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Die Kontroverse in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ (2013/2015)

Theodor Eschenburg, imponierende Gründergestalt der Politikwissenschaft und zusammen mit Hans Rothfels erster Herausgeber dieser Zeitschrift, wird seit einiger Zeit wegen seiner Vergangenheit in der Weimarer Zeit und in der NS-Diktatur sowie wegen seines langen Schweigens danach kontrovers diskutiert. Die Debatte, die zunächst vor allem in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft geführt wurde, hat nun auch die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erreicht. Udo Wengst, der an einer Biographie Eschenburgs arbeitet, verteidigt seinen Protagonisten: Trotz mancher Inkonsistenzen in seinem Verhalten nach 1945 lasse sich Eschenburg bereits seit der späten Weimarer Republik als Demokrat charakterisieren; die gegenwärtige Kritik an ihm sei überzogen und entspringe einem Mangel an Verständnis für seine schwierige Situation während der NS-Diktatur. Die Diskussion über Eschenburg geht weiter. Schon in der nächsten Ausgabe der Vierteljahrshefte nehmen Hans Woller und Jürgen Zarusky dazu Stellung.

Udo Wengst:

Der „Fall Theodor Eschenburg“

Zum Problem der historischen Urteilsbildung

[Erstveröffentlichung: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), S. 411-440. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und der Redaktion (Hans Woller und Jürgen Zarusky).]

Theodor Eschenburg, der von 1952 bis 1972 den Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Tübingen innehatte und als einer der Gründer des Faches in der Bundesrepublik gilt, war spätestens seit Ausgang der 1950er Jahre ein allseits geschätzter Wissenschaftler. Dies ist darauf zurückzuführen, dass er weit über die Universität Tübingen hinaus wirkte, sei es als Autor grundlegender Studien zur politischen Bildung oder ab 1957 als ständiger Kolumnist der Wochenzeitung Die Zeit. Hans-Peter Schwarz hat diese Tätigkeit Eschenburgs „eine Art zweiten Lehrstuhl mit bundesweiter Ausstrahlung“ genannt413. Dementsprechend wurde der Tübinger Politologe mit Ehrungen überhäuft. 1960 erhielt er den Schillerpreis der Stadt Mannheim, 1968 wurde er in den Orden Pour le Mérite aufgenommen, 1975 wurde ihm die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und 1986 das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Zum 75. Geburtstag im Oktober 1979 erschienen Würdigungen unter den Überschriften „Praeceptor Germaniae“ (Die Zeit vom 19. 10. 1979), „Ein Demokrat über den Parteien“ (Die Welt vom 24. 10. 1979), „Eine Institution der Republik“ (Stuttgarter Zeitung vom 24. 10. 1979), „unabhängig und unbequem“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. 10. 1979) und „Wächter über Normen und Kompetenzen“ (Schwäbisches Tagblatt vom 24. 10. 1979). Zehn Jahre später richtete Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu Eschenburgs 85. Geburtstag ein Abendessen in der Villa Hammerschmidt aus, in dessen Verlauf der Bundespräsident, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der Ministerpräsident Baden-Württembergs, Lothar Späth, Eschenburg würdigten. Diese Ansprachen und weitere Beiträge, die zu Ehren des Tübinger Politologen verfasst wurden, sind in einem lesenswerten Sammelband veröffentlicht worden. Als Eschenburg im Alter von knapp 95 Jahren starb, erschien der ausführlichste Nachruf in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, die er seit ihrer Gründung im Jahr 1953 bis 1977 zusammen mit dem Tübinger Historiker Hans Rothfels herausgegeben hatte. Sein Verfasser war Hans-Peter Schwarz, der von Eschenburg extern habilitiert worden war und nunmehr zusammen mit dem Bonner Politologen Karl Dietrich Bracher und Institutsdirektor Horst Möller als Herausgeber der Vierteljahrshefte fungierte. Schwarz skizzierte hierin den Lebenslauf von Theodor Eschenburg, der ein Spross des Lübecker Bürgertums war und nach dem Studium in Tübingen und Berlin sowie Ausflügen in die Politik am Ende der Weimare Republik im wirtschaftlichen Verbandswesen eine Anstellung fand, die er bis 1945 innehatte. In die Wissenschaft gelangte Eschenburg erst Anfang der 1950er Jahre nach einer Tätigkeit in der Landesregierung von Südwürttemberg-Hohenzollern. Schwarz machte in seinem Nachruf deutlich, dass Eschenburgs „großes Lebensthema […] die Kontinuität deutscher parlamentarischer Demokratie vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die Besatzungsperiode bis in die frühen und mittleren Jahrzehnte der Bundesrepublik“ war. Hierin sah Schwarz einen großen Unterschied zu anderen Zeithistorikern und Politologen der damaligen Zeit, die sich vor allem der Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs zugewandt hätten. Eschenburg hingegen seien die „totalitären Bewegungen und Regime des 20. Jahrhunderts“ innerlich fremd geblieben. Er habe die „katastrophalen Jahre der NS-Diktatur“ zwar nicht ausgeblendet, aber – so fuhr Schwarz fort – „im Leben Eschenburgs, der das Dritte Reich und den Krieg einigermaßen unlädiert überstanden hatte, waren es eben doch nicht mehr als zwölf Jahre“. Wie Eschenburg diese zwölf Jahre erlebt hatte, war damals noch weitgehend unbekannt und wurde nicht thematisiert. Eschenburg starb als angesehener Wissenschaftler, dessen Leben frei von politischen Verfehlungen geblieben war und dem Hans-Peter Schwarz in seinem Nachruf bescheinigte, „zu den historischen Persönlichkeiten in der Frühgeschichte der Bundesrepublik“ zu gehören.

Etwas mehr als zehn Jahre später entbrannte eine Kontroverse, die das Leben Eschenburgs im Dritten Reich ebenso thematisierte wie dessen angebliche Diktaturanfälligkeit schon vor 1933 wie auch nach 1945. Hierin kommt zum Ausdruck, dass das Verhalten nachmaliger prominenter Persönlichkeiten unter dem NS-Regime bis heute nicht nur ein Problem geblieben ist, sondern dass über die Maßstäbe für die historische Urteilsbildung immer noch heftig, ja heftiger denn je gestritten wird. So neigen insbesondere politisch der Linken zuneigende Wissenschaftler dazu, das Handeln derjenigen, die in der NS-Diktatur – in welcher Funktion auch immer – „mitgemacht“ und die im Nachhinein sich hiermit nicht in aller Öffentlichkeit auseinander gesetzt haben, aufgrund heutiger moralischer Maßstäbe zu beurteilen und zu verurteilen. Damit ist meist der Vorwurf der Apologie an diejenigen verbunden, die das jeweilige Leben in den historischen Kontext einbetten und auf dessen Epochen spezifische Umstände hinweisen. Historiker, die sich dieser Maxime verpflichtet fühlen, halten das von ihnen vertretene methodische Vorgehen für geboten, da ansonsten die historische Angemessenheit der Urteilsbildung verfehlt würde. Vor diesem Hintergrund ist die Debatte über den „Fall Theodor Eschenburg“ zu sehen, die im Jahr 2011 begann und bis heute nicht zum Abschluss gekommen ist.

 
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