-Klubs“, erzählt Marian mir lachend. Gemeinsam mit den renommierten Persönlichkeiten der lokalen Geschäftswelt, ÄrztInnen, UnternehmerInnen und PolitikerInnen führte Marian Wojakowski, der arbeitslose Schmuggler, seine Frau zum Ball. Eigentlich, so ergänzt er seinen Bericht, sollten alle SchmugglerInnen zu solchen Veranstal-tungen eingeladen werden, schließlich wären sie auch ‚Geschäftsleute'. Obwohl uns seine Bemerkung zunächst überheblich erscheint, enthält sie doch einen wahren Kern. In der Grenzregion ist der Schmuggel kein Geheimnis. Vielmehr teilen alle EinwohnerInnen und FunktionsträgerInnen von der Gemeinde bis zum Grenzschutz das Wissen, und kennen oftmals die SchmugglerInnen auch persönlich. Bei dem Schmuggel handelt es sich um ein „offenes Geheimnis“ (Haller 2000, S. 145), obwohl allgemein bekannt, vermeidet man das Thema im Gespräch. Gleichzeitig billigen die VertreterInnen der Gemeinde den Schmuggel, indem sie die KleinhändlerInnen als selbständig, aktiv und flexibel agierende AkteurInnen eines marktwirtschaftlichen Unternehmertums betrachten. Selbst bei der Beantragung von Sozialhilfe, so wird uns glaubhaft berichtet, kommt es vor, dass Arbeitslose aufgefordert werden „es doch einmal an der Grenze zu probieren“.

Wechseln wir die Szene. Im Südwesten von Polen, unweit der Grenze zu Deutschland treffen wir Joanna und Edward Brożek. Seit über zehn Jahren bestreiten sie den Lebensunterhalt ihrer Familie überwiegend durch Saisonarbeiten in der deutschen Landwirtschaft. Als ErntehelferInnen sind sie manchmal gemeinsam, manchmal abwechselnd für sechs bis acht Wochen in Deutschland, kehren anschließend für zwei bis drei Monate nach Hause zurück, bis sie von neuem nach Westen aufbrechen. Die täglichen Arbeitszeiten sind lang und die Arbeiten körperlich anstrengend. Jedoch lohnen sich die Arbeiten aufgrund des Kaufkraftgewinns, den der Lohn durch die Umrechnung in Złoty erfährt. Entscheidend für die Motivation der WanderarbeiterInnen ist jedoch das niedrige Lohnniveau in ihrer Heimat. In der Kombination beider Effekte werden die Arbeiten im deutschen Niedriglohnbereich für sie attraktiv. Joanna und Edward Brożek versuchen gleichzeitig ihre wirtschaftliche Zukunft durch die Eröffnung eines kleinen Ladens abzusichern. Zusätzlich arbeitet Edward für einen internationalen Kreditgeber als örtlicher Vertreter, der Kleinkredite zu überhöhten Zinsen ohne Sicherheiten vergibt.

Die Wintermonate sind für Familie Brożek die schwerste Zeit, da bei schrumpfenden Einnahmemöglichkeiten hohe Kosten für Heizung und Kleidung anfallen. Erst im Frühjahr kann das familiäre Budget durch Erntearbeiten in Deutschland ausgeglichen werden. In den Wintermonaten besteht für Joanna Brożek die einzige Verdienstmöglichkeit in einer Heimarbeit. Vergleichbar mit dem Verlagswesen des 19. Jahrhunderts, als WeberInnen in Heimarbeit für einen Unternehmer Stoffe webten, bekommt Joanna von einem ansässigen internationalen Betrieb mehrere Säcke Zwiebeln geliefert. Joannas Aufgabe ist es, das Gemüse zu schälen. Für die geschälte Ware erhält sie rund fünf Cent pro Kilogramm. Während sie im Hausflur zwischen den Zwiebelsäcken hockt durchzieht ein beißender Geruch die Wohnung. Zum Schutz der Hände vor dem Zwiebelsaft hat sie sich Handschuhe mit abgetrennten Fingerkuppen angezogen. Vom Unternehmen wird weder Werkzeug noch ein Schutz für die Hände gestellt[3].

Verlassen wir an dieser Stelle Familie Brożek und wenden uns noch einmal einer kleinen Gemeinde im Nordosten von Polen zu, dort treffen wir Kazimierz Nowak. Bis zum Beginn der gesellschaftlichen Transformation Polens arbeitete Kazimierz Nowak als Starkstromelektriker im Fernleitungsbau. In der Volksrepublik konnte er sich aufgrund dieses Berufes als Mitglied der „Arbeiterelite“ begreifen, deren Anerkennung sich nicht nur ökonomisch niederschlug, sondern auch in einem hohen Prestige. Mit der Privatisierung der Betriebe wurde Kazimierz entlassen. In der Folge begann sein ökonomischer und sozialer Abstieg, zunehmender Alkoholkonsum bot eine Flucht aus dem Alltag und verfestige zugleich seine beruflichen Probleme. Nach dem Ende des befristeten Bezugszeitraumes für Arbeitslosengeld erhält er vom Sozialamt lediglich die Zahlungen für seine Unterkunft, die Berechtigung zum Empfang einer warmen Mahlzeit von einer „Suppenküche für Arme“, sowie Bezugsscheine für ausgewählte Grundnahrungsmittel, die er in den lokalen Geschäften einlösen kann. Darüber hinaus hat sich Kazimierz in seiner Nachbarschaft ein Netz von Unterstützern aufgebaut. Gegen kleine Dienstleistungen, die vom Holzhacken, Gartenarbeiten, Reparaturen und Renovierungen im Haushalt bis zum Wagenwaschen reichen erhält er gebrauchte Kleidungsstücke, Lebensmittel oder kleine Geldbeträge. In der Nachbarschaft kennt man die Notlage von Kazimierz und unterstützt ihn auf diese Weise. Jedoch beinhaltet dieses selbstorganisierte soziale Netz auch Probleme. Es funktioniert nur, indem es durch regelmäßige Kontakte gepflegt wird, und es ermöglicht keine Bildung finanzieller Rücklagen. Letztere wären aber notwendig, wenn er versuchen würde in anderen Regionen von Polen eine Arbeitsstelle zu suchen. Zusätzlich gefährdet eine längere Abwesenheit sein fragiles Netz sozialer Kontakte. Arbeitslose, die sich im informellen Sektor eine Existenz aufgebaut haben, können ihren Wohnort nur wechseln, wenn sie das Risiko eines Verlustes ihrer sozialen Kontakte in Kauf nehmen. Misslingt ihr Umzug und sie müssen zurückkehren, haben sie eventuell ihre wirtschaftliche Basis verloren (Willisch und Eckert 2012, S. 161). Zieht man diese Gefahren in Betracht, so erkennt man die rationalen Gründe seiner Alltagsorganisation. Blendet man jedoch diesen Kontext aus, erscheint sein Leben als Beispiel eines Alkoholikers, dem die Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel seit dem Beginn der 1990er Jahre aufgrund persönlicher Defizite nicht gelang.

An dieser Stelle verlassen wir unsere drei Beispiele für die Alltagsorganisation in der polnischen Schattenwirtschaft. Sie dienen hier der Illustration einer sozialen Spaltung in der polnischen Gesellschaft, deren historische Hintergründe und Entwicklungen im Folgenden skizziert werden, um den Blick für die Zusammenhänge zu schärfen. Obwohl der Beginn des gesellschaftlichen Wandels in Polen mit den markanten Daten von 1989 und 1990 verbunden ist, liegt der eigentliche Start schon in den Jahren davor begründet. In den 1980er Jahren wurde eine Reform eingeleitet, die vor allem die Wirtschaft betraf und in den Schlagwörtern „Selbständigkeit, Selbstverwaltung und Selbstfinanzierung wirtschaftlicher Subjekte zum Ausdruck kam“ (Pisz 2002, S. 97). Mit den eingeleiteten privatwirtschaftlichen Veränderungen wurde die Mitsprachemöglichkeit der ArbeiterInnen erweitert. Im Zuge dieser Veränderungen etablierte sich auch eine private Schattenwirtschaft. Sie wurde stillschweigend toleriert, da man auf diesem Wege Versorgungsengpässe mildern konnte (Spak 1998, S. 31). Gleichzeitig wurden Forderungen nach einem grundsätzlichen Wandel der Gesellschaft laut, die sich in der Gründung der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ niederschlugen. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sie sich zu einer Volksbewegung, in der schon Mitte der 1980er Jahre mit ca. zehn Millionen Mitgliedern, ungefähr die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung organisiert waren (Klein 2007, S. 240). Zentrale Ziele der „Solidarność“ waren der Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung, die Unterbindung von Korruption und eine gleichberechtigte Beteiligung der Arbeiter an der Unternehmensführung (Klein 2007, S. 241 f.). Eine Motivation der Bevölkerung sich der Solidarność anzuschließen war neben der schlechten Versorgungslage die soziale Ungerechtigkeit. „Wie eine 1983 durchgeführte Umfrage ergab, war in den Augen der Bevölkerung Wohlstand weniger begründet in Bildung, qualifizierter oder regelmäßiger Arbeit, als in Raffinesse, unklaren Quellen, Rücksichtslosigkeit und Unehrlichkeit“ (Trutkowski 2007, S. 24). Obwohl man Reformen wollte, herrschte eine deutliche Kritik gegenüber dem kapitalistischen System. In einer Umfrage votierten 1989 fast 40 % für die Einführung eines neuen Sozialismus (Juchler 1995, S. 81). Aus den Kämpfen mit der Regierung in den 1980er Jahren hatte die „Solidarność“ einen Vertrauensvorschuss in der Gesellschaft, als sie 1990 den Schritt in die Regierungsverantwortung tat. Ausgehend von den politischen Veränderungen erfolgte in einer Schock-Strategie der ökonomische Umbau in eine kapitalistische Wirtschaftsform. In der Folge verschlechterte sich zwar die wirtschaftliche Lage eines Teils der Gesellschaft, jedoch war man bereit diese Schwierigkeiten zu ertragen, da man das Ziel einer allgemeinen Verbesserung der Lebensverhältnisse vor Augen hatte (Klein 2007, S. 248 ff.). Die soziale Akzeptanz eines sinkenden Lebensstandards beruhte zunächst auf der Vorstellung, dass bestimmte Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen sind, vergleichbar mit der Einnahme einer bitteren Medizin, wenn man gesund werden will (Pisz 2002, S. 100; Juchler 1995, S. 82 f.).

Zu Beginn der 1990er Jahre entstanden soziale Differenzierungen in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Es fehlte an sozialen Absicherungen und man hangelte sich von einer Notlösung zur nächsten, da ein zusammenhängendes Konzept fehlte (Pisz 2002, S. 104). Zunehmend wurde Kritik an den Resultaten des gesellschaftlichen Wandels laut. Während es in der Volksrepublik kaum soziale und wirtschaftliche Unterschiede gab, polarisierte sich jetzt die Gesellschaft (Wirsching 2012, S. 115 f.). „Die davon schmerzhaft betroffenen Personen und sozialen Gruppen werden sich immer stärker der Tatsache bewusst, dass sich ihr neuer Platz in der Struktur und ihre neue Position in der sozialen Hierarchie immer mehr verfestigen“ (Pisz 2002, S. 101). Zwei Jahrzehnte nach der Transformation kann man heute beobachten, dass sich die soziale Struktur auch über die Generationen hinweg verfestigt.

Die Spaltung der Gesellschaft hat eine ökonomische Form, ist sozial verankert und lässt sich überwiegend geographisch lokalisieren. Abseits der wirtschaftlich prosperierenden städtischen Regionen wie Warschau, Poznań, Toruń, Gdańsk verringert sich mit zunehmender Entfernung das Einkommen (Dreyhaupt-von Speicher 2002, S. 241). In einer graphischen Darstellung der LeMonde diplomatique (2007) (zit. n. Wagner et al. 2013, S. 125) wird die extreme ökonomische Ungleichverteilung in der polnischen Gesellschaft deutlich. Verglichen mit Griechenland und Großbritannien, in denen sich der Wohlstand über breite Bevölkerungsschichten verteilt, zeigt sich, dass in Polen neben einer kleinen Anzahl mittlerer Einkommen überwiegend niedrige Einkommen von der Bevölkerung erzielt werden. Einen deutlichen Ausdruck findet die Spaltung der Gesellschaft in den Arbeitslosenstatistiken. In den 1990er Jahre stieg die offizielle Zahl auf 25 % und mehr an, sank anschließend und nahm nach der Jahrtausendwende wieder zu (Spak 1998, S. 37; Reith und Wizner 1999, S. 30). Vor allem in der Gruppe der unter 24 jährigen sind doppelt so viele wie im EU-Durchschnitt ohne legale Arbeitsmöglichkeit. Insgesamt kann es daher nicht erstaunen, wenn von 1989 bis 2003 der Anteil von Armen in der Bevölkerung von 15 auf 59 % angestiegen ist (Klein 2007, S. 267 f.). Es wird von einer Zweidrittelgesellschaft ausgegangen, bei der die Mehrzahl relativ verarmt ist (Pütz 1998, S. 63). Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit aber dramatischer, da es sich bei den Angaben um die offiziell registrierten Zahlen der Arbeitslosenstatistik handelt. Überprüft man die Zahlen auf der lokalen Ebene und differenziert noch einmal nach Altersgruppen, so erhält man auch in den 2000er Jahren deutlich höhere Ergebnisse. Da aber auf lokaler Ebene keine offiziellen Daten erhoben werden, ist man hier auf Schätzungen angewiesen. Im Rahmen unserer Forschungen kamen wir beispielsweise für 2005 in der Gemeinde Sępopol (Wojewodschaft Ermland-Masuren) auf eine lokale Arbeitslosenquote von 39 %, während die offizielle Zahl für die Wojewodschaft zehn Prozent niedriger lag (Wagner 2011, S. 58).

Die offiziellen Zahlen verdecken den informellen Sektor und die subsistenzwirtschaftliche Landwirtschaft. Arbeitslosigkeit versteckt sich darüber hinaus auch in der verbreiteten Praxis von kleingewerblicher Selbständigkeit. Mit finanzieller Förderung der Arbeitsverwaltung machen sich Arbeitslose selbständig, indem sie einen Lebensmittelladen oder ein Geschäft mit gebrauchter Kleidung eröffnen. Wenn die Förderung nach drei bis vier Jahren ausläuft, werden die Geschäfte geschlossen, da in der Regel die Einnahmen nicht einmal die Sozialabgaben decken. Solange die Arbeitsverwaltung die Sozialabgaben bezuschusst, besteht für den/die InhaberIn der Gewinn in der Ansammlung fehlender Beitragsjahre zur Berechnung der Rente. Mit der Aufgabe des Geschäftes durch den/die EigentümerIn verschwindet der Laden jedoch nicht, da die nächsten Interessenten schon warten, so dass der Zyklus von vorne beginnen kann.

Naomi Klein beschreibt die Reaktion der Bevölkerung dahingehend, „dass Solidarność, die von Polens FabrikarbeiterInnen aufgebaute Bewegung, die Schaffung einer permanenten Unterschicht zu verantworten hatte, empfand man als bitteren Verrat, der viel Wut und Zynismus auslöste, die im Land bis heute nicht ganz verschwunden sind“ (Klein 2007, S. 268). Zudem wurden in der Wendezeit, im Zuge der Betriebsschließungen die alten Qualifikationen entwertet. Ihren Niederschlag fand die Enttäuschung in der massenhaften Abkehr der Mitglieder von der „Solidarność“. Die Abkehr von der „Solidarność-Bewegung“ in Verbindung mit dem Wandel zu einer kapitalistischen Wirtschaftsstruktur mit neoliberalem Überbau geht einher mit dem Verlust zivilgesellschaftlicher Strukturen. Unter dem Einfluss des Neoliberalismus werden traditionelle Solidarbeziehungen zerstört. An ihre Stelle treten verfilzte staatlich-zivile Strukturen, die als monolithischer Block einen moralischen Druck auf die Individuen ausüben, ihr Verhalten den etablierten Strukturen anzupassen (Harvey 2007, S. 109). Jedoch wäre es verkürzt, wenn wir bei dieser Negativbeschreibung verharren würden. Zugleich etablieren sich neue kulturelle Muster, in denen sich die historischen Erfahrungen mit dem sozioökonomischen Wandel verbinden. Sighard Neckel (2008, S. 30 f.) beschreibt den Markt als kulturell dominanten Einfluss, der eine hegemoniale Struktur ausbildet. „Die Marktgesellschaft unserer Gegenwart trägt Züge von beidem: Alternativlosigkeit und Chancenstrukturen, letzteres vor allem deswegen, weil sich die Marktgesellschaft mit einer Anzahl von Innovationen und inneren Wandlungsprozessen verbindet, die sich auch kulturell erfolgreich macht“ (Neckel 2008, S. 30 f.). Kapi-talismus, so schreibt er weiter, ist eben nicht nur eine Wirtschaftsform, sondern auch eine kulturelle Struktur. Die sozioökonomische Spaltung der Gesellschaft wurde im Sinne der marktwirtschaftlichen Ideologie als Ausdruck individuellen (Un-)Vermögens interpretiert. Die VerliererInnen der Transformation werden als diejenigen charakterisiert, die ein Problem für die Gesellschaft sind, zu alt, ungebildet und verarmt. Wer arm ist, der wird als zurückgeblieben beschrieben, als jemand, der sich aus den kulturellen Werten der Volksrepublik nicht lösen konnte. Mit dieser Argumentation werden gesellschaftliche Probleme psychologisiert und den Individuen angelastet. Im Kontrast dazu zeigen die Erfolgreichen, dass sie die neuen Anforderungen der Gesellschaft durch ihre eigene Initiative bewältigt (Vonderau 2010, S. 112 f.). Ausgeblendet wird dabei die gesellschaftliche Position der AkteurInnen vor 1989. Gleichwohl die ökonomisch bedingte Differenzierung in der Volksrepublik deutlich geringer war, bestand für die Eliten doch ein bevorzugter Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen. Diese Stellung konnten sie beim Beginn der Transformation zu ihrem individuellen Vorteil nutzen. [4]

Während ein Teil der Gesellschaft die finanzielle Gratifikation als Ausdruck individueller Leistung versteht, fehlt ein soziales Sicherungssystem, in dem Arbeitslose aufgefangen werden. Die Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld orientiert sich in Polen nicht an der individuellen Situation des Betroffenen, sondern an der durchschnittlichen Arbeitslosenquote der Wojewodschaft in der einE AntragstellerIn seinen/ihren Wohnsitz hat. Dementsprechend kann der Bezugszeitraum von drei Monaten (beispielsweise in Warschau bei ca. 4 % Arbeitslosigkeit) bis zu 18 Monaten variieren. Entscheidend ist aber der Einschnitt nach dem Ende des Bezugszeitraumes, da das Sozialsystem keine kontinuierlichen Zahlungen von Sozialhilfe an Arbeitslose vorsieht. Nach dem Auslaufen der Zahlungen von Arbeitslosengeld sind die Betroffenen auf die finanziellen Möglichkeiten und den (guten) Willen der lokalen Gemeindeverwaltungen angewiesen. Tatsächlich beschränkt sich die Zahlung von Sozialhilfe an Arbeitslose, soweit nicht zusätzlich Kriterien wie alleinerziehend, körperbehindert etc. bestehen, auf geringe Summen, deren Mindesthöhe monatlich 30 Złoty (ca. 8 €) beträgt und damit deutlich unter den Leistungen ständiger Beihilfe bleibt. In der Regel wird der Betrag auf 35 % des Sozialhilfesatzes für Alleinstehende begrenzt (Kopacka-Klose 2008, S. 100). [5] Da sich die Arbeitslosigkeit in bestimmten Regionen verfestigt hat, sind gerade in den ärmsten ländlichen Gemeinden, die größten Gruppen von Langzeitarbeitslosen ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld anzutreffen. Einen Einblick in die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse zeigte sich während unserer Forschung von 2005 bis 2008 in der Gemeinde Sępopol. 57 % der SchülerInnen an der örtlichen Grundund Hauptschule kamen aus arbeitslosen Familien. Von diesen 249 Familien hatten 214 kein Anrecht auf die Zahlung von Arbeitslosengeld. 35 % der SchülerInnen erhielten aufgrund der wirtschaftlichen Situation ihrer Familien Unterstützung bei der Anschaffung von Schulheften und Büchern, sowie bei Kleidung, Fahrtkosten und Schulspeisung. Fünf Prozent erhielten diese Hilfen nicht, da ihre Familien kleine landwirtschaftliche Betriebe bewirtschafteten. Obwohl sie auf subsistenzwirtschaftlichem Niveau anzusiedeln waren, legte das Sozialamt pauschal ein Einkommen von 194 Złoty (ca. 48 €) pro Hektar zugrunde. Die verarmten Teile der polnischen Gesellschaft, so lässt sich an dieser Stelle festhalten, verfügen über einen Lebensstandard weit unterhalb des Standards einer kleinen Schicht, die als Gewinner der wirtschaftspolitischen Entwicklungen gelten können.

Wege aus der Verarmung bieten die Arbeitsmigration und Tätigkeiten in der informellen Ökonomie an. WanderarbeiterInnen finden in den westeuropäischen Staaten befristete, häufig saisonale Arbeiten in der Landwirtschaft, auf Jahrmärkten, als Reinigungskraft oder in der privaten häuslichen Pflege. Schauen wir auf den informellen Sektor, der in Polen eine bis in die Zeit der Volksrepublik reichende Tradition mit einem breiten Angebot unterschiedlicher Waren hat. Aufgrund der wirtschaftlichen Krise etablierte sich in den 1980er Jahren eine Schattenwirtschaft, die von den staatlichen VertreterInnen stillschweigend toleriert wurde, und in der Gesellschaft eine breite Akzeptanz erfuhr. Die informelle Ökonomie war auf die formelle Ökonomie angewiesen, denn nur indem sie die Objekte und Strukturen der formellen Ökonomie nutzen konnte, gelang es der informellen Ökonomie sich auszubreiten. „Das zentrale Merkmal der zweiten Ökonomie – privaten Nutzen aus kollektivem Eigentum zu ziehen – wurde offiziell als Diebstahl betrachtet, galt im Rahmen der schattenökonomischen Strukturen jedoch nicht als negativ, im Gegensatz zum Entwenden von Privateigentum, das moralisch sehr wohl unzulässig war“ (Vonderau 2010, S. 70). Nach dem Zusammenbruch der Volksrepublik boten die informellen Strukturen den Arbeitslosen und von Verarmung bedrohten Personen Überlebensstrategien. Der informelle Sektor nahm die Arbeitskräfte auf, die im Zuge der Rationalisierung im legalen Sektor arbeitslos wurden (Altvater und Mahnkopf 2002, S. 153). Man kann daher die informelle Ökonomie als Puffer für den Arbeitsmarkt oder als Versagen von Markt und Staat ansehen, die nicht in der Lage sind, die notwendigen Dienstleistungen und Produkte bereitzustellen (Gretschmann und Mettelsiefen 1984, S. 35 ff.). In der ersten Hälfte der 1990er Jahre umfasste der informelle Bereich ca. 20–30 % des polnischen Bruttoinlandsproduktes (Juchler 1995, S. 85). Schätzungen gehen von einer Milliarde Złoty Umfang im informellen Sektors aus (Droht et al. 2000, S. 61). Daher kann es nicht verwundern, wenn 1993 nur 34 % der Haushalte ihr Einkommen über eine reguläre Beschäftigung bezogen (Pütz 1998, S. 62). „Seine positive Rolle für die Abmilderung sozioökonomischer Krisensituationen vor allem in den schwach entwickelten Regionen Polens (Osten) wird heute weder von Wirtschaftsfachleuten noch von lokalen Verantwortungsträgern in Politik und Verwaltung bestritten“ (Droht et al. 2000, S. 53 f.). In den letzten 20 Jahren reicht das Warenangebot der informellen Ökonomie von Schneidereien, die für den Markt osteuropäischer Staaten produzieren, über den illegalen Abbau von Kohle bis zum Schmuggel von Zigaretten, Treibstoff und Wodka (Grygar 2010, S. 208 f.; Bruns 2010).

  • [1] Dem Artikel liegen zwei umfangreiche Forschungsprojekte zugrunde, die jeweils von der Universität Bielefeld (Fakultät für Soziologie) in Kooperation mit der Universität Warschau (Fakultät für Soziologie/Politologie) durchgeführt wurden: „Grenze als Ressource. Kleinhandel in der Armutsökonomie an der neuen EU-Außengrenze zwischen Nordostpolen und dem Bezirk Kaliningrad“ (weiterer Kooperationspartner war die Immanuel-Kant-Universität Kaliningrad) (2005–2008 gefördert von der VolkswagenStiftung); „Wanderarbeit als Alltagspraxis. Soziokulturelle Effekte saisonaler Migration in lokalen Gesellschaften: Fallstudien aus Polen und Deutschland“ (2009–2013 gefördert von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung). Methodisch basieren die Arbeiten auf jeweils einjährigen ethnographischen Feldaufenthalten der WissenschaftlerInnen
  • [2] Alle Personennamen sind anonymisiert.
  • [3] Das Unternehmen hatte die Arbeiten zunächst in den Räumen ihres schlesischen Betriebes durchgeführt. Da die stark belasteten Abwässer ungeklärt abgeleitet wurden, führte das zum Einschreiten der lokalen Behörden. Als Reaktion vergibt der Betrieb die Arbeiten in Heimarbeit und teilt sie auf unterschiedliche Privathaushalte des Landkreises auf. Damit reduziert sich die Umweltbelastung im Einzelfall, ohne dass der Betrieb Maßnahmen zur umweltgerechten Entsorgung der Abwässer unternommen hätte
  • [4] In vielen Situationen ist dieser bevorzugte Zugang zu Ressourcen recht einfach zu erklären. So verfügten die leitenden Angestellten eines staatlich gelenkten Landwirtschaftsbetriebes (PGR Państwowe Gospodarstwo Rolne) frühzeitig über Informationen bezüglich der Betriebsauflösung und hatten damit die Chance aus der Konkursmasse private Landwirtschaftsbetriebe aufzubauen. Hingegen die Alternative, eine Überführung der Betriebe in Genossenschaften, einen aufwendigen Organisationsprozess vorausgesetzt hätte, der zudem von der Regierung auch nicht vorgesehen war. Daher ist es zu erklären, dass nur ausnahmsweise und dann aufgrund der Initiative der leitenden Angestellten (überwiegend die ehemaligen Direktoren der PGR) es zur Gründung von landwirtschaftlichen Genossenschaften kam
  • [5] Eine realistische Einschätzung ist nur in der Kombination mit den Preisen möglich. Als Richtwert kann man sagen, dass Grundnahrungsmittel ca. ein Drittel weniger als in Deutschland kosten, hingegen bei Elektrogeräten, Benzin und Diesel die Preise angeglichen sind
 
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