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11.2 Vorurteile und ihre Verbreitung in Österreich

Die Auseinandersetzung rund um die Entstehung und die Rezeption von Vorurteilen begleitet die Sozialwissenschaften (v. a. die Sozialpsychologie und die soziologische Einstellungsforschung) schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts, unter anderem ausgelöst durch die von Wilhelm Reich und Erich Fromm in den 1930er Jahren durchgeführten Studien zum autoritären Charakter und der Massenpsychologie des Faschismus. Die klassische Definition des Vorurteils stammt aus den 1950er Jahren von Gordon Allport, der unter anderem versucht hat, die verschiedenen Ausprägungen und Grade von Vorurteilen systematisch voneinander zu unterscheiden. Grundsätzlich geht man in der Forschung heute davon aus, dass Vorurteile die folgenden Aspekte beinhalten: eine inkorrekte Generalisierung der Einstellungsund Verhaltensmuster von (konstruierten) Personengruppen, eine Hervorhebung ihrer „Andersartigkeit“ sowie eine affektive Komponente, die von emotionaler Ablehnung bis hin zu offener Feindseligkeit reichen kann. Da viele Vorurteile kulturell verankert sind, gelten ihre Inhalte in der Gesellschaft als „normal“ und werden von den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern oft unkritisch übernommen bzw. erlernt (Weiss 2000).

Die gesellschaftliche Funktion von Vorurteilen wird von Andreas Zick wie folgend bestimmt: Es geht darum „durch Ideologien der Ungleichwertigkeit den ungleichen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen – trotz formalem Gleichheitsanspruch von modernen Gesellschaften – (zu, A.d.V.) legitimieren“ (Zick et al. 2011, S. 45). Vorurteile können also durch die ihnen innewohnende Absprache des Gleichheitsanspruches einen Solidaritätsbruch gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen zur Folge haben: Personengruppen, die den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen „nicht verdient“ haben, muss – dieser Logik folgend – auch keine Solidarität entgegen gebracht werden.

In Österreich sind Vorurteile weit verbreitet[1]. Sieht man sich die Vorurteile gegenüber MigrantInnen im Allgemeinen[2] an, so zeigt sich, dass knapp 47 % der befragten ÖsterreicherInnen eher (davon 17,3 % sehr) ablehnend gegenüber MigrantInnen eingestellt sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch beim Vorurteil gegenüber Muslimen und Muslimas: 40,2 % hegen eher Vorurteile gegenüber MuslimInnen[3], davon 10,5 % sehr große. Mit dieser hohen Ablehnungsrate gegenüber Muslimen und Muslimas liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld, wie eine vergleichbare Erhebung von Zick et al. (2011) [4] aus dem Jahr 2010 zeigt. Nur Ungarn verzeichnet etwa bei der Aussage „Es gibt zu viele Muslime in ….“ ähnlich hohe Ablehnungswerte wie Österreich (knapp 60 %). In Deutschland liegen die Ablehnungswerte bei knapp über 45 %; in Portugal sind sie mit unter 30 % am niedrigsten in den ausgewählten Ländern (vgl. Abb. 11.1).

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man sich die Verteilung zu der Aussage ansieht, ob die „Mehrheit der in Europa lebenden Muslime den islamistischen Terrorismus für gerechtfertigt hält“ (vgl. Abb. 11.2). Auch hier liegt Österreich mit knapp 10 % überwiegender und ca. 20 % tendenzieller Zustimmung im internationalen Vergleich mit Ungarn an der Spitze, gefolgt von Großbritannien und Polen (knapp über 25 %). In Deutschland ist die Zustimmung zu dieser Aussage bei den untersuchten Ländern am geringsten (knapp über 15 %), gefolgt von den Niederlanden (ca. 20 %).

Abb. 11.1 Ablehnung von Muslimen und Muslimas in Europa (Teil 1). (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes); Zick et al. 2011 (Daten Ö: 2012, alle anderen Länder: 2010) © Julia Hofmann)

die Werte 1–4 als eher feindlich. Der Mittelwert des Index beträgt 4,69; die Standardabweichung 1,89. Der Index ist leicht linksschief verteilt.

Abb. 11.2 Ablehnung von Muslimen und Muslimas in Europa (Teil 2). (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes); Zick et al. 2011 (Daten Ö: 2012, alle anderen Länder: 2010) © Julia Hofmann)

Neben MigrantInnen im Allgemeinen und MuslimInnen im Besonderen stellen AsylwerberInnen eine Minderheit dar, die in den letzten Jahren verstärkt mit Vorurteilen in Österreich konfrontiert ist. Dies spiegelt sich auch in den Einstellungen wider: 64 % der befragten ÖsterreicherInnen hegen eher Vorurteile gegenüber AsylwerberInnen [5], davon 19,9 % sehr große. Schlussendlich sind Juden und Jüdinnen historisch mit großen Ablehnungsraten in Österreich konfrontiert – die eher zögerliche Aufarbeitung der österreichischen TäterInnenschaft im 2.Weltkrieg hat die Beständigkeit der Ressentiments gegenüber JüdInnen im Land weiter verfestigt (Weiss 1987). 2012 waren 27,8 % der Befragten in Österreich (davon 6,5 % sehr) ablehnend gegenüber JüdInnen [6] eingestellt.

Neben ethnisch-kulturellen und religiösen Vorurteilen sind auch Vorurteile gegenüber sozial Schwachen im deutschsprachigen Diskurs allgegenwärtig. In Ös-

Abb. 11.3 Ausmaß sozialer Vorurteile in Österreich. (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes) © Julia Hofmann)

terreich gab es etwa in den 1990er Jahren sowie rund um die Jahrtausendwende einen politischen und medialen Diskurs rund um die sogenannten „Sozialschmarotzer“. Dieser spiegelt sich auch in den Einstellungen wider: 57,6 % der Befragten sind eher (davon 15,6 % sehr) ablehnend gegenüber sozial Schwachen[7] eingestellt. In Abb. 11.3 werden diese Zahlen ersichtlich.

Ein Vergleich mit Deutschland (vgl. Tab. 11.1) scheint aufgrund der ähnlichen Historie der beiden Länder besonders naheliegend. Dieser zeigt, dass Vorurteile in Österreich generell weiter verbreitet sind als im Nachbarland; teilweise ist die Zustimmung zu vorurteilsbeladenen Items doppelt so hoch.

Inwieweit nehmen diese Vorurteile im Zeitverlauf ab oder zu? Da das antimuslimische Vorurteil noch recht „jung“ ist, lassen sich hierfür keine Zeitverläufe skizzieren. Im Gegensatz dazu gibt es jedoch zahlreiche Daten hinsichtlich der Verbreitung von anti-migrantischen bzw. antisemitischen Vorurteilen in Österreich, die als Indizien für die Zubzw. Abnahme von Vorurteilen in Österreich im Allgemeinen dienen können. Das Item „Wenn Arbeitsplätze knapp sind, sollte man in Österreich lebende Zuwanderer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ gilt etwa als eines der Standard-Items der Vorurteilsforschung. In Österreich wurde es unter anderem 1998, 2003, 2008 und 2012 erhoben (vgl. Abb. 11.4). Im Zeitverlauf zeigt sich, dass die Zustimmung zu dieser Aussage zwischen 1998 und 2003 von knapp 47 auf 40 % abnahm, während sie seit 2003 wieder stetig zunimmt. Von 2003 bis 2012 stieg die Zustimmung zu diesem Vorurteil um knapp 14 Prozentpunkte an. Im

Tab. 11.1 Vergleich Österreich-Deutschland. (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes); Zick et al. 2011, S. 60 ff.; Heitmeyer 2011, S. 38 ff.; Decker et al. 2014, S. 50 ff.; Vierer-Likert-Skala, die Werte 1 + 2 wurden addiert © Julia Hofmann)

Vorurteile gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen

(Kategorien: stimme zu + stimme sehr zu)

Österreich (2012) (%)

Deutschland (2011/2012/2014) (%)

Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man in Österreich lebende Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken

53,8

42,4 (2011)

Juden haben in Österreich/Deutschland zu viel Einfluss

28,3

19,7 (2011)

Es gibt zu viele Muslime in Österreich/Deutschland

70,0

46,1 (2011)

Die meisten Langzeitarbeitslosen sind nicht wirklich daran interessiert, einen Job zu finden

66,0

52,0 (2012)

Bettler sollen aus den Fußgängerzonen entfernt werden

63,0

35,4 (2012)

Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden

67,9

46,7 (2011),

55,3 (2014)

Gegensatz dazu stagnierte dieses Vorurteil im Nachbarland Deutschland im mehr oder weniger gleichen Zeitraum (2002: 27 %, 2011: 29 %) (Heitmeyer 2002–2011). Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man sich die Verbreitung von anti-jüdischen Ressentiments in Österreich ansieht. Befand sich die Zustimmung zu der Aussage „Juden haben zu viel Einfluss in Österreich“ zwischen 1980 und 1996 konstant auf hohem Niveau (über 30 %), so nahm das Vorurteil zwischen 1996 und 2007 um knapp 15 Prozentpunkte auf 20 % ab. Zwischen 2007 und 2012 stieg es

wieder auf 28 % an (vgl. Abb. 11.5).

Vorurteile gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen nehmen in Österreich in den letzten Jahren also wieder stark zu – in diesem minderheitenfeindlichen Kontext konnte sich wohl auch das anti-muslimische Feindbild so schnell entwickeln. Wie die Bielefelder ForscherInnengruppe rund um Wilhelm Heitmeyer bereits festgestellt hat, handelt es sich hierbei um ein Einstellungssyndrom, das die

Abb. 11.4 Anti-migrantische Vorurteile im Zeitverlauf (1998–2012). (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes); EVS 2008; Weiss 2003 ©

Julia Hofmann)

Abb. 11.5 Vorurteile gegenüber JüdInnen im Zeitverlauf (1980–2012). (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes); Rathkolb und Ogris 2010; Weiss 2003 © Julia Hofmann)

ForscherInnen mit dem Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer 2002–2011) bezeichnet haben. Das heißt, dass Personen, die geneigt sind, einem Vorurteil gegenüber einer spezifischen (konstruierten) Gruppe zuzustimmen, auch eher dazu neigen, Vorurteile gegenüber anderen Gruppen zu übernehmen. Die hohen Zusammenhänge der einzelnen Vorurteile zeigen sich auch für Österreich in Abb. 11.6. Insbesondere die ethnischen Vorurteile (gegenüber MuslimInnen, MigrantInnen und AsylwerberInnen) korrelieren stark miteinander.[8]

Abb. 11.6 Soziale Vorurteile als Einstellungssyndrom. (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes)

© Julia Hofmann)

Doch woher kommt diese starke Verbreitung von Vorurteilen in Österreich? Und: Welchen Einfluss haben die aktuelle Krise bzw. die allgegenwärtigen sozialen Verunsicherungen auf die Grenzziehungsund Abwertungsprozesse im Land?

  • [1] Die Datenbasis für die hier beschriebenen Ergebnisse wurde im Mai 2012 vom Meinungsforschungsinstitut IFES im Rahmen einer Mehrthemenuntersuchung (MTU) erhoben. In einem dreiseitigen Fragebogen zum Thema „Krise und Desintegration“ setzten sich 21 Items mit Vorurteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen auseinander. Beinahe alle diese Items wurden bereits in anderen sozialwissenschaftlichen Studien zum Thema „Vorurteile“ verwendet. Die im Fragebogen verwendete Skala war eine vierstufige Likertskala mit den folgenden Ausprägungen: 1) stimme sehr zu, 2) stimme eher zu, 3) stimme eher nicht zu, 4) stimme gar nicht zu. An der Befragung nahmen 2000 Personen teil. Die Items zum Thema „Vorurteile“ wurden im Durchschnitt von ca. 1800 Personen beantwortet. Hinsichtlich der räumlichen (Bundesland, Stadt-Land) und soziodemographischen Verteilung (Alter, Berufsstatus, Bildungsniveau, Staatsbürgerschaft/Ethnizität) entspricht die Stichprobe annährend der österreichischen Grundgesamtheit. Eine deskriptive Statistik der einzelnen Vorurteilsitems findet sich im Anhang
  • [2] Hier gemessen als additiver Index gebildet aus zwei Variablen ( r = 0,633): „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man in Österreich lebende Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ und „Zuwanderer sind eine Bereicherung für unsere Kultur“ (invers kodiert). Der Index kann die Werte 1–8 annehmen. Die Werte 1 + 2 wurden als sehr feindlich definiert;
  • [3] Hier gemessen als additiver Index gebildet aus zwei Variablen ( r = 0,489): „Es gibt zu viele Muslime in Österreich und „Die Mehrheit der in Europa lebenden Muslime hält den islamistischen Terrorismus für gerechtfertigt“. Der Index kann die Werte 1–8 annehmen. Die Werte 1 + 2 wurden als sehr feindlich definiert; die Werte 1–4 als eher feindlich. Der Mittelwert des Index beträgt 4,91; die Standardabweichung 1,73. Der Index ist normal verteilt
  • [4] Da der globale Trend zum Anstieg der Muslimfeindlichkeit bereits vor 2010, konkret mit dem 11. September 2001, seinen Ausgang nahm, wird davon ausgegangen, dass die Ergebnisse der Studie von Zick et al. aus dem Jahr 2010 mit den österreichischen Ergebnissen aus dem Jahr 2012 verglichen werden können
  • [5] Hier gemessen als additiver Index gebildet aus zwei Variablen ( r = 0,428): „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein“ (invers kodiert) und „Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden“. Der Index kann die Werte 1–8 annehmen. Die Werte 1 + 2 wurden als sehr feindlich definiert; die Werte 1–4 als eher feindlich. Der Mittelwert des Index beträgt 3,98; die Standardabweichung 1,55. Der Index ist linksschief verteilt
  • [6] Hier gemessen als additiver Index gebildet aus zwei Variablen ( r = 0,577): „Juden haben in Österreich zu viel Einfluss“ und „Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit Opfer gewesen sind“. Der Index kann die Werte 1–8 annehmen. Die Werte 1 + 2 wurden als sehr feindlich definiert; die Werte 1–4 als eher feindlich. Der Mittelwert des Index beträgt 5,56; die Standardabweichung 1,73. Der Index ist rechtsschief verteilt
  • [7] Hier gemessen als additiver Index gebildet aus zwei Variablen ( r = 0,468): „Bettler sollen aus den Fußgängerzonen entfernt werden“ und „Die meisten Langzeitarbeitslosen sind nicht wirklich daran interessiert, einen Job zu finden“. Der Index kann die Werte 1–8 annehmen. Die Werte 1 + 2 wurden als sehr feindlich definiert; die Werte 1–4 als eher feindlich. Der Mittelwert des Index beträgt 4,34; die Standardabweichung 1,62. Der Index ist leicht linksschief verteilt
  • [8] Die empirische Überprüfung des Konzeptes mit Hilfe einer Faktorenanalyse war erfolgreich – die Faktorenanalyse schlug eine “Ein-Faktor-Lösung” vor, durch die 52 % der Varianz erklärt werden. Die einzelnen Indizes gehen mit 0,496 (Antisemitismus) bis 0,825 (Ressentiments gegenüber MuslimInnen) in den Faktor ein
 
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