Wie Bilder im Kopf Planung und Entwicklungspolitik beeinflussen

Nicht nur objektive Rahmenbedingungen, sondern eben auch tradierte Vorstellungen zu Entwicklungsmöglichkeiten ländlicher Regionen beeinflussen Planung und Politik. Eine Art räumliche Arbeitsteilung sieht für ländliche Räume bestimmte Funktionen wie Landwirtschaft, Ausgleichsund Erholungsraum, Naturschutz, Ressourcennutzung, Nutzung für Tourismus und Freizeit vor. Dies ist im Sinne einer Potenzialund Stärkenorientierung nachvollziehbar, wie räumliche Entwicklungskonzepte und regionale Entwicklungsleitbilder (man denke an die zahlreichen Leader-Strategien) zeigen. Allerdings kann dies auch dazu führen, dass alles, was nicht in das gewohnte Bild passt, wie zum Beispiel kreativwirtschaftliche Branchen oder akademisch ausgebildete Berufsgruppen, gar nicht als Potenzial erwogen wird. Bilder im Kopf haben Konsequenzen: Zum Beispiel wenn sich Menschen aus einem städtischen Landeszentrum gar nicht vorstellen können, dass es „in der Region“ etwas gibt, das sie dort gar nicht erwarten. „Was habt ihr denn schon außer Wald? Industrie auch?“ So zwei Fragen aus der Erzählung einer ausgebildeten Innovationsmanagerin, die ihre Anstellung in der Landeshauptstadt aufgab, um in diesem Bereich in ihrer früheren ländlichen Heimat zu arbeiten. Ihre Erfahrung: Man wundert sich, dass sie dorthin zurückgeht, „wo nichts ist“. Auch ein Bürgermeister machte mir in einem Gespräch deutlich, dass er sich in seiner Gemeinde „nichts anderes“ als Tourismus vorstellen kann. Daher sei alle Aufmerksamkeit ausschließlich auf diesen Bereich zu lenken. Derartige Einschätzungen erfolgen, obwohl es in Tourismusgebieten neben der natürlich prägenden Tourismusbranche auch noch andere Branchen und Dienstleistungen gibt.

Eine besondere Problematik liegt in der verbreiteten Thematisierung von „regionaler Identität“ als Ressource und als gewachsenes Merkmal. [1] Regionale Identität wird in ländlichen Regionen vorrangig mit „Tradition“ und „Kulturerbe“ verbunden. Demzufolge werden Elemente, die nicht zu diesem Bild passen, ausgeblendet. Derartige Strategien und Leitbilder laufen Gefahr, einer rückwärtsgewandten und traditionalistischen Sichtweise für die Entwicklung einer Region Vorschub zu leisten. Man verbindet die Zukunft einer Region überwiegend mit Bildern des allzu oft idealisierten Vorhandenen. Man lässt damit Neues, Unbekanntes und Unkonventionelles nicht zu. Derartige Einschränkungen und Festlegungen bedeuten einen Verlust an Möglichkeiten und somit auch einen Verlust an Attraktivität. Es ist bezeichnend, dass die Attraktivität urbaner Räume immer mit einer Vielfalt an Möglichkeiten und Freiräumen in Verbindung gebracht wird. Aber als Faktoren für ländliche Entwicklung wurden diese unter dem Titel „Soziale Vielfalt“ erst in den letzten Jahren in die Diskussion über ländliche Entwicklung eingebracht (Dax et al. 2009).

Die Problematik von Begrenzungen spiegelt sich auch in der verbreiteten Zusammensetzung von Vergabegremien, wie bei der Fördermaßnahme „Leader“, wider. Denn Gremien, die vorwiegend von männlichen Repräsentanten einer regionalen Elite in einer Altersgruppe zwischen 45 und 65 Jahren geprägt sind, können kaum den vielfältigen Potenzialen und Bedarfslagen einer Region gerecht werden. Sie laufen Gefahr, sich letztlich auf bestimmte Gruppeninteressen zu beschränken.[2]

Eingrenzende Festlegungen für ländliche Regionen führen quasi zu einer doppelten Benachteiligung: Denn zusätzlich zu schwierigeren strukturellen Rahmenbedingungen wird festgeschrieben, was man Menschen in ländlichen Regionen zutraut und was für sie „möglich“ ist.

Es gibt natürlich objektiv vorgegebene Rahmenbedingungen. Aber es gibt auch das Unerwartete. Dieser Faktor zeigt sich am Beispiel von zeitgenössischen Kunstund Kulturinitiativen in ländlichen Regionen, die regelmäßig eine besondere Kreativität und Innovationskraft aufweisen, die jener in urbanen Räumen nicht nachsteht. Es gehört zum Kern zeitgenössischer Kulturinitiativen, Raum für andere Sichtweisen zu schaffen und neue Zugänge zu eröffnen. Dies ist ein Faktor, der in der Regionalpolitik und in der ländlichen Entwicklungspolitik bisher viel zu wenig wahrgenommen wird (Österreichische Kulturdokumentation. Internationales Archiv für Kulturanalysen 2011).

Nicht zuletzt ist auch auf traditionelle Feindbilder und Vorurteile gegenüber ländlichen Regionen innerhalb eines sich als fortschrittlich und aufgeklärt verstehenden Bildungsmilieus hinzuweisen. Ihre RepräsentantInnen nutzen ländliche Räume gerne als Erholungsräume. Aber sie trauen den Menschen in diesen Räumen oft nichts zu. Es ist zwar schön dort, aber halt nicht zum dauerhaft leben! Man hält ländliche Regionen tendenziell für rückständig, konservativ und provinziell.

  • [1] Abgesehen von meiner eigenen Kenntnis einiger Beispiele für regionale Entwicklungsleitbilder, die davon geprägt sind, wurde auf dieses Phänomen auch vom Koordinator der Österreichischen Netzwerkstelle des Förderprogramms Leader, Luis Fidlschuster, in einem Workshop hingewiesen
  • [2] Auf einen diesbezüglichen Handlungsbedarf wird auch in der Evaluierung des Österreichischen Programms Ländliche Entwicklung 2007-2013 hingewiesen (Marchner und Pircher 2010 u. 2012)
 
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