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11.5 Abstiegsangst und Tritt nach unten?

Um darstellen zu können, welchen Einfluss nun objektive Faktoren, wie soziale Unsicherheit, und subjektive Faktoren, wie Verunsicherungen oder relative Deprivation, auf die Rezeption von sozialen Vorurteilen in Österreich tatsächlich haben, werden im Folgenden die Ergebnisse einer multiplen Regressionsanalyse vorgestellt. Da die verschiedenen Vorurteile, wie in Abb. 11.6 bereits gezeigt wurde, stark miteinander korrelieren und darüber hinaus alle gruppenbezogenen Ressentiments auf einen Faktor laden, wurden sie zu einer abhängigen Variable „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zusammengefasst [1]. Die Berechnungen wurden jedoch auch separat für alle hier relevanten marginalisierten sozialen Gruppen gerechnet (siehe Anhang).

Die folgenden Zusammenhänge wurden getestet:

1. Der Einfluss objektiver Unsicherheitsfaktoren (hier gemessen anhand der Erfahrung mehrmaliger Arbeitslosigkeit, von prekären Beschäftigungsverhältnissen und anhand kleinteiliger Krisenbetroffenheit) sowie

2. von subjektive Faktoren, wie sozialer Verunsicherung (hier gemessen als Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Zukunft und der Zukunft des Landes) und relativer Deprivation, auf die Rezeption von sozialen Vorurteilen.

Tab. 11.2 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Multivariate Analyse). (Quelle: eigene Daten 2012 (Ifes), signifikante Abweichungen sind fett und mit * gekennzeichnet © Julia Hofmann)

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Unstandardisierte Koeffizienten

Standardisierte Koeffizienten

Konstante

1,173

Sozialstrukturelle Faktoren

Bildung

0,185

0,339***

Alter

0,058

0,104

Einkommen

− 0,049

− 0,127

Geschlecht (0 = m; 1 = w)

− 0,189

0,142*

Objektive Faktoren

Mehrmalige Arbeitslosigkeit (0 = nie, 1 = mehrmals)

− 0,153

− 0,114

Prekäre Beschäftigung

0,021

0,048

Kleinteilige Krisenbetroffenheit

0,025

0,119

Subjektive Faktoren

Unsicherheit hinsichtlich des eigenen Lebens

0,640

0,175**

Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft des Landes

0,111

0,311**

Relative Deprivation (Dummy, 0 = gerechter Anteil, 1 = weniger als den gerechten Anteil)

− 0,124

− 0,393*

Korr. R2

0,32

Neben den interessierenden Einflussfaktoren, wie soziale Unsicherheit, Verunsicherung und relative Deprivation [2], wurden klassische sozialstrukturelle Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und Einkommen in die Analyse aufgenommen. Es zeigt sich jedoch, dass nur das Bildungsniveau (und einmal das Geschlecht) als Erklärungsfaktor für die Rezeption von Vorurteilen relevant ist.

Bei der Regressionsanalyse zur Erklärung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ergibt sich ein korrigiertes R2 von 0,32. Die Beta-Werte zeigen, dass die Variablen „Bildungsniveau“ (ß = 0,339***), „relative Deprivation“ (0,393*) und „landesbezogene Verunsicherung“ (0,311**) am stärksten in das Modell eingehen. Die Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Zukunft lässt sich auch als relevanter Faktor heranziehen; die Erklärungskraft liegt jedoch nur bei 0,175**. Das Geschlecht hat auch einen leichten Einfluss (− 0,142*) (vgl. Tab. 11.2). Die anderen sozialstrukturellen und objektiven Faktoren verzeichnen geringe und nicht signifikante Beta-Werte. Das Ausmaß gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist in Österreich also abhängig von dem Ausmaß landesbezogener (und persön- licher) Verunsicherung sowie von dem Ausmaß relativer Deprivation. Mit steigendem Bildungsniveau der Befragten sinkt auch das Ausmaß gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Frauen sind weniger anfällig für Vorurteile als Männer. Objektive Unsicherheitsfaktoren, wie die Erfahrung von Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung oder kleinteilige Krisenbetroffenheiten, spielen bei der Rezeption von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit demnach eine geringere Rolle als subjektive Faktoren, wie soziale Verunsicherung oder relative Deprivation.

Bei der Erklärung der Entstehungsbedingungen von Vorurteilen gegenüber spezifischen sozialen Gruppen ergibt sich ein leicht anderes Bild als bei der allgemeinen Analyse zur Erklärung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Tab. siehe Anhang): Prinzipiell zeigt sich, dass die Erklärungskraft des Modells viel geringer ist als bei der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Allgemeinen. Das korrigierte R² liegt in den separaten Analysen nur zwischen 0,10 (Ressentiments gegenüber sozial Schwachen) und 0,19 (Ressentiments gegenüber MigrantInnen)[3]. Auch der Einfluss sozialer Verunsicherungen (landesbezogen wie personenbezogen) variiert in den Analysen: So hat die individuelle Verunsicherung nur einen Einfluss auf die Ressentiments gegenüber JüdInnen (ß = 0,290***) und AsylwerberInnen (0,266**), während die landesbezogene Verunsicherung bei Ressentiments gegenüber MuslimInnen (0,214***) und MigrantInnen (0,283**) zum Tragen kommt. Bei den Ressentiments gegenüber sozial Schwachen spielte die soziale Verunsicherung (individuell wie landesbezogen) keine Rolle.

Demgegenüber spielt die relative Deprivation in den spezifischen Analysen weiterhin eine wichtige Rolle. Bei allen Analysen verzeichnet sie hohe und signifikante Beta-Werte. Des Weiteren üben zwei objektive Erklärungsfaktoren einen gewissen Einfluss auf Ressentiments in den separaten Analysen aus: das Bildungsniveau und die Erfahrung mehrmaliger Arbeitslosigkeit. Bildung hemmt die Wahrscheinlichkeit für Vorurteile gegenüber drei sozialen Gruppen: MigrantInnen (0,154**), AsylwerberInnen (0,203**) sowie sozial Schwachen (0,149*). Beim Antisemitismus und der Abwertung von MuslimInnen ergibt sich hierbei jedoch kein Zusammenhang. Der Effekt von mehrmaliger Arbeitslosigkeit auf die Rezeption von Vorurteilen zeigt sich nur bei den Ressentiments gegenüber MigrantInnen (0,133*) und sozial Schwachen (− 0,190**). Bei zweiteren geht der Einfluss jedoch in die umgekehrte Richtung: Personen, die mehr als einmal mit Phasen der Arbeitslosigkeit konfrontiert waren, hegen – wohl aufgrund der eigenen Erfahrung – weniger Vorurteile gegenüber sozial schwachen Gruppen.

Zusammenfassend betrachtet ergibt sich in der multivariaten Analyse also ein heterogeneres Bild. Auch wenn die einzelnen Ressentiments stark miteinander korrelieren, so scheinen die Erklärungsfaktoren für diese doch erheblich zu variieren. Die von den konflikttheoretischen Theorien vorgebrachte These des Zusammenhangs von materiellen Verteilungskonflikten, Krisenerfahrungen und sozialer Verunsicherungen mit Vorurteilen scheint in Österreich am ehesten für Vorteile gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen im Allgemeinen (gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) zuzutreffen; bei den spezifischen Gruppen ist die Erklärungskraft des Modells jedoch sehr gering und es sind jeweils nur einzelne Indikatoren als relevante Erklärungsfaktoren zu begreifen.

Interessant ist die Dominanz der Variable „individuelle relative Deprivation“ als Erklärungsfaktor in allen Analysen. In jüngeren deutschen Studien ergeben sich hierzu ebenfalls relevante Ergebnisse: Zick et al. (2011) zeigen, dass in Deutschland weniger der eigene soziale Status („individuelle relative Deprivation“) für die Rezeption von sozialen Vorurteilen ausschlaggebend ist, als der Status der Eigengruppe (definiert als „fraternale relative Deprivation“). Aufgrund fehlender Daten konnte der Einfluss der „fraternalen relativen Deprivation“ hier jedoch leider nicht getestet werden.

Dass etwa die Ressentiments gegenüber JüdInnen wenig mit objektiven Faktoren zusammenhängen, lässt sich mit einem Blick auf die historische Tradition des Landes und durch vorangegangen Studien erklären: Vorangegangene Untersuchungen konnten beispielsweise zeigen, dass sich antijüdische Ressentiments in Österreich in allen Bevölkerungsschichten, unabhängig von sozialem Status, Bildungsniveau oder Geschlecht gleichermaßen finden (Weiss 1987). Dass das Alter kein Prädiktor für antijüdische Einstellungen ist, stellt jedoch eine neuere Entwicklung dar. War bis in die 1980er bzw. 1990er Jahre in Österreich ein sogenannter „Generationeneffekt“ beim Antisemitismus zu beobachten – das heißt, dass jüngere Menschen weniger anfällig waren für antijüdische Ressentiments als ältere -, so nimmt der Antisemitismus in den letzten Jahren vor allem bei den jüngeren Bevölkerungsteilen wieder stark zu (Pressedienst des Instituts für Jugendkulturforschung 2010).

Den Ergebnissen der Regressionsanalyse folgend müssen die beiden weiter oben formulierten Thesen in folgender Weise adaptiert werden: Die Zunahme materieller Verteilungskonflikte führt in Österreich nicht dazu, dass Personen, die direkt von diesen Verteilungskonflikten betroffen sind (d. h. Arbeitslose, prekär Beschäftigte oder Krisenbetroffene) eher zu Vorurteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen neigen (Zurückweisung von These 1). Nur bei den Vorurteilen gegenüber MigrantInnen finden sich leichte Anzeichen, die diese These bestätigen könnten. Bei Vorurteilen gegenüber sozial Schwachen ergibt sich demgegenüber ein völlig anderes Bild: Die Erfahrung mehrmaliger Arbeitslosigkeit lässt Personen etwa verständnisvoller gegenüber sozial schwachen Gruppen werden. These 2, die sich mit der Rolle von sozialer Verunsicherung auseinandersetzte, kann zumindest für die allgemeine Erklärung von Vorurteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen als bestätigt angesehen werden (Teilbestätigung von These 2): Je verunsicherter Individuen hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft oder der Zukunft des Landes, in dem sie leben, sind, desto eher sind sie bereit Vorurteile über marginalisierte soziale Gruppen anzunehmen. Gleiches gilt für das Ausmaß individueller relativer Deprivation; diese ist darüber hinaus auch ein relevanter Erklärungsfaktor für (fast) alle spezifischen Vorurteile.

  • [1] Die Variable ist ein Mittelwerts-Index, gebildet aus 10 Variablen. Er kann die Werte 1–4 annehmen und ist leicht linksschief verteilt. Der Mittelwert liegt bei 2,3 und die Standardabweichung bei 6,89
  • [2] Die Indikatoren für Verunsicherung, Krisenbetroffenheit und Deprivation korrelieren zwar miteinander, aber keineswegs besonders hoch (keine Multikollinearität erkennbar), sodass sie als unabhängige Variablen in die Regression eingehen können
  • [3] Das korrigierte R2 für Ressentiments gegenüber JüdInnen liegt bei 0,16, für Ressentiments gegenüber MigrantInnen ebenfalls bei 0,16 und für Ressentiments gegenüber AsylwerberInnen bei 0,17
 
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