Der Streit um den Lebenswerk-Preis der DVPW

Noch während des Jahres 1933 habe Friedrich Meinecke die „widerliche Jüdin“ als Konzession an die neuen Machthaber aus der Redaktion der Historischen Zeitschrift „ausschiffen“ müssen…

Der menschenverachtende Satz galt Hedwig Hintze, von Meinecke selbst summa cum laude promoviert, die 1939 in die Niederlande flüchtete und sich 1942, um der drohenden Deportation zu entgehen, das Leben nahm. 1998 beschloss der Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands auf Initiative Peter Schöttlers, einen Dissertationspreis zu schaffen und nach ihr zu benennen.

Den Satz gab Ingo Haar 2000 in seiner Monographie Historiker im Nationalsozialismus wieder. Er stamme, so Haar, von dem Berliner Historiker Fritz Hartung – dem Doktorvater Theodor Eschenburgs. Als Quelle des Zitats nannte Haar Helmut Heibers 1966 erschienenes, fast 1300seitiges Standardwerk Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands.

Ingo Haars Angabe bildete den denkbar größten Kontrast zu Gerhard Lehmbruchs Beschreibung Fritz Hartungs als eines Wissenschaftlers, der „einem idealisierten Modell des englischen Zweiparteien-Parlamentarismus“ angehangen habe. „Daher“ habe „seine Skepsis“ gegenüber dem „ideologisch segmentierten… Weimarer Parlamentarismus“ gerührt. Ihn zum Antiparlamentarier zu stempeln, sei „eine grobe Verzeichnung“.

Weder Haars noch Lehmbruchs Darstellungen stimmen.

An der entsprechenden Stelle seines gelegentlich materialüberfrachteten Buchs hat Heiber zwei Äußerungen unterschiedlicher Herkunft über Hedwig Hintze in nicht ganz leicht durchschaubarer Weise miteinander kombiniert. Bei genauem Hinsehen kann dennoch kein Zweifel bestehen: Die antisemitische Schmähung „widerliche Jüdin“ wurde von dem rassistischen Tübinger Historiker Adalbert Wahl verwendet. Die auch nicht eben einfühlsame Wortwahl „ausschiffen“ stammte dagegen von Fritz Hartung. Haar beging einen Irrtum, als er beide Bemerkungen zu einem einzigen Satz zusammenzog, den er Hartung zuschrieb.

Zu Hartung hat Werner Schochow 1983 eine auf dessen Nachlass fußende, ebenso einfühlsame wie präzise biografische Skizze vorgelegt. Die herangezogenen, häufig brieflichen Quellen „widerlegen“, so Schochow zusammenfassend, „die Vermutung, Hartung habe sich zum Vernunftrepublikaner gewandelt“. Hartungs politische „Hauptsorge“ galt den „verhängnisvolle[n] Einflüsse[n] des Parteiwesens“ auch auf „die Träger der alten Tradition“. Den Aufruf des Weimarer Kreises „verfassungstreuer“ Hochschullehrer mochte er „wegen der vorbehaltlosen Anerkennung der republikanisch-demokratischen Staatsform“ nicht unterschreiben. Das Abkommen von Locarno und Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund bewertete er als „Scheinerfolge“. Die neueste Geschichte wollte er nicht der „demokratisch-pazifistische[n] Beleuchtung“ Friedrich Meineckes und seiner Schüler ausgesetzt sehen. Auch Lehmbruch irrte also in seiner Beurteilung Hartungs.

Dass Haars wie Lehmbruchs Darstellungen falsch sind, beleuchtet symptomatisch die Schwierigkeit, in der zugespitzten Debatte tragfähigen Boden unter die Füße zu bekommen. Wie der vorangehende Abschnitt über Etappen und Schwerpunkte der Eschenburg-Debatte gezeigt hat, lagen zum Zeitpunkt des Tübinger DVPW-Kongresses mein ZfG-Artikel, das von DVPW-Vorstand und -Beirat in Auftrag gegebene Gutachten Hannah Bethkes sowie Anne Rohstocks Aufsatz „Kein Vollzeitrepublikaner“ vor. Gerhard Lehmbruchs eben erwähnte Schelte („grobe Verzeichnung“) galt Rohstock, mit deren Beitrag er sich in dem 2013 veröffentlichten Kongressband auseinandersetzte. Weder sie noch Lehmbruch hatten Schochows archivgestützte Studie herangezogen. Rohstock war jedoch auf der Grundlage der von ihr benutzten Literatur zu demselben Fazit gelangt wie Schochow: Hartung habe „keinen Hehl aus seiner antidemokratischen und antiparlamentarischen Gesinnung“ gemacht und sich in diversen Äußerungen „als alles andere als ein Vernunftrepublikaner“ erwiesen.

Auf Lehmbruchs Umgang mit Rohstock komme ich sogleich zurück. Wichtig für das Tübinger Sonderplenum und Claus Offes anschließende Preisrede wurden zunächst Bethkes Gutachten und mein ZfG-Aufsatz. In beiden spielte ein weiter unten zitierter Brief Eschenburgs an das Reichswirtschaftsministerium vom 8. November 1938 eine wesentliche Rolle. Darin hatte er, wie zu zeigen sein wird, seine Position revidiert, wonach dem jüdischen Unternehmer Fischbein der Reisepass zu entziehen sei. Zu Eschenburgs Gunsten hatte ich angenommen, er könnte durch die an diesem Tag sich bereits abzeichnende antisemitische Gewaltaktion zu seinem Meinungswandel motiviert worden sein. Bethke wies jedoch zu Recht darauf hin, dass Eschenburg seinen ursprünglichen Standpunkt laut Besprechungsprotokoll bereits am 4. November hatte fallen lassen, und zwar aus wirtschaftlichen Erwägungen, die er nun in seinem Brief eingehend erläuterte.

Erst jetzt kam mir jener bestürzende Passus in Eschenburgs Brief wirklich zu Bewusstsein, den ich im Abschnitt „Fakten“ wiedergegeben habe: Eschenburg erinnerte daran, er habe dem Ministerium „vorsorglich“ seine „Vermutung“ mitgeteilt, Fischbein könnte für sich „unter Benutzung deutscher Devisen im Ausland Fabriken einrichte[n]“. Dadurch hätte Fischbein, mit potentiell fatalen Folgen, gegen das 1936 erlassene Gesetz gegen Wirtschaftssabotage verstoßen. Ich trug diese Einsicht bei dem Tübinger Sonderplenum vor und ergänzte sie in meinem zweiten ZfG-Aufsatz um Angaben über die Handhabung des Gesetzes durch den NS-Staat.

Bethke gelangte zu dem Ergebnis, Eschenburg habe bei der „Arisierungs“maßnahme „keine maßgebende Rolle“ gespielt. Gleichwohl müsse er „im weitesten Sinne als Mitläufer des NS-Regimes betrachtet werden“. Aus dem Archivmaterial werde „klar ersichtlich“,

- „dass er von 1933 bis 1945 reibungslos funktioniert [habe] und offenbar keine Schwierigkeiten hatte, sich den Erfordernissen der NS-Diktatur anzupassen“,

- dass er „sich auch nach 1945 diesem Teil seiner Vergangenheit nicht gestellt“ habe.

Bethke hielt deshalb „die Abschaffung des Preisnamens der DVPW für empfehlenswert“. Dabei gehe es „nicht um eine pauschale Verurteilung Eschenburgs, sondern darum, welches Zeichen die DVPW sowohl hinsichtlich ihres jetzigen Standorts als auch mit Blick auf ihre Fachgeschichte setzen will.“

Gerhard Lehmbruch stellte in seiner Antwort, unter wiederholtem Rückgriff auf seine eigene Biografie vor und nach 1945, die Anwendbarkeit des „Mitläufer“-Begriffs in Frage. (Dass auch Ralf Dahrendorf kurz vor seinem Tod den zweiten Band von Eschenburgs Erinnerungen „geradezu ein Lehrbuch der Anpassung, wenn nicht des Mitläufertums“ genannt hatte, ließ er unerwähnt.) Auch wenn Eschenburg „in jenen zwölf Jahren möglichst in Deckung gegangen [sei] und sich durchgemogelt“ habe, sei er „zu seinen jüdischen Bekannten niemals auf Distanz gegangen… Vor diesem Hintergrund“ müsse man den „Arisierungsfall Fischbein beurteilen“. Eschenburg sei „offenbar bemüht“ geblieben, „als es für den betroffenen Wilhelm Fischbein kritisch wurde, dafür zu plädieren, diesem die Ausreiseund Auswanderungsmöglichkeit zu eröffnen.“ Nicht nur bezweifelte Lehmbruch, dass es überhaupt etwas gäbe, „wofür Eschenburg sich hätte entschuldigen oder rechtfertigen müssen“. Er lehnte eine derartige Verpflichtung auch rundweg ab („Wo sind wir denn hier, in einer evangelikalen Bußversammlung, wo man sich als Sünder der Gnade Gottes anheim zu stellen hat?“). Stattdessen betonte er Eschenburgs Nachkriegsbedeutung als „Demokratielehrer“ ebenso wie seine verbandspolitische Rolle.

Aber auch um den Nachweis, dass Theodor Eschenburg bereits während der Weimarer Republik „zum Demokraten“ geworden sei, bemühte sich Lehmbruch im Zuge seiner Kritik an Rohstock. Nicht nur ordnete er dort, wie gezeigt, Eschenburgs Doktorvater politisch falsch ein. Er las auch Eschenburgs Dissertation derart gegen den Strich, dass er behaupten konnte, aus der Arbeit werde „deutlich, dass Eschenburg sich… ein evolutionäres Demokratiekonzept zu eigen gemacht“ hätte. Dazu zitierte er eine Stelle, an der Eschenburg schrieb, „unsere staatspolitische Tradition“ sei „durchbrochen“ worden durch die „furchtbare Erschütterung“ der Novemberrevolution. Die Umwälzung hätte sich – deutete Eschenburg an – bei weniger „Starrheit“ der „Träger“ des Kaiserreichs verhindern lassen, die damit auch der Republik nachhaltig geschadet hätten.

Der unmittelbar vorangehende, von Lehmbruch jedoch nicht zitierte Satz lautet, „Sache der Regierenden“ des Kaiserreichs wäre es gewesen, „zur richtigen Stunde ihre Maßnahmen zu wählen.“ Dieser Satz brachte nochmals Eschenburgs innenpolitisches Leitbild auf einen knappen Nenner, das er eine Seite zuvor unter dem Etikett „staatskonservativ“ unmissverständlich dargelegt hatte (siehe dazu den folgenden Abschnitt des vorliegenden Bandes), auf das Lehmbruch aber mit keiner Silbe einging: „Es ist das Alpha und Omega aller inneren Staatspolitik, dass von der Regierung die Erkenntnis und der Wille ausgehen, zu einer Umgestaltung der Dinge entsprechend der Wandlung der politischen Verhältnisse zu gelangen… dass man, um, den eigentlichen Kern des Bestehenden zu erhalten,… Reformen durchführ[t]…, deren Maß und Ziel die Betreffenden… dadurch, dass sie sich die Führung nicht aus der Hand nehmen l[a]ssen, von sich aus bestimmen“ können. Lehmbruch verkürzte Eschenburgs Position unzulässig. Als er aus der Arbeit zitierte, blendete er dessen Ideal des starken Staates aus, der sich „die Führung nicht aus der Hand nehmen lässt“, wenn er „seine Maßnahmen wählt“. Im selben Atemzug warf er Rostock vor, sie habe Eschenburgs Dissertation „augenscheinlich nicht gelesen“.

Das Ideal des starken Staates gewann bei politischen Akteuren und Parteien während der Endphase der Weimarer Republik in nicht leicht zu unterschätzendem Ausmaß an Boden. Darauf wird später noch eingegangen. Eschenburgs Eintritte in DVP und Staatspartei, auf die Lehmbruch hinwies, müssen in diesen Kontext einer „politischen Gesamtradikalisierung“ seit 1930 eingeordnet werden (Staatspartei-Vorsitzender Otto Dietrich: „Das Zeitalter des Liberalismus liegt hinter uns“). Eschenburgs eigener Staatsideologie kam sie insofern entgegen, als sie ihn in seiner enthusiastischen Reaktion auf Alfred Webers antiparlamentarischen „Führerdemokratie“-Vorschlag nur bestärken konnte.

Für sich genommen, liefern die Parteieintritte deshalb keineswegs, wie Lehmbruch behauptete, den „eindeutig[en]“ Beleg dafür, dass Eschenburg sich „schon vor 1933… zum engagierten Anhänger der parlamentarischen Demokratie“ entwickelt hätte. Lehmbruchs an anderer Stelle seines Beitrags gegenüber Rohstock erhobener Vorwurf „mangelnder Vertrautheit mit der Parteigeschichte der Weimarer Republik“ fällt hier auf ihn zurück. Ob Eschenburgs Beitritte eine rückhaltlose Option für Weimars parlamentarische Demokratie implizierten, muss offen bleiben. Mit diesen Feststellungen könnte es sein Bewenden haben. Angesichts der Fehler und Unzulänglichkeiten in Lehmbruchs eigener „Beweisführung“ muss jedoch irritieren, welches schwere Geschütz er neben den bereits zitierten geharnischten Beanstandungen („nicht gelesen“, „grobe Verzeichnung“) gegen Rohstock auffuhr. Auf zwölf Seiten Text warf er ihr im Weiteren „grobe Voreingenommenheit“, „üble Verfälschung“, „freie Erfindung“ vor. Sie „verzeichne gründlich“, „verfälsche Zitate“, bewege sich „hart an der Grenze zur üblen Nachrede“. Mit derart persönlich gefärbten Anschuldigungen, mit seiner kritiklosen Übernahme des Schlinkschen Klischees einer angeblichen Denunziationskultur, nicht zuletzt mit seinem eigenen Verstoß gegen die Einhaltung grundlegender Spielregeln auf dem Tübinger DVPW-Kongress („Ich rede so lange, wie ich will“) begünstigte Lehmbruch die emotionale Aufladung der Diskussionsatmosphäre im Verlauf der EschenburgKontroverse. Der Klärung aufgeworfener Sachfragen konnte das kaum förderlich sein. Rohstocks Aufsatz von 2012 enthält in der Tat Fehler. Nicht anders als Lehmbruchs Irrtümer lassen sie sich unaufgeregt identifizieren und korrigieren. Eine gravierende Auslassung habe ich in meinem zweiten ZfG-Aufsatz über Eschenburg unter der Abschnittsüberschrift „Von Hitler zu Stresemann bekehrt“ berichtigt: Rohstock gab zwar wieder, dass Antonina Vallentin in ihrer 1930 erschienenen Stresemann-Biografie den jungen Eschenburg zunächst dem „Kreise der Rechtsradikalen“ zugeordnet hatte. Sie ließ aber unerwähnt, dass Eschenburg, als er 1926 von Tübingen an die Universität Berlin wechselte, laut eigenem Bekunden auf der Suche war nach „eine[r] Persönlichkeit, in der wir endlich wieder einen Führer sahen“, weil sie ein „positive[s] Programm“ bot, und dass Stresemann, wie Vallentin schrieb, „ihn von Hitler weg zu sich selbst bekehrte“.

Auf Teile der Rede, die Claus Offe in Tübingen bei der Annahme des DVPWPreises hielt, reagierte Lehmbruch gleichfalls heftig und warf ihm „wohlfeilen Umgang mit Schuld und Scham“ vor. Selbstredend hatte Offe einen schwierigen Spagat versucht, als er sich dafür entschied, den Preis zwar „mit Freude“ zu akzeptieren, jedoch „Zweifel“ bezüglich des Namensgebers anzumelden. Hubertus Buchstein und Tine Stein haben über sein „Dilemma“ und seine „Ablehnung einer fatalen Traditionsbildung“, die ihn zu seiner „Zumutungsrede“ veranlassten, etliches Bedenkenswerte geschrieben. Offe legte die Fakten zugrunde, die Bethkes Gutachten und mein Aufsatz zu Tage gefördert hatten. Er räumte jedoch ein, dass dort, wo es nicht möglich sei, aus den Handlungskontexten auch „Gründe und Motive“ eines Akteurs zu erschließen, die Beoder Verurteilung heutiger Beobachter „sehr wohl Züge des Wohlfeilen und Pharisäischen“ tragen könne. Deshalb seien die Auskünfte „entscheidend“, welche der Akteur selbst über sich und sein Handeln rückblickend gegeben habe. Diese aber seien bei Eschenburg „nicht so ausgefallen, dass man sie als respektabel, gar vorbildlich qualifizieren möchte.“ Dem mochte Lehmbruch nicht folgen. Er beschuldigte Offe eines „Taschenspielertricks“ und warf die rhetorische Frage auf, ob es „etwa nicht wohlfeil und pharisäisch“ sei, sich auf die von Offe gewählte ‚Bekenntnisebene' zu begeben. Schließlich unterstellte Lehmbruch – in klarem Widerspruch zu Offes eigener Argumentation –, folge man dessen „verquerer Dialektik“, dann brauche man sich „auf die Ebene der Aufdeckung von historischen Tatsachen… ja nicht weiter einzulassen. Noch bequemer [könne] man sich um eine Auseinandersetzung nicht herumdrücken.“ DVPW-Vorstand und -Beirat, in Tübingen neugewählt, waren bereits übereingekommen, im Herbst 2013 über die Beibehaltung des Eschenburg-Preises zu entscheiden. Dieser Beschluss sowie Offes Rede lösten zwei Diskussionsstränge aus, einen medialen und einen wissenschaftlichen. Die Pressedebatte blieb sachlich weitgehend unergiebig. Sie beschränkte sich überwiegend auf die Darlegung von Standpunkten – Standpunkte zur Einschätzung des Berliner „Arisierungs“falls (später auch der beiden in Wien angesiedelten Vorgänge), Standpunkte zu Eschenburgs Bedeutung für die frühe Bundesrepublik, Standpunkte zum Umgang mit

dem DVPW-Preis.

Den kontinuierlichsten überregionalen Beitrag lieferte in der Süddeutschen Zeitung der Schriftsteller und Journalist Willi Winkler, 2010 Träger des Otto Brenner-Preises Spezial für „kritischen“, dabei „gründlich recherchierten“ Journalismus: sechs umfangreiche Artikel binnen zweieinviertel Jahren. Deren anfänglicher Tenor – parteilich zugunsten Eschenburgs, herabsetzend-ironisch gegenüber seinen Kritikern – kann als charakteristisch gelten für ein Gutteil der Presseveröffentlichungen. Deshalb werden sie als pars pro toto nachfolgend ausführlicher wiedergegeben.

Bereits im ersten und zugleich längsten, publiziert unter der phantasievollen Überschrift „Der gerupfte Staatsrat“, räumte Winkler eine Neigung Eschenburgs ein, „sich nach der Macht zu richten und an die Mächtigen zu halten“, und er wurde auch konkret: „Bereitwillig“, so Winkler, habe Eschenburg sich „einspannen“ lassen, „als es um die Reinwaschung“ Hans Globkes gegangen sei. Denn – so zitierte er Gerhard Lehmbruch – „Globke war seine Möglichkeit, an Adenauer heranzukommen.“ Doch nicht etwa Eschenburg, sondern seinen Kritiker Offe nannte Winkler mehrfach so betont wie ironisch einen „ehrenwerten Mann“ – dergestalt Antonius in Shakespeares Julius Cäsar imitierend, der nicht aufhört zu unterstreichen, Brutus sei ein „ehrenwerter Mann“, und Roms Bürgern damit das genaue Gegenteil suggerieren möchte. Eschenburgs Beteiligung an der Berliner

„Arisierung“ 1938 erwähnte Winkler eingangs in einem Halbsatz, auf einer ganzen Seite anschließend nicht wieder. Pauschal dekretierte er stattdessen, Eschenburg habe sich „nichts zu Schulden kommen“ lassen. Kriterien für sein Urteil gab er seiner Leserschaft nicht an die Hand.

Nach Offe bekam in Winklers folgenden Artikeln die DVPW ihr Fett ab. Eschenburg werde „neuerdings zum Erz-Nazi umgefärbt“, behauptete Winkler, obwohl die DVPW-Vorsitzende Gabriele Abels bereits gegenüber der Zeit zu Recht klargestellt hatte, „niemand – auch nicht seine schärfsten Kritiker“ habe „diesen Vorwurf gegen Eschenburg überhaupt erhoben.“ An Winklers Auff ssung, Eschenburgs Lehrtätigkeit „prädestiniere“ ihn geradezu „als Namenspatron für einen Preis der nachgeborenen Kollegen“, schloss sich der bemerkenswerte Satz, „soweit bekannt, denk[e] bisher noch niemand daran, den Preis umzubenennen, der nach dem ehemaligen SS-Untersturmführer Hanns Martin Schleyer benannt ist.“ Im Übrigen, legte Winkler eine Woche später nach, falle „nichts leichter, als in möglichst großen Geistern der jüngeren Vergangenheit den Antisemiten zu entdecken und heftig gegen die eigene antifaschistische Brust zu trommeln.“ Eschenburg ein systemkonformer Arisierer? „Keineswegs erwiesen.“ Die DVPWErklärung zur Abschaffung des Eschenburg-Preises? „Sagenhaft gewunden.“ Die Politikwissenschaft nicht in der Lage, mehr und Genaueres über ihren Gründervater herausfinden? „Ein Armutszeugnis.“

Winklers Tonart änderte sich ein Jahr später, als mit der Dokumentation der Wiener „Arisierungen“ in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte mehr und Genaueres folgte. Überschrieben mit „Zerfall einer Legende – Theodor Eschenburg, der Begründer der deutschen Politikwissenschaft, war wohl ein Judenverfolger“, hielt Winkler nun fest: Sollten „sich diese neuen Vorwürfe durch weitere Funde bestätigen“, sollten „sich weitere Belege für dieses systemkonforme Verhalten finden“, werde „Eschenburgs Ruf… kaum mehr zu halten sein“. Dann habe „Eschenburgs Anpassung ihm allerdings das Überleben im Unrechtsstaat gesichert. Die Kosten dafür hatten andere zu tragen.“

Knapp vierzehn Tage später schwächte er ab, „größere Verfehlungen außer einem opportunistischen Mitläufertum müssten erst noch aufgedeckt werden.“ In einem der beiden Wiener „Arisierungs“fälle blieb er allerdings dabei, Eschenburg „schein[e] bei der ‚Entjudung' über jedes bürokratische Maß hinaus beteiligt gewesen zu sein.“ Eschenburgs „eigentliche Verfehlung“ – neue Variante – beginne freilich erst „in der Nachkriegszeit“, mit seiner Suche nach der „Nähe der Macht“, die ihn zum „Loblied“ auf Globke geführt habe. Allerdings, gab Winkler nun der gesamten Politikwissenschaft eins auf die Ohren, könne die derzeitige Disziplin, „so erfolgreich zwischen Politikberatung und Talkshow-Behäbigkeit changier[end]“, sich doch gar „keinen besseren Stammvater wünschen“ als eben Eschenburg mit seiner „machtaffine[n] Politikerklärung.“

Leicht abgewandelt, erhob Winkler in seinem jüngsten Artikel diesen Seitenhieb zur Grundeinsicht über das vergangene und das angebrochene Saeculum: Nicht bloß „zur Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört der Opportunismus… [A]uch im 21. Jahrhundert“ ist er „die wichtigste Voraussetzung für jede halbwegs vorzeigbare Karriere.“ Deshalb lasse sich, nun gleich für die komplette „Wissenschaft“, „kein besserer Patron [denken] als dieser ebenso wendige wie verdienstvolle Eschenburg.“

Die Akzentverlagerung seit den ersten Artikeln zum Thema „Eschenburg“ mutete spektakulär an. War das Ironie? Zynismus? Oder beides, versetzt mit einer Prise jenes „kritischen“ Journalismus, wie ihn der Brenner-Preis forderte? Entfallen war Winkler über seiner Jahrhunderterkenntnis, dass Eschenburg der Motor-SS angehört hatte. Nun sollte er wieder geritten sein…

Gleichviel, eigentlich wollte Winkler „Neues über den Verfassungsrechtler Theodor Eschenburg“ (so der Untertitel seines Artikels) vermelden, nämlich auf Anne Rohstocks soeben in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte erschienenen Aufsatz hinweisen, der „eine erschreckende Fülle von ‚kalten' Arisierungen beleg[e], an denen der Funktionär Eschenburg“ – „bis in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft hinein“ – „beteiligt war.“ Doch unter der Hand geriet Eschenburgs Wanderung (wie Winkler mit einem etwas bemühten Bild formulierte) „als Reißverschluss durch vier Systeme“ ihm zu einer „Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ und diese wiederum zum Exempel für seine säkulare Opportunismusdiagnose. Eine Erläuterung des von Rohstock verwendeten Begriffs „'kalte' Arisierung“ unterblieb. Von der großen Zahl journalistischer Elaborate stach jene Reminiszenz aus dem Jahr 1985 ab, die Michael Naumann Ende 2013 in der FAZ veröffentlichte und von der weiter oben bereits die Rede war. Wie erinnerlich, hatte Eschenburg damals, in Naumanns Beisein von Rüdiger Altmann auf seine SS-Mitgliedschaft angesprochen, mit Schweigen reagiert. Naumann erwähnte, dass sich auf Eschenburgs SS-Stammrollenblatt kein Eintrag über sein Ausscheiden gefunden hatte, und kommentierte, die Vorstellung von Eintritt und raschem Wiederaustritt „leg[e] einen politischen Wankelmut nahe, der, gelinde gesagt, damals untypisch war.“ Wie nach ihm Winkler ließ Naumann seinen Text in prinzipielle Erwägungen münden über „die tragende Rolle des Opportunismus in Wissenschaft, Politik und Kultur…,

ob in Demokratien oder Diktaturen“.

Unentwegt für Eschenburgs Sache focht Hans-Joachim Lang, Redakteur des Schwäbischen Tagblatts – in seiner Heimatzeitung, aber auch überregional in den Spalten der Zeit und in Indes, dem von Franz Walter herausgegebenen, laut Selbstverständnis „deutungsstarken Periodikum für politische Aufklärung“. Langs im Tagblatt publizierte Recherchen zum freundschaftlichen Umgang Eschenburgs mit einer Reihe von Juden nach 1933 verführten Udo Wengst in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte dazu, der Spekulation beizupflichten, auch Eschenburgs Verhalten im „Arisierungs“fall Fischbein müsse „möglicherweise ganz anders bewertet werden“.

Die Soziologie hat jedoch gerade für die Zeit des Nationalsozialismus Hinweise darauf geliefert, dass das private Verhalten getrennt betrachtet werden muss vom Verhalten in Organisationen, in denen die eingebundenen Personen mehr oder minder zurücktreten konnten hinter den Rollenerwartungen, die sich mit ihrer Mitgliedschaft verbanden. Unter anderer Perspektive formuliert: „Organisationen entlasten ihre Mitglieder bis zu einem gewissen Grad davon, dass Handlungen, die sie als Organisationsmitglied durchführen, mit ihnen als Person assoziiert werden“ – oder auch „mit ihren anderen Rollen, zum Beispiel als Familienvater oder als Freund.“ Die in Industrieverbänden verankerten Geschäftsund Prüfungsstellen, die Eschenburg leitete, waren derartige Organisationen. Sie boten eine generalisierte Rollenerwartung an, die Eschenburgs eigenen Motivstrukturen entgegenkam: „effizient im Sinne staatlicher“ – und in diesem Rahmen gleichzeitig branchenbezogener – „Interessen [zu] funktionier[en]“.

Müßte deshalb die Frage nicht anders gestellt werden: Welche Rolle spielte es eigentlich für die jüdischen Betriebsinhaber, denen Eschenburgs einschlägige Aktivitäten galten (mindestens noch bis 1941, wie Anne Rohstock jüngst gezeigt hat), dass er privat kein Antisemit war?

Lang behauptete im Tagblatt weiter, Fischbein habe „schließlich am 15. Januar 1939 ausreisen“ können, obwohl die Akten des Reichswirtschaftsministeriums das Gegenteil belegten („inzwischen flüchtig geworden“; „ohne Pass in das Ausland gegangen“) – nur um diese Angabe ein Dreivierteljahr später in der Zeit stillschweigend zu korrigieren („…floh Fischbein über die Schweiz nach England“). Konsequenterweise erwies auch Langs Mutmaßung in einem Kommentar, der den ursprünglichen Artikel ergänzte, sich als Wunschdenken ohne Grundlage: „Ist es völlig ausgeschlossen, dass [Eschenburg] zusammen mit einem Mitstreiter heimlich an Fischbeins Ausreise mitwirkte?“

In der Folge suchte Lang zu suggerieren, „an der ‚Arisierung' der“ – Fischbein gehörenden – „Firma Runge & Co.“ habe Eschenburg „ebenso wenig Anteil wie am Fortgang und Ende der [Tochterfirma] Lozalit AG.“ Doch ließ er relevante Dokumente unerwähnt, gab andere lückenhaft wieder und zog selbst aus denjenigen Archivalien, die er berücksichtigte, keine Folgerungen für die Gültigkeit seiner Behauptung. Er räumte selbst ein, dass Prüfungsstellen wie diejenige Eschenburgs als „Berater der staatlichen Behörden“ fungiert hatten – und was stellte solche Beratung, was stellten Eschenburgs Stellungnahmen und Vorschläge anderes dar als einen „Anteil“ am Verfahren der Ausplünderung Fischbeins?

Wengsts von Lang beeinflusster Aufsatz stieß im eigenen Haus auf Widerspruch. Auch meine Dokumentation der Wiener „Arisierungen“, anschließend Anne Rohstocks Aufsatz über Eschenburgs Tätigkeit im besetzten Europa erschienen in den VfZ und trieben die Debatte weiter. Die Vierteljahrshefte, anschließend die Blätter für deutsche und internationale Politik entwickelten sich zu Austragungsorten der parallel zur Pressedebatte geführten fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung. Wengsts Umgang mit dem „Arisierungs“fall Fischbein musste erstaunen. Durch den Satz „Die Entscheidung war bereits gefallen… Die Zustimmung des jüdischen Inhabers lag vor“ überspielte er die sukzessiven Etappen des Beraubungsprozesses, um sich anschließend darauf zurückzuziehen, „im Folgenden [werde] hierauf nicht weiter eingegangen, da hierüber nur im Gesamtkontext des Lebens von Eschenburg im Dritten Reich geurteilt werden“ könne. Das hinderte ihn nicht daran, wiederum mit Lang zu insinuieren, „wie anfechtbar“ Bethkes und meine Interpretationen angeblich seien. Kritischer ins Gericht ging Wengst mit der von Eschenburg in seinen Zeit-Artikeln über Hans Globke, Schwerin von Krosigk und Ernst von Weizsäcker „reklamierte[n]… Vetoposition des Zeitzeugen… für die Zeitgeschichtsschreibung“: Er nannte sie „mehr als problematisch“, „nicht frei

von Exkulpationsbemühungen“, und wies sie am Ende zurück.

Rainer Blasius monierte in der FAZ, „diese Zurückweisung wäre schärfer ausgefallen, wenn sich Wengst den Kontext… vergegenwärtigt hätte“, nämlich Marion Gräfin Dönhoffs oben schon kurz gestreifte Bemühungen um Reinwaschung Ernst von Weizsäckers und implizit des Auswärtigen Amts (eingehender dazu im folgenden Abschnitt). Blasius' sarkastisch gefärbtes Fazit: „Es bewährte sich die Funktion des Zeitzeugen als ‚Zeit'-Zeuge. Ob Eschenburg wirklich mehr als ein selbst gefühlter ‚Gegner der Nationalsozialisten' war, wird Wengst noch belegen müssen.“

Die Erwiderung des VfZ-Chefredakteurs Hans Woller und seines Stellvertreters Jürgen Zarusky auf Wengst in der folgenden Ausgabe der Zeitschrift ließ es an Pointiertheit ebenfalls nicht fehlen:

- „Alles, was nicht ins Bild… eine[r] Biografie von… bemerkenswerter Kohärenz… passt, wird ausgeblendet oder in seiner Bedeutung heruntergespielt. Versuchungen, Fehler, Ambivalenzen – sie haben keinen Platz.“

- „Eschenburg trat [im ‚Arisierungs'fall Fischbein] in professioneller Funktion als Leiter einer Prüfungsstelle der Reichsgruppe Industrie auf und machte dabei nicht einfach nur am Rande, sondern durchaus intensiv und beflissen mit… Die von Rainer Eisfeld und Hannah Bethke präsentierten Belege sprechen hier eine eindeutige Sprache.“

- „Wengst übersieht nicht, dass Eschenburg [bei seinen Leumundszeugnissen für NS-Protagonisten]… reichlich unbekümmert um historische Fakten und Erkenntnisse agierte und durchaus apologetische Töne anschlug. Er fragt aber nicht weiter: Wie vertrugen sich diese Töne mit mit seiner Rolle als Herausgeber und Repräsentant einer wissenschaftlichen Zeitschrift wie den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, die doch ganz anderen Maßstäben verpflichtet waren?“

Wollers und Zaruskys „Appell für eine kritische Revision der alten EschenburgBilder“ – so die VfZ-Ankündigung – fand ein Echo in den Blättern für deutsche und internationale Politik, das in diesem Band ebenso nachzulesen ist wie Ekkehart Krippendorffs geharnischter Widerspruch. Hubertus Buchstein und Tine Stein unterstützten, wie früher erwähnt, Claus Offe in seiner „Ablehnung einer fatalen Traditionsbildung“ und plädierten dafür, die DVPW solle sich „für ihren Wissenschaftspreis von dem bisherigen Namensgeber trennen.“301 Der Beitrag von Joachim Perels konnte als unausgesprochene Unterstützung der mittlerweile gefallenen Entscheidung gelesen werden. Perels argumentierte, Eschenburg habe „die wichtigsten rechtstheoretischen Arbeiten zur Machtstruktur Nazi-Deutschlands“ – Ernst Fraenkels Doppelstaat (1941), Franz Leopold Neumanns Behemoth (1942/44), Otto Kirchheimers „Rechtsordnung des Nationalsozialismus“ (1941) – „wissenschaftlich gar nicht wahrgenommen.“ Die Sichtweisen „einer anderen, kritischen Zeitzeugenschaft“, der Opposition gegen Hitler, würden von ihm ausgeblendet, rechtsstaatliche Kategorien als analytisch ungeeignet verworfen. Dadurch gerate er „auf die schiefe Ebene einer positivistischen Reproduktion“ der NS-Machtmechanismen und der Selbstbilder beamteter wie politischer Träger des Regimes.

Ganz anders argumentierte Ekkehart Krippendorff. Stärker noch als Wengst stützte er sich auf Hans-Joachim Langs Beiträge – mit verblüffendem Ergebnis. Nach 1945 wäre es bekanntlich manchem am liebsten gewesen, die Nazis mit dem Zauberstab – husch – von der Bühne verschwinden zu lassen. Um Eschenburgs Teilnahme an der Berliner „Arisierung“ fast gänzlich zum Verschwinden zu bringen („völlig nebensächliche, unwichtig kleine bürokratische Rolle“), griff Krippendorff zum Zauberstab der „akribischen Recherchen“ Langs: Sie hätten ergeben, „dass an dieser Geschichte bei genauerem Hinsehen nichts stimmt.“ Wohl selten sind derart weitreichende Vorwürfe, wie Krippendorff sie im Anschluss an diese Behauptung gegen die Politikwissenschaft erhob („Bankrotterklärung“, „derzeit gesellschaftlich so überflüssig wie ein Kropf“), auf eine so anfechtbare Grundlage gestützt worden. Als ich in den Blättern widersprach, zeichneten sich infolge neuer Funde im Bundesarchiv bereits jene beiden Wiener „Arisierungen“ ab, deren Unterlagen dann im Österreichischen Staatsarchiv zum Vorschein kamen.

Zu Krippendorffs Empörung trug bei, dass der bereits erwähnte Offene Brief, dessen 114 Unterzeichner den DVPW-Vorstand aufforderten, an der Benennung des Wissenschaftspreises festzuhalten, und den er mitunterschrieben hatte, ohne Echo geblieben war. Die „114“, darunter sieben ehemalige DVPW-Vorsitzende, räumten zwar ein, über die „Vorwürfe, die sich auf [Eschenburgs] berufliche Tätigkeit als Verbandsfunktionär während der NS-Herrschaft und neuerdings auch auf einige publizistische Äußerungen aus seinen letzten Lebensjahren beziehen, mag das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.“ Jedoch: „Seine Verdienste um die Begründung der deutschen Politikwissenschaft als wissenschaftliche Disziplin, um deren öffentliches Ansehen und um die Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik sind unumstritten. Sie sollten mit dem nach ihm benannten Preis gewürdigt werden.“

Das eindeutigste Gegenargument benannte Hubertus Buchstein. Die „zentrale Frage“ bei der Debatte über Eschenburg als Namensgeber laute:

„Von welchem Verhalten würden wir wünschen, es an den Tag gelegt zu haben, wenn wir in einer vergleichbaren Situation gewesen wären? Entsprechend… gehandelt zu haben, macht einzelne Menschen zu Vorbildern für andere, und deshalb wählen wir sie beispielsweise als Namensgeber für einen Preis. Dass sich die allermeisten Deutschen in den Jahren zwischen 1933 und 1945 der Verfolgung von als ‚jüdisch' klassifizierten Mitbürgern nicht entgegengestellt haben, ist ein von Historikern hinlänglich beschriebener Tatbestand – respektwürdig wird ein solches Verhalten deswegen jedoch nicht.“

Der Beschluss von Vorstand und Beirat der DVPW, den Eschenburg-Preis abzuschaffen, löste heftige Reaktionen aus. Dass Otto Köhler, Urgestein eines links engagierten Journalismus, die Vereinigung lobte, weil sie sich als „nicht erpressbar“ erwiesen habe, blieb die Ausnahme. Die Süddeutsche titelte „Nicht sehr rühmlich“, die FAZ „Augenwischerei“, die Frankfurter Rundschau gar „Piefiger geht es nicht“. „Armutszeugnis“, „Blamage“, „Feigheit“ gar warf die ausgetretene frühere DVPW-Vorsitzende Christine Landfried den Beschlussgremien vor, „Geschichtsvergessenheit“ ihr gleichfalls ausgetretener Nachfolger Jürgen Falter. Ähnlich Krippendorff wollte Falter sich bei seiner Urteilsbildung über Eschenburg auf Wengst und Lang „verlassen“. Und auch Eckhard Jesse („schwere[r] Schaden“, „jämmerliches Bild“) rühmte, zufälligerweise mit demselben Adjektiv wie Krippendorff, Langs „akribisch[e]“ Studien, ehe er in seinem weiter unten abgedruckten Beitrag für die Idee warb, „ein neuer Vorstand und ein neuer Beirat“ könnten den Beschluss – den „aberwitzigen Beschluss“, wie er ihn nannte

– rückgängig machen“.

Die Wortwahl bei der Kommentierung der Entscheidung konnte kaum verwundern nach den „schrillen Töne[n]“, die schon während der vorausgegangenen Auseinandersetzung dominiert hatten – „besonders bei Eschenburgs Schülern“ war „der Ton polemisch“. Eine keineswegs vollständige Liste einschlägiger Invektive erstellte 2013 Hannah Bethke und fügte mit Grund hinzu, sie stammten „interessanterweise häufig aus der Feder derjenigen, die allzu gerne das Loblied wissenschaftlicher Objektivität und Seriosität singen“. Auch Udo Wengst hatte sich ursprünglich nicht versagt, eine angebliche Gruppe – Bethke, Offe, Eisfeld – zu konstruieren, die den Fall Fischbein „skandalisier[t]“ hätten, und Offe zusätzlich „Arroganz“ angelastet.

Das Zeit-Streitgespräch, Winklers jüngste Artikel in der Süddeutschen Zeitung als erste Reaktionen auf die Dokumentation der Wiener „Arisierungs“fälle, danach auf Rohstocks Nachweis ähnlich gelagerter Aktivitäten Eschenburgs im besetzten Europa demonstrieren, dass die Mediendebatte in sachlicheres Fahrwasser zurückkehrt. Was die weitere Diskussion im Fach betrifft, hat Eschenburgs einstiger Tübinger Kollege Klaus von Beyme mit der ihm eigenen Souveränität gezeigt, wie man auch anders reagieren kann, als bislang ein Gutteil der tonangebenden Eschenburg-Unterstützer. Seine Reaktion auf die VfZ-Dokumentation bestand in einem einzigen Satz:

„Schade, dass Du über ihn so viel herausfindest. Herzlich Dein Klaus.“

 
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