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2 Die „Arisierungen“

Als Ergebnis einer Besprechung des geplanten „österreichische[n] Gesetz[es] über die Anmeldung jüdischen Vermögens“ am 11. April 1938 entschloss „sich [Göring], die Aktion gleich im gesamten Reichsgebiet durchzuführen und die Grundlage dafür im Verordnungswege gemeinsam mit dem Reichsminister des Innern und dem Reichswirtschaftsminister zu schaffen.“ Auf Anstöße aus dem Wiener „Beutekampf“ ging also auch die am 26. April 1938 erlassene Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens zurück. Sie verbot jüdischen Deutschen überdies, Betriebe zu erwerben oder neu zu eröffnen. Mit ihr kam die „Raubmaschinerie“ der Zwangsverkäufe jüdischer Unternehmen endgültig „auf Touren“.

Hauptthema der Zusammenkunft zwei Wochen bei Göring zuvor war die Verwendung österreichischer Goldund Devisenbestände zur Anlegung einer Rohstoffreserve für die Rüstungswirtschaft. Am 5. Oktober 1937 hatte Franklin D. Roosevelt seine weltweit beachtete „Quarantänerede“ gehalten, die in einer Warnung an die Aggressorstaaten im Spanischen Bürgerkrieg, in Abessinien und China gipfelte („Wenn eine ansteckende Krankheit sich auszubreiten beginnt, verordnet die Gemeinschaft eine Quarantäne der Patienten, um die eigene Gesundheit vor der Epidemie zu schützen“). Die in solcher Klarheit neue Interventionsbereitschaft der amerikanischen Regierung, die Roosevelt verkündete, war in Berlin jedoch „nicht als Mahnung zur Vorsicht“ aufgefasst worden. Stattdessen spornte sie Hitler an, „seine kontinentaleuropäischen Ziele baldmöglichst zu verwirklichen“. Auf den Tag einen Monat später, am 5. November 1937, hielt er jene Besprechung ab, deren Niederschrift als Hoßbach-Protokoll bekannt wurde. „Zur Lösung der deutschen Frage“, so Hitler, „könne es nur den Weg der Gewalt geben, dieser niemals risikolos sein“.

Als die Aufrüstung an die Grenze der Devisenknappheit stieß, verfuhr das Regime, wie es künftig bei selbst geschaffenen Zwangssituationen immer wieder reagieren sollte: Es beschritt den Weg außenund innenpolitischer Radikalisierung. Der Einmarsch in Österreich und der Tschechoslowakei bezweckte zugleich den Zugriff auf deren Zentralbankguthaben. Und die Zuspitzung der antijüdischen Enteignungspolitik sollte nicht zuletzt dem NS-Staat weitere abgepresste Finanzmittel verschaffen.

Die ungeregelten Bereicherungsstrategien „alter Kämpfer“ und sonstiger lokaler Profiteure drohten dieses Ziel in Österreich zu durchkreuzen. Von rund 33 000 jüdischen Betrieben in Wien fielen im März/April 1938 etwa 7000 „wilden Arisierungen“ zum Opfer. Die meisten wurden „total ausgeplündert“. Weitere Tausende gerieten in die Hände nationalsozialistischer „Kommissare“, die sie „auf eigene Faust“ weiterführten. „‚Kommisssar' wurde zum Wort der Stunde.“ In der Absicht, „wilde“ durch stattlich regulierte „Arisierungen“, beziehungsweise Betriebsstilllegungen, von Kleinund Mittelbetrieben abzulösen, wurde Mitte Mai beim Wiener Ministerium für Wirtschaft und Arbeit die sogenannte Vermögensverkehrsstelle (VVSt) geschaffen. Es handelte sich um dieselbe Behörde, deren Exportabteilung bei zwei anstehenden „Betriebsentjudungen“ – wie weiter unten geschildert wird –Eschenburg ein knappes halbes Jahr später als Verbandsfunktionär hinzuzog. Ende 1939 wurde die VVSt auf den Status einer Abwicklungsstelle reduziert, nachdem knapp 20 % der jüdischen Kleinund Mittelbetriebe „arisiert“, die große Mehrzahl jedoch liquidiert worden war. Ein entsprechender Passus der Verordnung vom 26. April 1938 sah für den Fall, dass die „bereits vorhandene Übersetzung“ einer Branche mit „gleichartigen Gewerbetriebe[n]… das Eingehen des Betriebes allgemein erwünscht erscheinen“ lasse, die Stilllegung vor. Um sich unliebsamer Konkurrenz zu entledigen, beriefen mittelständische Unternehmer sich in Eingaben regelmäßig auf diese Bestimmung. Auch im gesamten Reichsgebiet wurde der größere Teil jüdischer Betriebe und Geschäfte abgewickelt. „Weniger als die Hälfte“ wechselte ihre Besitzer.

Noch „ganz am Anfang“ steht die Erforschung der Formen wie des Ausmaßes, welche die wirtschaftliche Verdrängung und Existenzvernichtung der Juden in den besetzten Ländern Europas annahmen. Der „Ausschaltung“ der Juden aus dem innerwie außerdeutschen Handel diente die 1933 begründete Reichsstelle für den Außenhandel. Sie verfügte über eine Kartei, „in der die Namen von jüdischen Unternehmern in ganz Europa aufgelistet waren“. Jüdische oder „deutschfeindliche“ Firmen wurden „durch Belieferungsstopps und Aufkündigung der Wirtschaftsbeziehungen aus dem Handel mit dem Deutschen Reich gedrängt.“ Anne Rohstock hat diesen Vorgang mit einem Begriff von Frank Bajohr als „kalte“ Arisierung bezeichnet.

Die „Arisierungen“ entwickelten sich nicht nur zu einem „Bereicherungswettlauf “. Der 1938/39 zunehmend rascher vorangetriebene Beraubungsprozess erweiterte den Kreis der Verfahrensbeteiligten um „immer neue Berufsund Personengruppen“, die politisch, bürokratisch, kommerziell als „Mittler und Vermittler“ auf den Plan traten. Selbst dort, wo unmittelbare materielle Interessen nicht ins Spiel kamen, wirkte diese Verwicklung in dem Maße moralisch korrumpierend, in dem sie vorhandene Skrupel gegen die Drangsalierung der eigenen Mitbürger abschwächte und überdeckte.

 
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