Pioniere und Pionierinnen gegen den Mainstream: Wie neue Zukunftsbilder von Regionen entstehen

Das zweite Beispiel bildet die Geschichte der eigenständigen Regionalentwicklung seit den 1990er Jahren (Waldert 1992). Sie beginnt mit Menschen, die vor dem Hintergrund von krisenhaften Entwicklungen nach Alternativen und neuen Wegen suchen. Das Besondere an ihren Initiativen ist, dass sie damit auch die Zukunft ihrer Regionen neu „erzählen“ und dass es um neue Sinnund Lebensentwürfe geht: um Bauern und Bäuerinnen, die nach neuen Möglichkeiten suchen, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Oder um neue Formen des Tourismus, um neue gewerbliche Initiativen in industriellen Krisenregionen oder um die Vision der erneuerbaren Energie. Am Beginn der sogenannten eigenständigen Regionalentwicklung in Österreich stehen Pioniere und Pionierinnen, die als belächelte und teilweise auch bekämpfte AußenseiterInnen völlig neue Ideen dem herkömmlichen Denken in Wirtschaft und Politik in ländlichen Regionen entgegenstellten. Heute als selbstverständlich geltende Bereiche wie „Sanfter Tourismus“, „Biolandwirtschaft“ und „erneuerbare Energie“ sind keine Erfindungen etablierter Institutionen, sondern sie kamen vom Rand, ungeplant, nicht vorgesehen, teilweise auch unerwünscht.

Dazu verweise ich auf drei Beispiele: Die Tauernlamm-Genossenschaft im Bundesland Salzburg entstand Ende der 1970er Jahre als alternative Produktions-, Verarbeitungsund Vermarktungsorganisation auf kleingenossenschaftlicher Basis. Die Initiative stellte mit ihrer Form der kooperativen Selbstorganisation einen Alternativpfad zu herkömmlichen Organisationsformen in der Landwirtschaft und den nachgelagerten Verarbeitungsund Vermarktungsstrukturen dar – auch gegen die Interessen etablierter landwirtschaftlicher Organisationen.

Die Erfindung des südoststeirischen „Vulkanlandes“ im Sinne der bestmöglichen Nutzung eigenständiger Potenziale ist der Initiative von Persönlichkeiten zu verdanken, die erlebten, wie sehr für ihre Heimatregion von Seiten der Lokalpolitik, aber vor allem auch seitens der Landespolitik keine zukunftsfähige Perspektive gesehen wurde.

Die „Herzeige“-Energiegemeinde Güssing, die ehemals der ärmsten Region Österreichs zugehörte, nahm ihren Anfang im Entschluss, völlig neue und unerwartete Wege zu gehen und aus vorhandenen Möglichkeiten (erneuerbare Rohstoffe als Ressource) etwas Neues zu schaffen.

Alle diese Beispiele haben etwas mit neuen Bildern von ländlichen Regionen und mit anderen Lebensentwürfen von Menschen zu tun: für Bergbauernhöfe, für eine Grenzregion oder für eine Gemeinde in einem strukturschwachen Gebiet.

Gerade Frauen-Initiativen in ländlichen Regionen zeigen, wie sehr es bei Regionalentwicklung um neue Lebensentwürfe, um die Änderung sozialer Muster und um neue Rollenund Berufsbilder geht. Denn die Vielfalt an Entwicklungsund Handlungsmöglichkeiten ist ein Kriterium dafür, dass, nicht nur, qualifizierte Frauen aus ländlichen Regionen nicht abwandern.

 
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