Wissen, Veränderung und die Zukunft der Landwirtschaft

Der Wirtschaftszweig Landwirtschaft hat sich im letzten Jahrhundert, vor allem unter dem Einfluss von Wissenschaft und Technik, radikal verändert. Unumkehrbare Wandlungsprozesse, die dauerhafte Veränderungen zur Folge haben, werden zum Beispiel in der Agrarstruktur oder im Zustand der natürlichen Ressourcen sichtbar. Veränderungsprozesse basieren auf Nutzungsentscheidungen, die zu früheren Zeitpunkten getroffen wurden und gekoppelt sind an die Wissensbasis, die zu diesen Entscheidungen veranlasst hat. Dem zugrunde liegt „die allgemeine These, gesellschaftliche Prozesse im weitesten Sinne seien vor allem in der jüngs- ten Vergangenheit so von wissensabhängigen Operationen durchdrungen, daß Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion vorrangig wurden. Eine solche Definition mag für die Agrarwirtschaft zunächst überraschen, da es sich bei der landwirtschaftlichen Produktion unverkennbar um materielle Produktion handelt, die zudem in hohem Maße von natürlichen Bedingungen abhängt. Aber die Produktivität der heutigen Intensivlandwirtschaft ist nicht zu denken ohne die systematische Anwendung von wissenschaftlichem Wissen. […] Hinter der vieldiskutierten Transformation der Agrartechnik und des ländlichen Lebens verbirgt sich somit auch eine Wissensrevolution, und Prozesse der Informationsverarbeitung sind für einen profitablen landwirtschaftlichen Betrieb in der Tat von existenzieller Bedeutung“ (Uekötter 2006, S. 104). Demnach kann das aktuelle Wissen der LandwirtInnen und die „gute fachliche Praxis“ der Landwirtschaft als ein kontingentes Resultat einer langfristigen Wissensentwicklung angesehen werden. Die Landwirtschaft hat sich zu einem informationsintensiven Wirtschaftszweig entwickelt, der auch viel vom Wissen betriebsfremder ExpertInnen gesteuert wird.

Im sogenannten „Agrarstrukturwandel“ wird auch der zunehmende Druck auf die landwirtschaftlichen Betriebe in den letzten Jahrzehnten sichtbar. Viele haben diesem Druck nachgegeben, Höfe wurden aufgelassen oder diese werden von der nachfolgenden Generation nicht mehr weiter bewirtschaftet. Auf den Verbleibenden lastet der Druck weiterhin und die LandwirtInnen reagieren sehr unterschiedlich. Der „rasche“ Wandel hat „die Bauern“ als Berufsgruppe weiter aufgesplittet mit unterschiedlichsten Betriebsstrategien und Interessen. Für die einen sind technischer Fortschritt und stetige Produktivitätssteigerung wesentliche Zukunftsstrategien. Andere wiederum stellen diese in Frage und sehen in der Vielfalt eine Antwort auf den Druck, den die zunehmende Spezialisierung und die damit verbundenen Investitionen ausüben.

Im internationalen Forschungsprojekt „Rethink“ werden Wege und Möglichkeiten betrachtet, wie landwirtschaftliche Betriebe sich verändern, um zu bestehen. Fallstudien aus 14 Ländern sollen die Wege und Möglichkeiten, wie eine neugedachte Modernisierung landwirtschaftlicher Betriebe die nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raums unterstützen kann, aufzeigen. Ziel ist es, die vielfältigen Abläufe zu verstehen, die dazu beitragen, dass ländliche Räume gedeihen und resilient[1] sind. In den österreichischen Regionen Flachgau und Lungau wurde in

Workshops darüber gesprochen, was Orientierung gibt und was passende Mittel sind, um Gewachsenes sinnvoll zu erhalten und die Zukunft zu gestalten. Durch Interviews mit BetriebsleiterInnen konventionell und biologisch wirtschaftender Betriebe wird die Vielfalt der unterschiedlichen Wege der Betriebe erfasst, um die Veränderungen, die über Reflexion, Neuorientierung und Innovation aus dem „aktuellen Dilemma“ in die Zukunft führen, aufzuzeigen [2]. Durch eine akteurInnenorientierte Sicht werden LandwirtInnen und deren Gestaltungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Die Studie zeigt, basierend auf 20 Interviews mit Milchviehbetrieben in Salzburg, wie der Einfluss von Rahmenbedingungen und von Pfadabhängigkeit von den LandwirtInnen als Grundlage, aber nicht als bestimmend für ihre Betriebsstrategie gesehen wird. Die Studie betont damit die Rolle der Akteurinnen und Akteure sowie ihre Fähigkeit, Strategien aktiv zu wählen und Betriebe zu gestalten. Welche Strategien bäuerliche Familien einschlagen, ob zum Beispiel Spezialisierung oder Diversifizierung, wird von unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst. „In der Lebensund Arbeitswelt bäuerlicher Familienbetriebe steht einem inneren System aus Familie, Betrieb und Haushalt ein äußeres System aus kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen gegenüber. Die Entwicklung der Betriebe ist durch vielfältige Beziehungen und Wirkungszusammenhänge innerhalb und zwischen diesen beiden Systemen beeinflusst“ (nach Larcher und Vogel 2008 in Strauss und Darnhofer 2014). Betriebe entwickeln auch unter ähnlichen Voraussetzungen unterschiedliche Strategien. Die interviewten LandwirtInnen sehen durchaus, dass die strukturellen Rahmenbedingungen ihren Handlungsspielraum beeinflussen. Die Interpretationen, Reaktionen und Antworten auf diese Bedingungen sind jedoch sehr verschieden. Die jeweiligen Akteurinnen und Akteure gestalten aktiv, führen (materielle und nicht materielle) Ressourcen auf kreativem Weg zusammen und handeln gezielt, um ihre Vorstellungen umzusetzen (Long und van der Ploeg 1994 in Strauss und Darnhofer 2014). Die LandwirtInnen entscheiden sich auch bewusst gegen Strategien, wenn diese mit ihren Wertvorstellungen nicht übereinstimmen. Die Studie relativiert durch eine akteurInnenorientierte Betrachtung den häufig genannten Spruch „Wachsen oder Weichen“, der die Kreativität und Innovationskraft der LandwirtInnen unterschätzt.

Wissen und Werte, die Nutzungsentscheidungen und Betriebsstrategien zugrunde liegen, werden vor allem dann wichtiger, wenn materielle Ressourcen (wie Geld und Rohstoffe) knapper werden. Nicht materielle Ressourcen (Bildung, Wissen, soziale Beziehungen, Kooperationen, Verhältnis zur Natur etc.) gewinnen vor allem im Umgang mit knappen Gütern zunehmend an Bedeutung.

Ein Beispiel hierfür ist die Forschung an der HBLA Raumberg Gumpenstein zur Low-Input Milchviehhaltung. Im Gegensatz zur „High-Input“bzw. „High-Output-Strategie“ setzt die „Low-Input“bzw. „Low-Cost“-Strategie bei der Minimierung des Betriebsmitteleinsatzes und der Kosten an. Die wirtschaftliche Effizienz von Low-Input Betrieben wird durch Minimieren der Abhängigkeiten von externen Ressourcen und konsequentem Kostensparen erzielt. Eine Maximierung des Outputs, wie bei der High-Output-Strategie üblich, wird nicht angestrebt. Dieser innovative Ansatz setzt jedoch eine standortsund tierangepasste Landbewirtschaftung mit sehr gutem „Know-how“ voraus. Die Forschungsergebnisse sind wichtige Grundlagen für Bildung und Beratung zur Umsetzung des Konzeptes im Grünlandsystem Österreichs.

Eine Auseinandersetzung mit den Wissensgrundlagen, die zu Nutzungsentscheidungen führen, wird für die Zukunft landwirtschaftlicher Betriebe immer wichtiger. Der Zusammenhang von „Wissen und Tun“ sollte vor allem in Ausund Weiterbildung, Wissenstransfersystemen, regionalen sowie überregionalen Netzwerken für Erfahrungsund Wissensaustauch noch stärker berücksichtigt werden. Um individuelle und regionale Innovationspotenziale zu aktivieren und um Anpassungsprozesse und Unvorhergesehenes zu bewältigen, wird auch eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen des Wissens (z. B. lokales, implizites, explizites und kollektives Wissen) sehr hilfreich sein.

  • [1] Das Konzept der Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, Änderungen und Störungen zu absorbieren und auch bei stärkeren und vielfältigen Fluktuationen die Systemfunktionen ohne grundlegende Veränderungen aufrechtzuerhalten und sich an neue, unerwartete Gegebenheiten anzupassen
  • [2] Im österreichischen Teilprojekt wurden die Ergebnisse bildlich als Comic Poster dargestellt (wiso.boku.ac.at/afo/forschung/rethink/)
 
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