Das österreichische Gesundheitssystem: Ein Ausblick

Das österreichische Gesundheitswesen bzw. der Ressourceneinsatz für die Versorgung mit Gesundheitsleistungen hat sich in der letzten Dekade z. T. erheblich verändert. Der Ressourcenabbau ist jedoch vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen im Gesundheitswesen zu beurteilen. So hat die österreichische Gesundheitspolitik, um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung über alle Bereiche hinweg auch in Zukunft garantieren zu können, den Fokus auf das gesamte Gesundheitssystem gelegt, anstatt die einzelnen Teilbereiche getrennt voneinander zu analysieren und zu planen.

Mit dem ÖSG wurde die Standort-, Fächerund Bettenplanung für den Krankenanstaltenbereich durch eine Leistungsangebotsplanung für den gesamten Gesundheitssektor abgelöst. Der Fokus wurde dabei auf eine integrative Planung und Steuerung des gesamten Gesundheitswesens gelegt. Der ÖSG ist als verbindlicher Rahmenplan für die regionalen Strukturpläne (RSG) auf Bundesländerebene zu verstehen. Damit werden neben der akutstationären Versorgung auch die ambulante Versorgung, die Rehabilitation und die Pflege abgedeckt. Soziodemografische und topografische Unterschiede sollen im Rahmen des ÖSG auf Basis der 32 Versorgungsregionen berücksichtigt werden, Ist-Daten sowie Plandaten sind in drei verschiedenen Matrizen zusammengefasst: der Planungsmatrix, der Versorgungsmatrix sowie der Leistungsmatrix (BMG 2012).

Die Planungsmatrix fasst auf der Ebene der vier Versorgungszonen und/oder der 32 Versorgungsregionen relevante Inputund Outputdaten des Versorgungssystems „Gesundheitssystem“ zusammen. In dieser Planungsmatrix sind neben Bevölkerungsdaten (EW gesamt sowie EW älter als 75 Jahre im Jahr 2011) auch die Bettenanzahl, Bettendichte, stationären Aufenthalte und Ausbildungsstellen in Akutkrankenanstalten (2011), getrennt nach Fachrichtung und Versorgungsregion, sowie die jeweiligen Plandaten für die stationären Aufenthalte je Versorgungsregion für 2015 enthalten. Für den ambulanten Bereich sind aufgrund einer derzeit noch fehlenden einheitlichen Leistungsund Diagnosendokumentation die Informationen auf Inputdaten, wie die Anzahl der niedergelassenen Ärzte/Ärztinnen nach Fachrichtung, differenziert nach Vertragsund WahlärztInnen, die Anzahl der Ärzte/Ärztinnen in Spitalsambulanzen, Kassenambulatorien sowie Instituten im ambulanten Bereich (2010) beschränkt. Plandaten existieren derzeit noch nicht, sind jedoch laufend zu erarbeiten. Im Rehabilitationsbereich sind neben der Bettendichte auch die stationären Aufenthalte in Sonderkrankenanstalten (2010 bzw. 2012), derzeit auf der Ebene der Versorgungszonen, erfasst. Noch nicht umfassend erhoben sind Personalangebot, Plätze und Einrichtungen je Fachrichtung im Bereich therapeutischer, psychologischer und psychosozialer Versorgung sowie das Angebot betreffend die Pflege. Bis zur nächsten Revision des ÖSG sind die in der Planungsmatrix enthaltenen Daten auf Richtigkeit zu überprüfen und allfällig fehlende Daten zu ergänzen.

In der Versorgungsmatrix wird der Output des akutstationären Bereichs dargestellt, wobei nicht nur die Ist-Daten 2011, sondern auch die entsprechenden Plandaten für das Jahr 2015 je Versorgungsregion bzw. für das Jahr 2020 je Bundesland enthalten sind. Bei diesem Output handelt es sich um Aufenthalte in Abhängigkeit von bestimmten, zu Obergruppen zusammengefassten Leistungen bzw. Diagnosen. So ist beispielsweise nachzulesen, dass im Jahr 2011 die Anzahl der Aufenthalte bzgl. der Diagnoseobergruppe „Diabetes mellitus“ in der Versorgungsregion 61 (Graz) 563 betrug. Damit betrug im Jahr 2011 der Anteil der Aufenthalte der Versorgungsregion Graz an dieser Diagnoseobergruppe rund 31 % der einschlägigen Aufenthalte in der gesamten Steiermark. Für das Jahr 2015 wird in der Versorgungsregion Graz mit einem Anstieg auf 802 Aufenthalte bei insgesamt 2.563 Aufenthalten steiermarkweit gerechnet. Für 2020 ist in der Steiermark ein weiterer Anstieg auf 2.688 Aufenthalte eingeplant.

Im Zuge der Leistungsmatrix werden letztendlich für ausgewählte medizinische Leistungen Qualitätskriterien festgelegt. Mindestfrequenzen je Leistungserbringer, die nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht als sinnvoll erachtet werden, sollen – sofern vorhanden – laufend evaluiert bzw., falls ausständig, festgelegt werden.

Planungs-, Versorgungsund Leistungsmatrix sind im Rahmen des ÖSG um eine Kapazitätsund Großgeräteplanung ergänzt, die neben dem Ist-Stand auf Bundesländerebene (2011) auch verbindliche Richtwerte für Großgeräte in Landesfondkrankenanstalten, in Akutkrankenanstalten, im extramuralen Bereich sowie in Rehabilitationszentren enthält. Für den extramuralen Bereich sind bereits bestehende Standorte berücksichtigt, für die übrigen Bereiche sind im Rahmen der RSG Standortplanungen zu entwickeln (BMG 2012). Die Planungs-, Versorgungsund Leistungsmatrix sowie der Kapazitätsund Großgeräteplan sind wichtige Ausgangspunkte für eine bedarfsorientierte Versorgungsforschung in Österreich. Mit der integrierten Leistungsangebotsplanung werden vielfältige Ziele verfolgt (BMG 2014). Im Hinblick auf die Beseitigung von Versorgungsunterschieden zwischen ländlichem und städtischem Bereich sind vor allem die Chancengleichheit im Hinblick auf die Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit sowie die qualitativ hochwertige und effiziente Versorgung zu erwähnen. Diese strategischen Ziele werden mitunter durch die Entlastung des kostenintensiven akutstationären Bereichs, welche unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit und -gerechtigkeit auch strukturelle Anpassungen im ambulanten Bereich erfordern wird, angestrebt. Im Hinblick auf allfällige Leistungsverlagerungen, vor allem in den niedergelassenen Bereich, hat die ÖÄK in den letzten Jahren vermehrt auf die Problematik eines möglichen Landärzte-/Landärztinnenmangels hingewiesen. Ein Landarzt/eine Landärztin ist dabei ein/e AllgemeinmedizinerIn mit Gebietskrankenkassenvertrag in einer Gemeinde mit bis zu 3.000 EinwohnerInnen oder eine/n von maximal zwei AllgemeinmedizinerInnen mit Kassenvertrag in einer Gemeinde (Pressestelle der Österreichischen Ärztekammer 2013). Laut einer Information seitens der Ärztekammer gehen von den im Jahr 2013 tätigen 1.563 LandärztInnen in den nächsten 10 Jahren mehr als 50 % in Pension. Dieser Umstand sowie die Tatsache, dass das Berufsbild „Landarzt“ an Attraktivität leidet, werden mittelfristig zu einem Landärzte-/Landärztinnenmangel führen. Gründe für die mangelnde Attraktivität sind u. a. die nach wie vor krankenhauszentrierte Ausbildung, die nur unzureichend auf eine Tätigkeit als Landarzt/Landärztin vorbereitet, die hohe Belastung durch Wochenendund Bereitschaftsdienste und der vergleichsweise hohe Verwaltungsaufwand (Mühlgassner 2013). Vorschläge zur Verbesserung der Situation umfassen u. a. finanzielle Anreize, um die Niederlassung im ländlichen Raum zu fördern (Stichwort „Landarztzuschlag“), aber auch um allfällige längere Öffnungszeiten zu finanzieren, die Möglichkeit der Aufrechterhaltung der Hausapotheken, die Verpflichtung für Ärzte/Ärztinnen in Ausbildung zur Absolvierung einer Lehrpraxis sowie die Schaffung von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, etwa durch Förderung von Gruppenpraxen oder Time-Sharing Praxen (Ärztekammer für Kärnten 2013; Mühlgassner 2014).

Im Rahmen der Gesundheitsreform 2013 wurde zur Stärkung des ambulanten Bereichs ein Primary Health Care (PHC) System nach internationalem Vorbild (Saltman et al. 2006) als adäquat angesehen. Nach dem Verständnis der WHO handelt es sich bei einem PHC System um „eine grundlegende Gesundheitsversorgung […], die auf praktischen, wissenschaftlich fundierten und sozial akzeptablen Methoden und Technologien basiert und die für Einzelpersonen und Familien in der Gesellschaft durch deren vollständige Beteiligung im Geiste von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zu […] bezahlbaren Kosten flächendeckend bereitgestellt wird. […] Sie ist die erste Ebene, auf der Einzelpersonen, Familien und die Gemeinschaft in Kontakt mit dem nationalen Gesundheitssystem treten, so dass die Gesundheitsversorgung so nah wie möglich an Wohnort und Arbeitsplatz der Menschen gerückt wird, und stellt das erste Element eines kontinuierlichen Prozesses dar“ (WHO 1978). Im Gesundheitsreformgesetz 2013 wird PHC wie folgt definiert: „Die allgemeine und direkt zugängliche erste Kontaktstelle für alle Menschen mit gesundheitlichen Problemen im Sinne einer umfassenden Grundversorgung. Sie soll den Versorgungsprozess koordinieren und gewährleistet ganzheitliche und kontinuierliche Betreuung“ (BGBl. I 81/2013, §3 Z7). Das PHC System hat somit als erste Anlaufstelle für PatientInnen hohe Bedeutung, da die Versorgung umso effektiver und effizienter sein wird, je besser die Leistungen bzw. deren Inanspruchnahme im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung gelenkt und koordiniert sind. Grundsätzlich kann man sich das PHC System als Fundament eines Gesundheitssystems denken, auf welchem weitere Ebenen, i. d. R. mit zunehmendem Grad an Spezialisierung, aufbauen. Obgleich das PHC System umfassender als das Primary Care (PC) System (Muldoon et al. 2006) ist, das im Wesentlichen auf die hausärztliche Betreuung von PatientInnen abstellt, wird auch in einem PHC System die Bedeutung des Hausarztes/der Hausärztin vor allem in ländlichen Gebieten steigen, da er/sie bei gesundheitlichen Problemen nicht nur der/die erste AnsprechpartnerIn für die PatientInnen ist, sondern sich ein multidisziplinäres Team ebenfalls um den Hausarzt/die Hausärztin formieren wird. Ob im Hinblick auf die organisatorische Ausgestaltung des PHC Systems eigenständige Gesundheitszentren, Praxisgemeinschaften oder lose verbundene Einrichtungen gewählt werden, bleibt abzuwarten. Wesentlich dabei sind die rasche, wohnortnahe Grundversorgung, die nicht nur ärztliche, sondern auch nicht-ärztliche Betreuung umfasst, sowie eine rasche, effektive und effiziente Weiterleitung des Patienten/ der Patientin für den Fall, dass spezialisierte Leistungen, z. B. durch Fachärzte/ Fachärztinnen im niedergelassenen Bereich oder im Krankenhaus, erbracht werden müssen. Damit soll auch die in Österreich derzeit mögliche Selbstzuweisung seitens des Patienten/der Patientin zu spezialisierten Leistungen durch eine bedarfsorientierte Überweisung seitens eines Allgemeinmediziners/einer Allgemeinmedizinerin ersetzt werden. Vorschläge für die Umsetzung des PHC Systems unterscheiden ebenfalls zwischen dem städtischen und ländlichen Bereich. Während im städtischen Bereich eine räumliche Nähe der Leistungsanbieter angestrebt wird, ist im ländlichen Raum eine durch eine Netzwerkorganisation koordinierte Vernetzung dezentral angesiedelter Leistungsanbieter angedacht (Kommunal 2012, S. 60f.). Ein Konzept, das bereits in Richtung PHC geht, wurde 2009 mit dem von der Ärztekammer Steiermark initiierten Konzept styriamed.net [1] ins Leben gerufen. Im Rahmen von styriamed.net haben sich in den regionalen Bereichen Bruck-Kapfenberg, Deutschlandsberg, Hartberg-Fürstenfeld, Leoben, Leibnitz und Weiz niedergelassene AllgemeinmedizinerInnen und Fachärzte/Fachärztinnen untereinander, aber auch mit Spitälern vernetzt, um die Zusammenarbeit im ambulanten Bereich und damit die Gesundheitsversorgung der PatientInnen zu verbessern (Huber 2013).

  • [1] styriamed.net/
 
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