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10.6 Die Mitte und der (rechtsextreme) Rand

Über die beschriebene Funktion des Wohlstands und der Ökonomie für die Mitte ist genau an jenem Ort Auskunft einzuholen, der ihr sprachlogisch eigentlich entgegengesetzt ist: Im Rechtsextremismus. Gerade in der Widersprüchlichkeit, mit einem Begriff, der auf den Rand zeigt und dabei ein Problem in der Mitte der Gesellschaft benennt, zeigt sich letztlich die Praktikabilität des Rechtsextremismusbegriffs. Der Einwand, der Begriff sei uneindeutig, wäre genau damit zu entkräften: „Rechtsextremismus“ beschreibt ein Untersuchungsfeld, das eben nicht als isolierter gesellschaftlicher Ort begriffen wird, sondern als eine Erscheinung in der Mitte der Gesellschaft. Die Forderung nach Einstimmigkeit wissenschaftlicher Begriffe und Theorien hat Tücken, mit denen nicht nur die Rechtsextremismusforschung, sondern die gesamten Sozialwissenschaften zu kämpfen haben. Das hängt aber nicht mit ihren Begriffen, sondern mit ihrem Gegenstand zusammen. Das Be- mühen um Einstimmigkeit muss scheitern, wo die Gesellschaft selbst widersprüchlich ist – und einen solchen Widerspruch zeigt der Rechtsextremismusbegriff an: Der Widerspruch kann „höchst real in der Sache selbst seinen Ort haben und keineswegs durch vermehrte Kenntnis und klarere Formulierung aus der Welt sich schaffen lassen“, wie Theodor W. Adorno es formulierte (Adorno 1969, S. 129). Wissenschaft ist, auch wenn das von außen manchmal nicht den Anschein hat, die Reduktion von Komplexität. Wo diese Komplexitätsreduktion aber nicht gelingt, da besteht in der Vielstimmigkeit der Sozialbzw. Gesellschaftswissenschaften ein Problem ihres Gegenstandes, der Gesellschaft. Aus dieser Perspektive kann der Rechtsextremismusbegriff in seiner Widersprüchlichkeit fruchtbar gemacht werden als ein aus der Sache selbst kommender, als gesellschaftlicher Widerspruch.

Allerdings ist mit der Sache, deren Widerspruch im wissenschaftlichen Begriff zum Vorschein kommt, die Gesellschaft gemeint. Die „rechtsextreme Einstellung“ bezieht sich aber auf Individuen. Der Begriff soll – unabhängig davon, ob im Hintergrund eher eine kognitive Einstellung oder das Wirken psychodynamischer Charakterzüge angenommen wird, eine politische Haltung Einzelner abbilden. Und das selbst dann, wenn Menschen in großer Zahl, z. B. als WählerInnen, GewalttäterInnen oder Parteimitglieder beschrieben werden. Wie passt das mit dem hier vorgebrachten Verweis zusammen, dass die Widersprüchlichkeit des sozialwissenschaftlichen Begriffs aus der Gesellschaft selbst kommt?

Die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft zeigt sich zuallererst in der Irrationalität des Individuums – wie etwa in der rechtsextremen Einstellung, die auch Auskunft über die Gesellschaft gibt, wenn sie als individuelles Phänomen beschrieben wird. Wie bereits beim Autoritären Charakter mit den Bedingungen, unter denen er ausgebildet wurde, die Gesellschaft analysiert wird, so ist sie auch bei der rechtsextremen Einstellung Gegenstand der Untersuchung.

Wenn „Rechtsextremismus“ nicht als isolierter Rand, sondern als extremste Ausbildung eines allgemeinen Phänomens verstanden wird, kann an ihm analysiert werden, was sonst in der Latenz bleibt – in der solchermaßen bezeichneten Abweichung „die Norm“, im Extrem „die Mitte“. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, ein in Frage stehendes Problem dort genauer zu betrachten, wo es am Deutlichsten zutage tritt. Diese Herangehensweise hat in der Wissenschaft durchaus historische Vorbilder.

So haben sich auch die AutorInnen der Studien zum Autoritären Charakter bei ihren Analysen eben nicht für ein Randphänomen, sondern für die Bedrohung der Gesellschaft aus ihrer Mitte heraus interessiert. Der Blick richtete sich auf den Rand, um von dort aus die Gesellschaft umso besser in ihrem Wirken verstehen zu können. Der Autoritäre Charakter war eine Typenbildung, die dem Anspruch nach eine „critical typology“ (Adorno 1950, S. 749) war: Mit der Beschreibung eines Typus sollte nicht nur ein Stück historischer Wirklichkeit abgebildet, sondern auch die Gesellschaft, die den entsprechenden „Sozialcharakter“ hervorbringt, in ihren Wurzeln kritisiert werden. Dabei wurde die Abweichung als Erscheinung der Regel beschrieben, in der Abweichung wurde das Funktionieren der Norm einsichtig. Dieses für die verstehende Sozialwissenschaft verbreitete Vorgehen ist nicht zuletzt bei dem französischen Philosophen Michel Foucault anzutreffen, dessen Interesse sich immer auf die gesellschaftlichen Ränder richtete – Devianz, Krankheit und Kriminalität –, um Erkenntnisse über das Zentrum der Gesellschaft zu gewinnen.

 
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