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11.3 Theorien zur Entstehung und Rezeption sozialer Vorurteile

In der Vorurteilsforschung haben sich im Laufe der Jahrzehnte mehrere wichtige Ansätze zur Erklärung der Entstehungsbedingungen von Vorurteilen herausgebildet; diese werden heute als komplementär angesehen (Fuchs 2003; Rippl und Baier 2005). Die Ansätze lassen sich nach ihrem jeweiligen Fokus unterscheiden: individuumsbezogen, institutionenbezogen sowie strukturbezogen.

Individuumsbezogene Theorien betonen beispielsweise die Rolle von individuellen Gewaltund Unterdrückungserfahrungen (wie die Theorie der „autoritären Persönlichkeit“ von Adorno et al. 1950). Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass Vorurteile abhängig sind von dem Wissen des/der Einzelnen über Fremdgruppen und den persönlichen Kontakten zu marginalisierten sozialen Gruppen (Theorien des differentiellen Lernens, Kontakthypothese; Informationen zur politischen Bildung 2005; Rippl 1995). Institutionenbezogene Theorien betonen demgegenüber die Rolle von Schulen und Bildungseinrichtungen sowie anderer Orte interkultureller Zusammenkunft als Möglichkeiten des Wissenserwerbs, des Austausches und der Eingliederung von marginalisierten sozialen Gruppen in die (Mehrheits-)Gesellschaft (Strohmeier et al. 2005).

Strukturbezogene Theorien, wie die Konflikttheorie, setzen an verschiedenen makrosozialen Strukturen an. Sie argumentieren etwa – und auf dieser Annahme beruht der zweite Teil des vorliegenden Artikels –, dass materielle Statuskämpfe Vorurteile auslösen bzw. verstärken können. Die These der „relativen Deprivation“ geht davon aus, dass die Gefährdung des eigenen sozialen Status bzw. des Gefühls der Benachteiligung zu einer höheren Neigung zu Feindbildern führt (Pettigrew 2002). Die Verbindung zwischen relativer Deprivation und der Abwertung marginalisierter sozialer Gruppen wird über die Angst vor bzw. die Erfahrung von sozialem Abstieg erklärt. Durch diesen nehmen die sozialen Partizipationschancen und somit auch das Integrationspotential moderner Gesellschaften ab. VertreterInnen der Desintegrationstheorie (z. B. Heitmeyer und Imbusch 2005) argumentieren weiters, dass Erfahrungen des rapiden sozialen Wandels oder von Krisen Zukunftsängste, Gefühle der Anomie, der Verunsicherung oder der Perspektivlosigkeit auslösen können. Vor diesem gesellschaftlichen Problemhintergrund wird vielfach nach „einfachen“ Erklärungen gesucht und Feindbilder werden verstärkt angenommen (Heitmeyer 2002–2011). Es geht darum, die Effekte sozialer Desin- tegration in einem gesellschaftlichen Teilbereich durch eine gelungene Integration in einem anderen gesellschaftlichen Teilbereich zu kompensieren (beispielsweise über die Aufwertung der Eigengruppe; Mansel et al. 2012). Der Desintegrationstheorie folgend können gesellschaftliche Krisensituationen also, wie oben bereits angesprochen, zu vermehrter sozialer Verunsicherung führen, die in weiterer Folge einen Anstieg an Vorurteilen mit sich bringen und zu Solidaritätsbrüchen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen führen können. Der Einstellungsforscher Wilhelm Heitmeyer gibt etwa an, dass Krisen häufig mit der „Abwertung schwacher, angeblich nutzloser Gruppen“ (Heitmeyer 2011, S. 9) einhergehen.

An dieser Stelle muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass Konzepte, wie

„soziale Verunsicherung“ und „relative Deprivation“ – ebenso wie der Begriff der

„Solidarität“ – gesellschaftliche Konstrukte und damit nicht direkt aus objektiven Gegebenheiten ableitbar sind. Ähnlich wie der Begriff der „Solidarität“ werden auch sie in gesellschaftlichen Diskursen (re-)konstruiert – je höher etwa das Ausmaß eines politischen und medialen Angstdiskurses ist, desto höher ist auch dessen Präsenz in den Köpfen der Menschen (Wodak 2009). Der Zusammenhang von Krisen, Verunsicherungen und Deprivationen mit sozialen Vorurteilen muss daher teilweise auch als eine Folge politischer und medialer Diskurse verstanden werden. Die Verknüpfung von sozialen Fragen mit Abwertungen wird häufig von bestimmten politischen Parteien und Medien vorangetrieben und von der Bevölkerung aufgegriffen. In Österreich sind beispielsweise politische und mediale Angstdiskurse und deren Verknüpfung mit Ressentiments allgegenwärtig: In einigen Tageszeitungen wird etwa immer wieder davor gewarnt, dass „österreichische Arbeitslose auf der Strecke bleiben“, während gleichzeitig manche politische Parteien vor der „Invasion der Billigarbeiter“ warnen (Hofmann 2012).

Wenn im Folgenden den Auswirkungen von Krisen, Verunsicherungen und Deprivationen auf soziale Vorurteile nachgegangen wird, sollen – konflikttheoretischen Überlegungen folgend – zwei Thesen forschungsleitend sein:

1. Es wird davon ausgegangen, dass die Zunahme materieller Verteilungskonflikte zu Auseinandersetzungen rund um soziale Grenzziehungen und damit zu einer Zunahme von Vorurteilen führt. Dementsprechend sollten – so These 1 – Personen, die direkt von diesen materiellen Verteilungskonflikten betroffen sind (d. h. Arbeitslose, prekär Beschäftigte oder Krisenbetroffene) eher zu Vorurteilen neigen.

2. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass der Verunsicherungsdiskurs die soziale Kohäsion an sich gefährdet, d. h. dass die Verteilungskonflikte nicht nur von Personen, die direkt betroffen sind, geführt werden, sondern auch von verunsicherten bzw. relativ deprivierten sozialen Gruppen (Sommer 2010). Personen, die subjektiv verunsichert bzw. relativ depriviert sind, sollten demnach – so These 2 – eher zu Vorurteilen neigen.

 
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