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11.6 Schluss

Der vorliegende Artikel widmete sich dem Thema der „Solidaritätsbrüche“ am Beispiel der Verbreitung von Vorurteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen. Es wurde die konflikttheoretischen Annahme geprüft, dass die Zunahme von Vorurteilen ein Indikator für soziale Spaltungen sein kann. Am Beispiel Österreichs wurde daher gezeigt, wie weit verbreitet Vorurteile gegenüber spezifischen sozialen Gruppen, wie AsylwerberInnen, MuslimInnen, MigrantInnen im Allgemeinen, aber auch Juden und Jüdinnen und sozial Schwachen sind. Der Vergleich der Zustimmungsraten zu einzelnen Items mit anderen europäischen Ländern offenbarte, dass gruppenfeindliche Einstellungen in Österreich besonders stark ausgeprägt sind. Diese nehmen, wie eine Analyse im Zeitverlauf zeigen konnte, in den letzten Jahren hierzulande darüber hinaus stark zu.

Neben der schieren Verbreitung von Vorurteilen widmete sich der Artikel der These, dass soziale Krisensituationen eine Basis für Solidaritätsbrüche gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen darstellen können. Die Konflikttheorie postuliert, dass die Zunahme materieller Verteilungskonflikte dazu führen kann, dass die „Grenzen der Gemeinschaft“ enger gezogen werden und marginalisierte soziale Gruppen zunehmend als „BürgerInnen zweiter Klasse“ bzw. als „Bürde für die Gemeinschaft“ definiert werden. Diese sekundären Verteilungskonflikte werden – so die Annahme – gleichzeitig von Personen, die direkt mit materiellen Problemen konfrontiert sind, geführt, als auch von Personen, die Angst vor einem drohenden sozialen Abstieg haben bzw. sich von der Gesellschaft ungerecht behandelt fühlen. Im zweiten Teil des Artikels wurde dementsprechend versucht den postulierten Zusammenhang von sozialen Unsicherheiten, Verunsicherungen und Deprivationen mit Vorurteilen empirisch zu überprüfen. Dieser ließ sich auch bei der Entstehung und Rezeption von Vorteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen im Allgemeinen (gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) zeigen. Bei den Ressentiments gegenüber spezifischen Gruppen (wie etwa den Vorurteilen gegenüber AsylwerberInnen oder sozial Schwachen) zeigte sich jedoch, dass diese Vorurteile jeweils ihrer eigenen Logik folgen. Die vorliegenden Ergebnisse sollten jedoch nicht als Widerlegung konflikttheoretischer Ansätze gelesen werden, sondern als Betonung der Heterogenität und Mehrdimensionalität von Entstehungsund Rezeptionsbedingungen. Die Formel „Abstiegsangst = Tritt nach unten?“ geht nicht für alle Feindbilder in gleichem Ausmaß auf.

Einige wichtige Fragen bleiben offen und können im Rahmen dieses Artikels nicht behandelt werden. Sie wären jedoch ein guter Ausgangspunkt für folgende Analysen: Wie lässt sich eine akkuratere Theorie entwickeln, die auf der einen Seite die Funktion von Vorurteilen als „Vehikel materieller Auseinandersetzungen“ ernstnimmt, auf der anderen Seite jedoch mit der Heterogenität und der Mehrdimensionalität von Vorurteilen gegenüber marginalisierte soziale Gruppen umgehen kann? Darüber hinaus scheinen weitere Studien erforderlich zu sein, die sich präzise mit den einzelnen Vorurteilsdimensionen auseinandersetzen und spezifische Erklärungsfaktoren abzuleiten versuchen.

 
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