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9.2 Individualisierung mit traditionellen Elementen

Die Erklärung der sozialen Differenzierung innerhalb der polnischen Gesellschaft ist ohne deren historische Entwicklung seit der Volksrepublik wie sie hier anhand von Eckpunkten skizziert wurde, nicht zu verstehen. Dazu gehört als Ausgangspunkt die Vision einer sozialen Gesellschaft ebenso wie der Einfluss westlicher Beraterteams um den Havard-Experten Jeffrey Sachs, die „Polen zu einem Experimentierfeld für freie Marktwirtschaft“ im Sinne eines neoliberalen Kapitalismus machten (Sennett 2005, S. 49). Im Verlauf der neoliberalen Systemtransformation haben sich kulturelle Einstellungen gewandelt, Unabhängigkeit wurde zum zentralen Wert. Als Grundlage für die Toleranz gegenüber dem informellen Sektor diente die gemeinsame Erfahrung in der „Solidarność“-Bewegung. Hier bestand eine unklare Vision über einen Zuwachs an individuellen Freiheiten, verbunden mit einem steigenden Lebensstandard. Im Rahmen der Privatisierungen öffentlicher Güter und staatlicher Unternehmensstrukturen entstand jedoch ein neues Proletariat, dem die Aufnahme prekärer Tätigkeiten als verbleibende Perspektive offen stand. Soziale Unsicherheit wird zur Norm, während das Sozialsystem nicht mehr auf eine Unterstützung der Armen, sondern auf Ausgrenzung zielt. In der Sozialfürsorge ersetzt Mitleid das Prinzip der Solidarität (vgl. auch Wacquant 2009, S. 62, 298). In Polen wird das soziale Mitleid zudem getragen von einem caritativen Impuls der katholischen Kirche. Gut zu beobachten ist das Phänomen in den zahlreichen Aufrufen, Geld und Sachleistungen zur Unterstützung der Armen zu spenden.

Der ökonomische Wandel führte zu Veränderungen, die nicht mehr nur als stärkere Differenzierung wahrgenommen werden, sondern zur potentiellen Ausgrenzung von Akteuren führt. Unter sozialpsychologischer Perspektive muss der gesellschaftliche Wandel seit 1990 als eine fundamentale Erschütterung verstanden werden, die einen sozialen Stress erzeugte und die Individuen veranlasste, sich auf ihr unmittelbares Lebensumfeld zu konzentrieren. Sie bekommen einen „Tunnelblick“ mit dem das soziale Umfeld der eigenen Klasse, die familiäre Intimität und die eigene soziale Gruppe fokussiert wird. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich ein „the-winner-takes-all-Markt“ (Sennett 2005, S. 45). Im Ergebnis ist die Herausbildung geographischer Zonen der Exklusion in ländlichen Regionen zu beobachten, innerhalb derer allmählich eine Fragmentierung einsetzt, bei der Gewinner und Verlierer nebeneinander anzutreffen sind (vgl. Bude und Willisch 2006, S. 7; Willisch 2012, S. 33).

Eine Integration kann auch über den informellen Sektor erfolgen. Wobei sich die Bewertung entlang symbolischer Verhaltensweisen von Aktivität und Selbständigkeit orientiert, hinter denen Fragen der Legalität der Erwerbstätigkeit zurücktreten. Allerdings befindet sich der/die AkteurIn in einer ungesicherten wirtschaftlichen Situation (vgl. Willisch und Eckert 2012, S. 158 f.). Bourdieu unterscheidet ProletarierIn und SubproletarierIn aufgrund ihrer Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung. Während der/die ProletarierIn über eine minimale gegenwärtige Absicherung verfügt, die es ihm ermöglicht eine Zukunftsperspektive zu entwerfen, fehlt dem/ der SubproletarierIn diese Aussicht aufgrund seiner aktuellen Lebensbedingungen (Bourdieu 1998, S. 98). Kazimierz Nowak zeigt, wie oben geschildert, exemplarisch den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Abgleiten in das Subproletariat. Arbeitslosigkeit zerstört nicht nur die Widerstandskraft, sondern die daraus resultierende Armut macht physisch und psychisch krank, und die soziale Ausgrenzung wirkt stressfördernd (Staiger 2012, S. 88). Verglichen mit Kazimierz Nowak vermeidet Familie Brożek den Abstieg ins Subproletariat, indem sie sich als WanderarbeiterIn verdingen. Allein die Tatsache der Arbeitsmigration kann aber nicht als ausreichendes Zeichen für gleichberechtigte Chancen in der Gesellschaft gewertet werden. In der Freiheit des Reisens und der Freiheit der Wahl des Arbeitsplatzes erscheint zwar eine Forderung nach Demokratisierung verwirklicht, doch verbergen sich dahinter soziale Differenzen. Erfolg oder Misserfolg der Wanderarbeit resultiert auch aus der Herkunft, den verfügbaren sozialen und finanziellen Ressourcen sowie der familiären Situation also der sozioökonomischen Ausgangslage eines/einer MigrantIn.

Sowohl in Polen als auch in dem Arbeitsland (z. B. Deutschland) kommt der Arbeitsmigration eine wichtige Funktion zu. Den deutschen LandwirtInnen und UnternehmerInnen stehen billige Arbeitskräfte zur Verfügung, für die keine sozialen Folgekosten anfallen. Billige und flexible Arbeitskräfte sind das „Schmiermittel“ des neoliberalen europäischen Kapitalismus. Wanderarbeit kann als die gelungene „Quadratur des Kreises“ für die Wirtschaft verstanden werden. Stehen den Unternehmen doch kurzfristig niedrig entlohnte Arbeitskräfte für Tätigkeiten mit geringem Prestige zur Verfügung, die ihre Arbeit zudem als zufriedenstellend erleben. In Polen wirkt die Arbeitsmigration zugleich als Instrument zur sozialen Befriedung. Die polnischen Eliten können den Anspruch breiter gesellschaftlicher Gruppen auf Umverteilung des erwirtschafteten Reichtums mit dem Ventil der Arbeitsmigration abwehren. Arbeitsmigration schöpft den Teil der Arbeitslosen ab, die nicht in das Subproletariat abgesunken sind und hat den Nebeneffekt der Entpolitisierung, da Wanderarbeit als Chance auf schnelle Steigerung des Lebensstandards erscheint.

Wacquant (2009, S. 316) beschreibt den Neoliberalismus aufgrund einer Tendenz der Individualisierung sozialer Erscheinungen als demokratiezersetzend. In Polen besteht insoweit ein antidemokratischer Effekt, als „quasifeudale“ Arbeitsverhältnisse akzeptiert werden. Feudalistisch organisierte Arbeitsverhältnisse umfassen notwendig zwei Seiten. Auf der einen Seite steht der Patriarch, der eine Leistung aus eigenem Antrieb gewährt und auf der anderen Seite einE EmpfängerIn, der die Rolle des/der BittstellerIn akzeptiert. So kann einerseits das Mitleid gegenüber Armen als Ausdruck moralischer Einstellungen verstanden werden, bei der sich die Armen anstatt auf soziale Rechte zu berufen, auf die Hilfsbereitschaft der Bessergestellten verlassen müssen. Wenden wir jetzt aber die Perspektive und schauen uns beispielhaft die Arbeitssituation polnischer WanderarbeiterInnen an, die in Deutschland in der häuslichen privaten Pflege oder in der Landwirtschaft als ErntehelferInnen arbeiten, so stoßen wir auch hier auf Arbeitsverhältnisse jenseits formaler arbeitsrechtlicher Regelungen. In dieser Überlegung spielt „Schwarzarbeit“ keine Rolle, vielmehr liegt der Fokus auf offiziellen Arbeitsplätzen, bei denen die Beziehungen zwischen ArbeitgeberIn und ArbeiterIn nicht nach rechtlichen Kriterien, sondern auf der Ebene zwischenmenschlicher Beziehungen geregelt werden. In der Landwirtschaft bedeutet das beispielsweise, dass der/die ArbeitgeberIn aufgrund eigenmächtiger Kriterien über eine Fortführung des Arbeitsverhältnisses entscheidet. So droht dem/der WanderarbeiterIn bei Fehlverhalten außerhalb der Arbeitszeit die Kündigung.

Anders ausgedrückt treffen wir bei den polnischen WanderarbeiterInnen den Aspekt der sozialen Integration unter Vernachlässigung der Fragen nach Legalität und Illegalität wieder, wie sie auch im informellen Sektor anzutreffen sind. Darüber hinaus zeigt das polnische Beispiel aber auch Brüche in der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft. Diese Brüche sind historisch gewachsen und können auf politische Ursachen (die Ziele der „Solidarność“ als Volksbewegung in den 1980er Jahren) und religionsgeschichtliche Faktoren (eine caritative Soziallehre der katholischen Kirche) zurückgeführt werden. Dem Mitleid gegenüber Armen auf der einen Seite entspricht auf der anderen Seite auch die Unterordnung unter rechtsfreie Arbeitsverhältnisse, zumal beides mit den kulturellen Forderungen nach Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit kompatibel ist.

Während die Solidarność-Bewegung zunächst von der Utopie einer Vergesellschaftung der Betriebe in Arbeiterselbstverwaltung getragen wurde, entwickelte sich in der polnischen Gesellschaft seit 1990 eine ökonomische Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern der Systemtransformation (Ellis 2005, S. 15). In seiner Grundstruktur entspricht dieser Prozess einem Effekt der Globalisierung, wie er in vielen Ländern zu beobachten ist. Entstanden ist eine Gesellschaft, bei der solidarische Aspekte zugunsten des Konkurrenzprinzips zurücktreten (Scholz 2012, S. 28). An die Stelle wohlfahrtsstaatlicher Sozialgesetzgebung trat die Verantwortung des Individuums. Im Verlauf der Systemtransformation formten sich in Polen neue Eliten, die ihren Aufstieg der Solidarność verdanken. Sie begreifen sie sich als VertreterInnen einer europäischen Lebensweise, deren Erfolg ein Ausdruck ihrer persönlichen Aktivität ist. Demgegenüber wird den Arbeitslosen individuelles Versagen vorgeworfen und mit dem Argument begründet, sie seien in einer überkommenen „Versorgungsmentalität“ verhaftet.

Die hier beschriebene Fragmentierung der Gesellschaft weißt jedoch landestypische Besonderheiten auf, die vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen der polnischen Gesellschaft zu interpretieren sind. In einem widersprüchlichen Prozess finden wir auf der einen Seite Elemente einer Aufkündigung der sozialen Solidarität durch die Eliten, bei dem Armut und Arbeitslosigkeit psychologisiert und die gesellschaftlichen Faktoren ignoriert werden. Auf der anderen Seite sind die Utopien der Solidarność aus den 1980er Jahren nach egalitärem Wohlstand und gleichberechtigter Teilhabe in der Gesellschaft nicht verschwunden. Soweit sich die Handlungen der betroffenen Akteure in die neoliberale Ideologie des/der aktiven, selbständigen BürgerIn einordnen lassen, begegnen sowohl die BürgerInnen als auch staatliche Institution ihren Aktivitäten im informellen Bereich mit großer Toleranz. Solange die Kriterien selbständigen Handelns erfüllt sind werden auch Tätigkeiten im informellen Sektor als wirtschaftliche Strategie akzeptiert.

Man kann also feststellen, dass in den nur gering ausgebildeten sozialstaatlichen Regelungen eine Tendenz der Entsolidarisierung in der polnischen Gesellschaft deutlich wird. Dem damit tendenziell drohenden Zerfall des sozialen Zusammenhangs wird zugleich durch caritative Hilfen sowie der Akzeptanz informeller ökonomischer Aktivitäten begegnet.

 
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