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Vorfeld, Verlauf und Nachspiel des 25. DVPW-Kongresses (2012/2013)

Hannah Bethke:

Theodor Eschenburg in der NS-Zeit

Gutachten im Auftrag von Vorstand und Beirat der DVPW,

3. September 2012

[Erstveröffentlichung: Hubertus Buchstein (Hrsg.): Die Versprechen der Demokratie, Baden-Baden: Nomos 2013, S. 527-567. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Nomos-Verlags. Besonderer Dank geht an Dr. Martin Reichinger.]

Inhaltsverzeichnis

Vorgehen und Ergebnis

Argumentation und Interpretation der Akten nach Rainer Eisfeld Dokumentation der Aktenlage

- Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde

- Universitätsarchiv Tübingen

- Militärarchiv Freiburg i. Br.24

- Online-Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München Auswertung und Interpretation Fazit

1 Vorgehen und Ergebnis

Ausgangspunkt für das vorliegende Gutachten, das im Auftrag von Vorstand und Beirat der DVPW eigenständig angefertigt wurde, ist die Frage, wie Theodor Eschenburg hinsichtlich seiner Tätigkeit in der NS-Zeit und seines Umgangs damit nach 1945 einzuschätzen ist. Abhängig davon ist die Frage zu beantworten, ob der von der DVPW verliehene Preis für das Lebenswerk eines Politikwissenschaftlers weiterhin nach Theodor Eschenburg benannt werden sollte.

Für das Gutachten habe ich Aktenbestände aus dem Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, dem Universitätsarchiv Tübingen, dem Militärarchiv Freiburg sowie dem Online-Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München eingesehen.

Nach Auswertung des Archivmaterials bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß Theodor Eschenburg im weitesten Sinne als Mitläufer des NS-Regimes betrachtet werden muß. Aus diesem Grund halte ich die Abschaffung des Preisnamens der DVPW für empfehlenswert.

Auslöser für die Debatte über Eschenburg war ein Aufsatz von Rainer Eisfeld, der im Frühjahr 2011 erschienen ist. Um in Erinnerung zu rufen, worum es Eisfeld darin geht, werden seine wichtigsten Thesen vorab zusammengefaßt. Die darauf folgende Dokumentation der Aktenlage ist bewußt ausführlich gehalten, um ein möglichst umfassendes Bild von der Quellenlage zu vermitteln. Die Auswertung der Akten sowie das sich daran anschließende Fazit enthält eine detaillierte Begründung für das Votum des Gutachtens.

2 Argumentation und Interpretation der Akten nach Rainer Eisfeld

Es sind im wesentlichen vier Aspekte, die Eisfeld in seiner kritischen Analyse Eschenburgs anführt: (1) Das Bewerbungsverfahren im Deutschen Büro für Friedensfragen, das zur Einstellung eines offenbar „profaschistischen“ Rechtsanwalts geführt hat, und Eschenburgs spätere Haltung gegenüber der „Vergangenheitspolitik“ des Auswärtigen Amtes; (2) Eschenburgs Rolle in der Kampagne gegen Emil Julius Gumbel; (3) Eschenburgs Mitgliedschaft in der SS sowie (4) seine Beteiligung an einer „Arisierungsmaßnahme“ in der holzverarbeitenden Industrie.

Im Zentrum der Betrachtung stehen zunächst die beiden letzten Punkte:

„Arisierungsfrage“

In seiner Eigenschaft als „Beauftragter der Vorprüfstelle Schnitzund Formerstoffe verarbeitende Industrie bei der Prüfungsstelle Holzverarbeitende Industrie“ ist Eschenburg nach Angabe von Eisfeld „Ende 1938 bei der anstehenden ‚Arisierung' des Berliner Betriebs Wilhelm Runge & Co. tätig“ gewesen. Eisfeld beruft sich dabei auf die unten angeführten Akten aus dem Reichswirtschaftsministerium und kommt zu folgenden Ergebnissen:

„Eschenburg trug dazu bei, dass dem Firmeninhaber der Reisepass entzogen wurde, auch wenn er wenige Tage später seine diesbezügliche Haltung änderte. Für die Durchführung des ‚Arisierungs'-Verfahrens unterbreitete Eschenburg dem Ministerium Vorschläge. Dazu gehörte die Nennung einer ‚geeigneten Persönlichkeit', die als ‚politischer Kommissar' eingesetzt werden sollte, sowie zweier Firmen aus der Exportbranche als eventuelle Übernahmeinteressenten. Wie weit derartige Aktivitäten im Rahmen seiner Zuständigkeiten von ihm erwartet wurden, geht aus den Unterlagen nicht hervor. […] Ebenso wenig lassen die verfügbaren Dokumente erkennen, ob es sich bei dem Vorgang um einen Einzelfall handelte, oder ob Eschenburg – sei es in der Bekleidungs-, sei es in der holzverarbeitenden Industrie – häufiger mit ‚Arisierungs'-Maßnahmen zu tun hatte. […] Insgesamt ergibt sich, dass das nach 1945 entworfene (Selbst-)Bild der politischen Persönlichkeit Theodor Eschenburgs in Teilen der Korrektur bedarf.“

Mitgliedschaft in der SS

Die Kritik von Eisfeld richtet sich ferner gegen die anfängliche Selbstdarstellung Eschenburgs im Hinblick auf seine Mitgliedschaft in der SS:

„Erst im posthum erschienenen zweiten Band der Erinnerungen findet sich die ‚Affäre' (Eschenburg) zutreffend dargestellt. Noch kurz zuvor hatte Gerhard Lehmbruch, offenkundig auf der Grundlage gefärbter Auskünfte Eschenburgs, sie mit deutlichen Abweichungen von der Wirklichkeit präsentiert.“

So habe Eschenburg zunächst angegeben, dass er Mitglied der Reiter-SS gewesen sei und vor der Röhm-Affäre wieder ausgetreten sei. Auf Grundlage des SS-Stammrollenblatts und des zweiten Bandes der Autobiographie von Eschenburg stellt Eisfeld demgegenüber fest, dass Eschenburg Mitglied der Motor-SS gewesen sei und erst nach der Röhm-Affäre wieder ausgetreten sei.

 
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