Der ländliche Raum ist keine periphere Angelegenheit

Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Bedeutung ländlicher Regionen ist die schlichte Tatsache, dass in einem Land wie Österreich – wie auch in manchen anderen Teilen Europas – rund zwei Drittel der Bevölkerung in ländlich strukturierten Regionen leben. Der Großteil der Bevölkerung lebt in kleinstrukturierten Verhältnissen, in Gemeinden und Kleinstädten. Wie sich diese Räume trotz Zuwanderung in Ballungszentren (vor allem im Speckgürtel) entwickeln, ist also keine Nebensache, sondern für eine derart strukturierte Gesellschaft bedeutsam.[1] Die bisherige Lebensqualität in Österreich ist mit (noch) funktionierenden dezentralen Strukturen und relativ gleichwertigen Lebensbedingungen verbunden. Die Entwicklungsmöglichkeiten kleiner Einheiten und dezentraler Strukturen sind mit entscheidend, auch wenn kleine Einheiten für ihren Weiterbestand regionale Kooperationsmodelle und Reformen brauchen.

Ländliche Regionen sind mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert: nicht nur mit den Konsequenzen des demografischen Wandels und des wirtschaftlichen Strukturwandels (permanente Abnahme der Landwirtschaft, Rückgang traditioneller Branchen und Bereiche, Entstehung neuer Branchen und Berufe), sondern eben auch mit den Herausforderungen einer „Wissensgesellschaft“. Ländliche Regionen sind gefordert, diesen Wandel aktiv zu gestalten, unter entsprechend unterstützenden Rahmenbedingungen.

Die Strukturen einer wissensbasierten Ökonomie und Gesellschaft – Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen, innovationsorientierte Unternehmen etc. – sind vorrangig in Ballungsräumen verankert. Es geht daher darum, dass ländliche Regionen in der Lage sind, an die Strukturen einer wissensbasierten Gesellschaft entsprechend anzudocken, vorhandene Kreativund Wissenspotenziale nutzbar zu machen, mit Ausbildungsund Forschungseinrichtungen zu kooperieren. „Wissensgesellschaft“ in ländlichen Regionen bedeutet zum Beispiel: Möglichkeiten für junge Qualifizierte (TechnikerInnen, akademische Berufe) zu schaffen, die eine Bindung an ihre Herkunftsregion haben, sowie die Verankerung von neuen, zukunftsorientierten Branchen und Berufen.

Eine besondere Aufgabe besteht dabei auch in der Gestaltung einer Kooperationskultur zwischen Ausbildungsund Forschungseinrichtungen und ländlichen Regionen. Diese gibt es bislang vorrangig zwischen großen Industriebetrieben und Forschung, aber kaum in systematischer Weise zwischen kleinen Unternehmen und Gemeinden einerseits und urbanen Wissensstrukturen andererseits. Eine Herausforderung besteht vor allem in der Überwindung von Vorurteilen (z. B. „TheoretikerInnen“ versus „PraktikerInnen“) sowie von mentalen und strukturellen Barrieren zwischen unterschiedlichen „Welten“ der Wissenschaft und der Praxis (Bärnthaler und Marchner 2013). Das Andocken an die Wissensgesellschaft bedeutet deshalb nicht nur eine technisch-ökonomische Modernisierung, sondern auch eine soziokulturelle: Es braucht mehr Offenheit für neue Ideen und Denkweisen sowie für neue Formen der Zusammenarbeit.

Welche positiven Wirkungen Ausbildungseinrichtungen auf ihr regionales Umfeld haben, zeigen Beispiele berufsbildender höherer Schulen wie die landwirtschaftliche Fachschule Raumberg-Gumpenstein im steirischen Ennstal oder die HTBLA im oberösterreichischen Hallstatt. Ihre AbsolventInnen prägen die Region mit. Die Schulen schaffen Impulse für das regionale Umfeld. Sie verweisen letztlich auch auf die Bedeutung öffentlicher Investitionen in dezentrale Bildungs-Infrastrukturen als eine wichtige Voraussetzung für kreative und innovationsorientierte Milieus. Ländliche Regionen brauchen aber nicht nur Strukturen für Ausbildung und Forschung, sondern auch mehr Freiräume für kreative Entwicklung. Ein derzeit klingendes Beispiel dafür ist das Projekt „Otelo – offenes Technologielabor“[2]. Im Mittelpunkt steht die Bereitstellung von Möglichkeits-Orten für gemeinschaftliches spielerisch-kreatives Experimentieren mit Neuen Technologien für junge Menschen. Vielerorts werden mehr Möglichkeiten für offene und experimentelle Projekte eingefordert. In diesem Zusammenhang wird von Initiativen und Projektträgern im sozialen und kulturellen Bereich die Praxis von Förderprogrammen als zu hochschwellig und bürokratisch eingestuft.[3]

  • [1] Nach den Angaben des LE 14-20 leben 45 % der Bevölkerung in überwiegend ländlichen Regionen (d. h. mehr als 50 % der Bevölkerung leben in „ländlichen“ Gemeinden, dies sind Gemeinden, in denen die Bevölkerungsdichte unter 150 EinwohnerInnen pro km2 liegt), 21 % in integrierten Regionen (zwischen 15 und 50 % der Bevölkerung leben in ländlichen Gemeinden) und 35 % in urbanisierten Regionen
  • [2] otelo.or.at
  • [3] Diese Rahmenbedingungen werden auch bei der Evaluierung des Österreichischen Programms für Ländliche Entwicklung (LE 7-13) von den AkteurInnen thematisiert (Marchner und Pircher 2010)
 
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