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9.1 Kulturelle Werte und soziale Disparitäten

Versuchen wir einmal die sozialen Differenzierungen der polnischen Gesellschaft, wie sie sich im Verlauf der vergangenen 25 Jahre entwickelt haben, zu analysieren. Stellvertretend für den informellen Sektor steht der Kleinhandel mit geschmuggelten Waren. Warenschmuggel ist im Grunde eine Form der Steuerhinterziehung, die üblicherweise von staatlichen Stellen verfolgt wird. In den östlichen polnischen Grenzregionen begegnen jedoch die staatlichen VertreterInnen ebenso wie die Bevölkerung den SchmugglerInnen mit Wohlwollen. SchmugglerInnen werden als KleinhändlerInnen beschrieben, denen es gelungen ist, ihren Alltag auf eine wirtschaftliche Grundlage zu stellen. In dieser Perspektive ist der/die SchmugglerIn einE aktiveR BürgerIn, der seine staatsbürgerliche Verantwortung zeigt, indem er/ sie nach Wegen sucht, wirtschaftliche Notlagen selbstständig zu überwinden. Zugespitzt kann man sagen, der Schmuggel erscheint als eine „Schule für moderne Wirtschaftsformen“. Der/die SchmuggerIn reagiert selbständig, flexibel und aktiv, ohne an den Staat mit der Bitte um Unterstützung heranzutreten. Die gesellschaftliche Beurteilung des informellen Sektors ist aber nur verständlich, wenn man die bis in die Volksrepublik reichende Erfahrung, sowie die Entwicklung nach dessen Zusammenbruch mit einbezieht.

Zu den Zielen der Volksbewegung gehörte in den 1980er Jahren der Aufbau einer politisch und ökonomisch gerechten Gesellschaftsordnung. Diese Forderung war anschlussfähig an die ideologischen Vorgaben der Volksrepublik. Sie verschwanden nicht in den späteren Jahren, sondern bilden für breite Schichten der Gesellschaft immer noch den gesellschaftspolitischen Orientierungsrahmen. Insoweit jedoch der Staat nicht in der Lage ist für die wirtschaftliche Sicherheit aller BürgerInnen zu sorgen, ist auch der/die BürgerIn von seiner staatsbürgerlichen Pflicht gegenüber den Gesetzen entbunden.[1] Mit der Systemtransformation in den 1990er Jahren geht diese Haltung eine Verbindung mit den kapitalistischen Ideologien neoliberaler Prägung ein und entwickelt sich zu der aktuellen Erscheinungsform. Gefordert wurden ökonomisch handelnde Individuen, die sich mit Initiative selbständig am Markt behaupten. „Die Formierung eines neoliberalen, selbstregulierenden Individuums, wie sie im stereotypen Bild des homo europaeus zum Ausdruck kommt, stellt somit eins der wichtigsten ideologischen Projekte der postsozialistischen Transformation dar“ (Vonderau 2010, S. 125).

Mit der von Merton (1995, S. 156) getroffene Unterscheidung zwischen kultureller Struktur und sozialer Struktur kann die Toleranz gegenüber dem informellen Sektor erklärt werden. Während die Individuen sich bemühen, die gesellschaftlich vorgegebenen kulturellen Normen zu erfüllen, wirken zugleich die sozialen Machtverhältnisse dem entgegen. Kulturelle Werte sind ein gesellschaftliches und damit historisches Produkt, in dem sich bestimmte Interessenlagen und Machtverhältnissen widerspiegeln, die sich im unterschiedlichen Besitz der verschiedenen Ressourcen bzw. Kapitalien (Bourdieu) manifestiert. Es sind die Klassenverhältnisse der Gesellschaft, die dem kulturellen Einfluss vor allem von Mittelschichten Dominanz verschaffen. So ist davon auszugehen, dass sich im Einflussbereich der Mittelklasse Werte entwickeln, die deren ökonomischen Möglichkeiten entsprechen und zur Norm werden, während andere gesellschaftliche Gruppen an deren Umsetzung scheitern. Gleichwohl stehen alle gesellschaftlichen Gruppierungen unter dem Einfluss der kulturellen Werte, auch wenn deren Realisierung nicht mit ihrer Lebenssituation zu verwirklichen ist. Tiefgehend ist der Bruch in einer Gesellschaft, die Möglichkeiten für alle verspricht und zugleich den sozialen Aufstieg und wirtschaftlichen Erfolg für eine Gruppe versperrt. Um den Verlust der gesellschaftlichen Position zu verhindern müssen die kulturellen Werte erfüllt werden. Gelingt die Realisierung der kulturellen Werte nicht mit legalen Mitteln, so besteht die Tendenz, kriminelle Handlungen zu akzeptierten (Merton 1995, S. 137).

In der Systemtransformation entwickelten die Werte nach Selbständigkeit, Flexibilität und wirtschaftlichem Erfolg kulturelle Dominanz. Da diese Werte jedoch für einen Teil der Gesellschaft mit legalen Mitteln und vertretbarem Aufwand nicht zu erreichen sind, besteht in der Wahl illegaler Wege eine Alternative. Bezieht man diese Perspektive auf die SchmugglerInnen, so sind sie diejenigen, die sich an die kulturellen Werte der Gesellschaft angepasst haben. Jedoch können sie die kulturell dominanten Werte von wirtschaftlichem Erfolg, Flexibilität und Unternehmertum nur auf illegalen Wegen erreichen. Sobald sie das kulturell dominante Ziel erreichen, wird ihr Handeln positiv bewertet.

Im Ergebnis führt diese Entwicklung zur sozialen Integration der Akteure des informellen Sektors. Marian Wojakowski hat diesen Aspekt in dem einleitenden Beispiel mit seiner Bemerkung verdeutlicht, man sollte die SchmugglerInnen auch als UnternehmerInnen in den Kreis der lokalen Honoratioren aufnehmen. Zugleich ist die Integration eines Teils der Gesellschaft mit der Ausgrenzung anderer Gruppen verbunden. Mit der positiven Darstellung der SchmugglerInnen werden implizit diejenigen negativ beschrieben, denen es nicht gelingt, ihr Leben selbständig zu organisieren, und die stattdessen auf finanzielle Transferleistungen angewiesen sind. Personen, die nicht sichtbar in das Schema von Aktivität, Flexibilität usw. passen, werden wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt. Ausgeblendet werden die Probleme, denen sich Betroffene gegenüber sehen und ihre aus der Biographie zu verstehenden Lösungsstrategien. Das Beispiel von Kazimierz Nowak, der weiter oben vorgestellt wurde, lässt sich daher aus zwei konträren Perspektiven erzählen. Einmal als ein Alkoholiker, der keine Initiative zeigt, von Almosen lebt, unflexibel und interessenlos ist. In einem Wechsel der Perspektive erscheint er jedoch als eine Person, die ihre Lebenssituation kompetent im Kontext der persönlichen und gesellschaftlichen Probleme organisiert.

Ein Faktor in dem Prozess der Marginalisierung stellt die fehlende soziale Absicherung von Arbeitslosen nach Ablauf ihres Bezugszeitraumes für Arbeitslosenunterstützung dar. Die gesetzlich geforderte Unterstützung für diesen Personenkreis fordert von den Gemeinden, das physische Überleben der Betroffenen zu sichern. Jedoch bestehen keinerlei staatliche Anstrengungen eine qualitativ ausreichende Ernährung, beispielsweise mit Vitaminen und frischen Lebensmitteln sicherzustellen. Eine Teilhabe an dem gesellschaftlichen Leben, wie sie zumindest theoretisch die Sozialhilfe in Deutschland sichert, ist in Polen gesetzlich nicht vorgesehen. Da es sich aber aufgrund der seit über 20 Jahren anhaltend hohen Arbeitslosigkeit um eine relativ große Gruppe in der Gesellschaft handelt, ist es gerechtfertigt, von einer tiefgehenden sozialen Spaltung zu sprechen.

Einen integrierenden Effekt hat auch die Arbeit im Ausland, unabhängig davon ob es sich um Wanderarbeit oder langfristige Arbeitsplätze handelt. Mit Familie Brożek wurde beispielhaft die Lebenssituation der WanderarbeiterInnen skizziert. Nicht unterschlagen sollte man welche psychischen und sozialen Belastungen mit dieser Lebensweise verbunden sein können. Je nach den Anforderungen der Arbeitsplätze pendeln die Arbeiter und Arbeiterinnen (Frauen stellen ungefähr die Hälfte der Wanderarbeiter) alle zwei bis drei Monate zwischen ihrem polnischen Wohnort und westeuropäischem Arbeitsort. Wer private Putzstellen versorgt und in Grenznähe seinen Wohnsitz hat, kann seinen Arbeitsrhythmus auch mit der Rückkehr am Wochenende verbinden. Bei längerer Abwesenheit von der Familie stehen beide Teile bei der Rückkehr vor der Aufgabe, ihre Organisation des Alltags wieder aufeinander abzustimmen. In den Familien der WanderarbeiterInnen sind bei den Erwachsene und ihren Kinder Entfremdungseffekte zu erkennen. LehrerInnen und SozialarbeiterInnen beobachten bei den SchülerInnen auch Verhaltensänderungen, die sie ursächlich auf die Abwesenheit der Eltern oder eines Elternteils zurückführen (Haese et al. 2012, S. 56; Wagner et al. 2013, S. 195 f.). Regelmäßiges Arbeitspendeln über Tage oder Wochen stellt einen erheblichen Stressfaktor dar. Insoweit die mobile Lebensform als stressbelastet erlebt wird, führt sie zu einem Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen des Immunsystems und reduziert die Zufriedenheit in der Partnerschaft (Schneider et al. 2002, S. 39). Die emotionale Bewertung der Migrationserfahrung steht wiederum auch in einem Zusammenhang mit dem Umfang, in dem die Erwartungen sich erfüllen (Han 2005,S. 242 ff.). Wessen Hoffnung auf eine Steigerung des Lebensstandards sich in der Arbeitsmigration nicht erfüllt, wird daher auch seine Lebenssituation als belastend beschreiben. Eine momentane Stressreduzierung gelingt den WanderarbeiterInnen, während ihres Arbeitsaufenthaltes im Ausland durch die Konzentration auf ihren aktuellen Arbeitsalltag. Gerade von Pflegekräften, die in der häuslichen privaten Pflege arbeiten wird die vierundzwanzigstündige Verfügbarkeit als Stressfaktor erlebt. Jedoch auch in der Landwirtschaft relativiert sich die frei verfügbare Zeit durch überlange Arbeitszeiten und die eingeschränkte Privatsphäre in Gemeinschaftsunterkünften.

  • [1] Eine Rolle spielt in dieser Haltung auch die historische Erfahrung der polnischen Gesellschaft im Widerstand gegen Okkupation und Fremdherrschaft
 
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