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Der „Fall Theodor Eschenburg“ und das Institut für Zeitgeschichte Offene Fragen und neue Perspektiven

[Erstveröffentlichung: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), S. 551-565. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Verfasser.]

Theodor Eschenburg (1904-1999), einer der großen Intellektuellen der alten Bundesrepublik, wird seit 2011 von seiner Vergangenheit eingeholt. Damit ist – neben Hans Rothfels (1891-1976) – auch der zweite Gründervater und langjährige Herausgeber der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ins Gerede gekommen – mit den üblichen Begleiterscheinungen eines zuweilen sogar giftigen Behauptungsund Deutungsstreits, die der Urteilsbildung kaum dienlich sind. Udo Wengst, der frühere stellvertretende Direktor des IfZ und zukünftige Biograph Eschenburgs, versuchte im Juliheft, Klarheit zu schaffen. Er warf dabei aber so viele Fragen auf, dass sein Beitrag nicht unbeantwortet bleiben kann. Schließlich berühren diese Fragen die Geschichte der Vierteljahrshefte und des Instituts für Zeitgeschichte, deren Glaubwürdigkeit tangiert wäre, wenn sie sich einer kritischen Debatte ihrer Vergangenheit verschließen würden.

Von Rothfels zu Eschenburg

Diese Debatte ist nicht neu, sie hat eine längere Geschichte, in der die Diskussion über Hans Rothfels eine gewisse Wende markiert. Als der eigentliche Macher der VfZ um 2000 wegen seiner nationalistischen und antidemokratischen Haltung in der Weimarer Republik in die Kritik geriet, war es nicht ganz leicht, seine Biografie in den VfZ, in „seiner“ Zeitschrift also, zum Gegenstand einer kritischen Debatte zu machen und 2003 in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Tagung zu rücken. Wie denn auch? Einige Kollegen kannten Rothfels noch persönlich und bewunderten ihn. Andere waren mit seinem Mythos aufgewachsen und dachten nicht im entferntesten daran, die Integrität des jüdischen Emigranten und Remigranten in Zweifel zu ziehen. Für fast alle aber war klar: Hans Rothfels stand für die Gründung der deutschen Zeitgeschichte aus dem Geist der Vergangenheitsbewältigung, für ihre internationale Rehabilitierung und nicht zuletzt für die Erfolgsgeschichte des IfZ, die – wie er selbst – nun plötzlich auf dem Prüfstand war. Die Studien, die Rothfels und die Frühgeschichte des Instituts in einem kritischen, manchmal auch schiefem Licht zeigten, sorgten in der Leonrodstraße für beträchtliche Irritationen. Die Abwehrreaktion der ersten Stunde wich aber dann doch rasch der Einsicht, dass man sich nicht taub stellen durfte, und schließlich der Entschlossenheit, die eigene Geschichte unter die Lupe zu nehmen, so bald die Voraussetzungen dafür geschaffen seien.

Die Rothfels-Tagung von 2003 war der erste Schritt, weitere ließen nicht allzu lange auf sich warten. Zu nennen ist hier die kritische Durchleuchtung des großen Institutsprojekts zur deutschen Justiz im Nationalsozialismus, das unter keinen guten Stern stand. Es resultierte nicht primär aus eigenem Bedürfnis nach Aufklärung, sondern war vielmehr eine Antwort auf die „Blutrichter“-Kampagnen der DDR. Seine Durchführung lag in den Händen von Juristen, die in der NS-Zeit zum Teil selbst im NS-Justizapparat gearbeitet hatten. Projektleiter war Hermann Weinkauff, ein früherer Reichsgerichtsrat, einer der Autoren Walter Wagner, der 1935 für drei Monate bei der Anklagebehörde des Volksgerichtshofes tätig gewesen war – am selben Gericht, über das er nun ein Buch verfasste, das zum Grundlagenwerk wurde und 2011 wegen seiner beeindruckenden dokumentarischen Basis eine Neuauflage erfuhr, obwohl es durchaus seine spezifischen Blindstellen hat. Der Band über die Militärjustiz aus der Feder des einstigen Luftwaffenrichters Otto Peter Schweling fiel so apologetisch aus, dass er nach langem Hin und Her vom wissenschaftlichen Beirat des IfZ abgelehnt wurde.

Von der Selbstprüfung war auch Martin Broszat nicht ausgenommen. Er geriet 2003 in die Schlagzeilen, weil er seit Anfang 1944 in der NSDAP-Mitgliederkartei geführt wurde, und man warf ihm in den letzten Jahren – wiederholt und nicht grundlos – mangelndes Verständnis für die Verfolgtenperspektive bei der Erforschung des Nationalsozialismus vor. Broszats Pionierleistungen sind unbestreitbar, es gibt aber auch in seinem Fall Ambivalenzen, die im IfZ diskutiert wurden und noch immer werden. Die Historisierung der Institutsarbeit hat schließlich in ganz erheblichem Maße von der Verzeichnung und Öffnung des Hausarchivs profitiert, das seit 2002 von jedermann konsultiert werden kann, auch wenn noch nicht alle Bestände gleichermaßen erschlossen sind.

Insgesamt scheint auch das Institut für Zeitgeschichte einem Verlaufsmuster zu folgen, das seit mehr als einem Jahrzehnt überall dort zu beobachten ist, wo NS-Belastungen und personelle Verfehlungen zu konstatieren sind bzw. vermutet werden: eine lange Zeit der Ignoranz, dann reflexhafte Abwehr, wenn erste Verdachtsmomente auftauchen, hierauf zögerliche, mit viel Wenn und Aber verbundene Akzeptanz und schließlich die Bereitschaft, sich den Vorwürfen zu stellen und an ihrer Aufarbeitung mitzuwirken, wobei diese Bereitschaft sich meist erst dann einstellt, wenn mit persönlichen Betroffenheiten nicht mehr zu rechnen ist. Das Institut für Zeitgeschichte entstand ja keineswegs aus dem Nichts, es befand sich bei seiner Gründung ebenso wenig im Stand der Unschuld wie andere wissenschaftliche Einrichtungen und Disziplinen, ja wie die ganze Nation, die notwendiger Weise durch viele Fäden mit der Vergangenheit verbunden war; personelle Kontinuitäten, wie im Fall Eschenburg, sind nur einer, vielleicht nicht einmal der wichtigste davon.

 
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