Die Bedeutung des „Nicht-Vorgesehenen“

Das „Nicht-Vorgesehene“, Unerwartete und das Ausbrechen aus gewohnten Pfaden sind ein zentraler Kern von Neuerungen.[1] Wie sehr die Entwicklung in ländlichen Regionen durch neue Impulse angetrieben wird, zeigen historische und aktuelle Beispiele.

Wie Regionalgeschichte von Erneuerungsschüben geprägt wird

Das Beispiel der Geschichte einer Gemeinde im steirischen Salzkammergut[2] zeigt, wie Neuerungen schubweise erfolgen, angestoßen von kreativen Persönlichkeiten und Gruppen. In dieser Region brachten der Bau der Eisenbahn (1877) und der damit erfolgte Anschluss an das moderne Verkehrsund Wirtschaftssystem einschneidende Veränderungen. Sie besiegelten das Ende der seit dem Mittelalter bestehenden regionalen Wirtschaft, deren Krise sich bereits mit der abnehmenden Bedeutung des Salzes angekündigt hatte. Neben der bäuerlichen Wirtschaft spielten in dieser Gemeinde vor allem die Zulieferund Nebengewerbe im Rahmen der Salinenwirtschaft – Holzwirtschaft, Fuhrwesen, Handwerk – eine besondere Rolle. Die Eisenbahn beendete das traditionelle Fuhrwesen und die Verwendung von Holz für die Salzerzeugung. Gleichzeitig ermöglichte sie den Holzexport und einen Sommerfrische-Tourismus. Um 1900 war diese Gegend aber noch keine Tourismusregion, sondern vorrangig eine Bauernund Gewerbelandschaft mit Forstund Holzwirtschaft und einer kleinen unternehmerischen Bürgerschicht, die sich um neue gewerbliche wie touristische Initiativen bemühte.

Zu dieser Zeit wurde der bislang kaum existierende Skisport als „verrücktes“ Hobby einer bürgerlich-städtischen Schicht in das Tal importiert. Die Initiative dazu ging von einer lokalen Pioniergruppe aus, die von den Einheimischen anfangs stark belächelt wurde. Kreative Köpfe knüpften Kontakte zur neuen Skisport-„Szene“ in Ostösterreich (Lilienfeld, Mürzzuschlag, Wien). Prägend für die Gruppe war die starke Leidenschaft ihrer Mitglieder für den Wintersport. Sie legten letztlich den Grundstein dafür, dass die Gemeinde zu einem der ersten Wintersportorte in den Ostalpen während der letzten Jahre der Habsburgermonarchie wurde. Damit war etwas völlig Neues und Ungewohntes entstanden.

Einen weiteren Schub erlebte die Gemeinde erst wieder in den 1960er Jahren (abgesehen von ihrer kontinuierlichen Popularität als Tourismusgemeinde in der NS-Zeit). Diese Zeit ermöglichte in vielen alpinen Regionen Österreichs die Nutzung der durch das deutsche „Wirtschaftswunder“ ausgelösten hohen touristischen Nachfrage. Unter Führung einer Unternehmerpersönlichkeit, die als Kriegsflüchtling in den Ort gekommen war, wurde die Gemeinde quasi neu erschaffen. Teilweise schon länger bestehende Ideen (Straßen, Bäder) wurden realisiert. Ein Bauboom verwandelte innerhalb weniger Jahre den Ort in eine moderne Tourismusgemeinde – auch mit allen negativen Folgen der Verbauung der Landschaft. Natürlich spielten für diese Entwicklung positive Rahmenbedingungen eine Rolle. Aber entscheidend war die Visionskraft einzelner Persönlichkeiten, die der Region einen Impuls geben und Investitionen auslösen konnten.

Diese Beispiele – vor 1914 und in den 1960er Jahren – zeigen, wie sehr die Entwicklung einer Gemeinde und Region mit kreativen und unternehmerischen Persönlichkeiten – mit der heute vielzitierten Entrepreneurship – und mit neuen Perspektiven verbunden ist. Erneuerung erfolgt nicht automatisch, sondern ist immer von Menschen abhängig, die mit neuen Ideen vorhandene Rahmenbedingungen nutzen können. Dass dies auch gegen vorhandene, schwierige Rahmenbedingungen erfolgen kann, zeigt ein weiteres Beispiel in der Region: die Genese der Ski-Flugschanze am Kulm. Es erscheint eigentlich unlogisch, dass in einem Bergbauerngebiet zwei Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges ohne jegliche Mittel die Errichtung einer Flugschanze geplant und schließlich auch realisiert wird. Aber genau das ist passiert.

  • [1] Dies macht letztlich auch Innovationsprozesse aus; Forschungen zur Innovationskultur und zu Innovationsprozessen thematisieren dies
  • [2] Den Hintergrund für diese Informationen bilden Materialien aus dem Dokumentationsarchiv „Kultur in der Natur“ zu Geschichte, Kulturdenkmälern und Sagen der Gemeinde Bad Mitterndorf (dazu auch Marchner 2006 u. 2010)
 
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