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Die Tücken der Ambivalenz

Wo man Udo Wengsts Aufsatz in diesem Verlaufsmuster einordnen kann, ist schwer zu sagen. Ein Urteil verbietet sich schon deshalb, weil sein Debattenbeitrag nur eine Kostprobe seiner Eschenburg-Biografie ist, die bald zum Abschluss gebracht werden soll. Hinzu kommt, dass sich Wengst – mit Rücksicht auf sein großes Werk – gewissermaßen selbst im Wege steht, indem er zwei Grundentscheidungen trifft, die seinen Beitrag fast unweigerlich zu einem bloßen Zwischenruf machen: nämlich, erstens, einige für Eschenburg zentrale Themen auszusparen und, zweitens, die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Autoren auf später zu verschieben, weil das Pulver ja trocken gehalten werden soll. Dass er diese Autoren (ohne ihre Thesen ausreichend zu referieren) trotzdem in die Schranken weist und dass er zu den eigentlich ausgesparten Themen trotzdem vehement Stellung bezieht, steht auf einem anderen Blatt.

Wengst beschränkt sich so im Wesentlichen auf dreierlei: einen Bericht über die seit 2011 währende öffentliche und wissenschaftliche Debatte über Eschenburg, die Rekapitulation von Eschenburgs publizistischen Rückblicken auf das NS-Regime sowie die Erörterung seines Demokratieverständnisses. Heraus kommt dabei die von neueren Erkenntnissen kaum angefochtene Reproduktion der von Eschenburg selbst stammenden, von seinen Schülern und Verehrern perpetuierten und schließlich im kollektiven Gedächtnis konservierten biografischen Konstruktionen von Eschenburg als Weimarer Demokraten, als NS-Gegner und – nach 1945 – als „Lehrer der Demokratie“ – eine Biografie von solch bemerkenswerter Kohärenz, wie sie im 20. Jahrhundert mit seinen Abstürzen und Abgründen doch wohl kaum möglich war. Alles, was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet oder in seiner Bedeutung heruntergespielt. Versuchungen, Fehler, Ambivalenzen – sie haben keinen Platz.

Dabei ist nach dem jetzigen Kenntnisstand nicht mehr zu bestreiten, dass das alte Eschenburg-Bild aus seiner wohlwollenden Petrifizierung gelöst werden muss, ohne dass freilich schon klar wäre, was an seine Stelle treten wird. Die Mosaiksteine, die wir haben, ergeben ein widersprüchliches Bild: schwarz, weiß und viel unbestimmtes Grau. Das gilt nicht zuletzt für Eschenburgs Lebensweg vor 1933. War er – wie manche Indizien andeuten – ein nationalistischer Hetzer und Eiferer, gar zeitweilig ein begeisterter Anhänger Hitlers? War er, und wenn ja, ab wann, ein Demokrat, ein Liberaler im Fahrwasser Stresemanns – was immer mit solchen Begriffen angesichts der Wandlungsprozesse im deutschen Liberalismus auch gemeint sein mag? Oder war Eschenburg ein Rohr im Wind, das sich in stürmischer Zeit einmal in die eine Richtung und einmal in die andere neigte und – ewig schwankend – im Grunde nie zum Stillstand kam?

Wengst scheinen sich solche Fragen nicht zu stellen, wie sich insbesondere in seinen Ausführungen über Carl Schmitt und Eschenburg in der Weimar Republik zeigt. Eschenburg bewunderte den berühmten Staatsrechtler, die beiden trafen sich häufig. Ihre Wege, so Wengst, trennten sich aber bereits vor Hitlers Machtergreifung, eine geistige Nähe bestand zwischen den beiden nicht oder, vielleicht präziser, schon Ende 1932 nicht mehr555. Zeitgenössische Belege gibt es für diese Behauptung nicht. Wengst führt ein wissenschaftliches Gutachten Eschenburgs aus dem Jahr 1954 ins Feld, das zu den Beziehungen der beiden Persönlichkeiten vor 1933 freilich nichts enthält, und er verlässt sich auf ein Interview Eschenburgs aus dem Jahr 1983, ohne auch nur mit einer Silbe anzudeuten, dass es mit Zeugnissen in eigener Sache, die obendrein fünfzig Jahre danach entstanden sind, eine gewisse Bewandtnis haben kann.

Noch mehr Fragen stellen sich mit Blick auf die NS-Zeit, die Eschenburg „einigermaßen unlädiert“ überstand. Das sagen und schreiben alle, aber woher wissen sie es? Von Eschenburg selbst. Die Quellen schweigen nämlich, und auch Eschenburg, der angeblich zum „Mentor – zum Erinnerer – geworden [war] in einem Land, dessen Gedächtnis krank war und wo die Menschen nach vielerlei Unbilden am liebsten die Erinnerung verloren haben“ – auch er war nicht sehr mitteilsam. Im Grunde ist sein Leben im Dritten Reich eine große weiße Fläche, auf die sich vieles projizieren lässt – Positives wie Negatives. Von politischen Belastungen war lange kaum die Rede. Eigentlich bestanden sie nur in der Mitgliedschaft im SS-Motorsturm 3/III/3, von der Eschenburg im engeren Kreis wohl schon früh erzählte – mit der Pointe, dass er rasch wieder ausgetreten sei559. Ein Beleg dafür findet sich in der SS-Stammrolle freilich ebenso wenig wie ein Hinweis auf weitere Aktivitäten in der SS.

Schwerer wiegt indes die erst 2011 bekannt gewordene Mitwirkung an einem Arisierungsverfahren. Eschenburg erwähnte diesen Vorgang später anscheinend nie, und Udo Wengst, der sich dazu eigentlich nicht äußern will, tut ihn fast schon lässig ab. Eschenburg war in seinen Augen in dem Verfahren nur eine Randfigur, der Besitzer der arisierten Firma habe der Zwangsenteignung zugestimmt, außerdem sei zu berücksichtigen, dass Eschenburg davor und danach freundschaftliche Beziehungen mit Juden gepflegt und Ende der 1930er Jahre sogar eine Villa von einem Juden gekauft habe – zu einem fairen, vielleicht sogar überhöhten Preis, versteht sich. Aus der Tatsache, „dass mit dem Rechtsanwalt Carl Langbehn ein Mann eine maßgebliche Rolle in diesem Verfahren spielte, den Eschenburg kannte und der einer größeren Anzahl von Juden in diesen Jahren die Ausreise ermöglichte“, leitet Wengst ab, dass eventuell eine „neue Interpretation“ des Arisierungsfalls Fischbein erforderlich sei, ohne sich offenbar bewusst zu sein, dass die erzwungene Emigration der deutschen Juden in dieser Periode das zentrale Ziel der antisemitischen Politik des NS-Regimes war. Auf die Rolle Eschenburgs geht er hingegen nicht ein, da darüber „nur im Gesamtkontext des Lebens von Eschenburg im Dritten Reich geurteilt werden“ könne. Aber woraus soll sich denn der „Gesamtkontext“ ergeben, wenn nicht aus einer möglichst umfassenden Bestandsaufnahme relevanter Fakten und Ereignisse? Und warum kann man über den Hauskauf ohne Berücksichtigung des „Gesamtkontextes“ schreiben, über den Arisierungsfall aber nicht?

Nach allem, was wir wissen, ist das Verhalten Eschenburgs im Arisierungsfall Fischbein auch weniger rätselhaft, als es Wengst erscheinen lässt. Eschenburg trat in professioneller Funktion als Leiter einer Prüfungsstelle der Reichsgruppe Industrie auf und machte dabei nicht einfach nur am Rande, sondern durchaus initiativ und beflissen mit. So gab er nicht nur die Empfehlung, Wilhelm Fischbein den Reisepass zu entziehen. Fischbein sollte dadurch daran gehindert werden, im Ausland eine Konkurrenz für sein zur „Arisierung“ anstehendes Unternehmen zu gründen, denn das hätte die erwarteten Exporterlöse für das notorisch devisenklamme Reich mindern können. Erst als durch eine Intervention Langbehns deutlich wurde, dass der Passentzug die für den Eigentümerwechsel nötige Zustimmung der britischen Anteilseigner gefährden würde, nahm Eschenburg seine ursprüngliche Empfehlung zurück. Hinzu kommt, dass er – wie erst jetzt bekannt wurde – nicht zögerte, pure Vermutungen und Gerüchte über Fischbeins geschäftliche Pläne zu äußern, die den ohnehin bedrängten Juden in ernste Gefahr brachten; sogar ein Verfahren vor dem Volksgerichtshof wegen Wirtschaftssabotage wäre möglich gewesen. Die von Rainer Eisfeld und Hannah Bethke präsentierten Belege sprechen hier eine eindeutige Sprache.

Nirgends wurde dabei im Übrigen behauptet, für Eschenburgs Verhalten sei eine antisemitische Einstellung ursächlich gewesen. Es liegt kein triftiger Grund vor, Wengsts mehrfach vorgebrachten Hinweis, der Privatmann Eschenburg habe im Dritten Reich faire, ja sogar freundschaftliche Beziehungen zu Juden unterhalten, zu bezweifeln, nur ist er hier fehl am Platz. Mit der Widerlegung einer Behauptung, die niemand erhoben hat, zielt Wengst am Kern der Sache vorbei, nämlich dass Eschenburg als Verbandsjustitiar und Leiter einer Prüfstelle für Exportkontrolle im Fall Fischbein effizient im Sinne staatlicher Interessen funktioniert hat – auch wenn das bedeutete, einem jüdischen Mitbürger, dem das Leben in seiner Heimat unmöglich gemacht wurde, beim Aufbau einer neuen Existenz im Ausland Steine in den Weg zu legen und ihn im Deutschen Reich festzuhalten, wo sich die Situation für Juden im Herbst 1938 immer schwieriger gestaltete.

Eschenburg schrieb in seinen Memoiren vermutlich nicht ohne Grund, das Leben in einem totalitären Staat wie dem Dritten Reich habe – auch für ihn – „unweigerlich etwas Deformierendes“ gehabt, man habe „sehr viel Kraft aufwenden“ müssen, „um unbeschädigt daraus hervorzugehen“. Wengst greift dieses sehr weitgehende, aber dann rasch wieder relativierte Bekenntnis nicht auf. Er huscht über die abgründige Ambivalenz, die darin stecken kann, ebenso hurtig hinweg wie über die Geschichte des Lösener-Berichts, die kein Ruhmesblatt ist – weder für Rothfels, noch für Eschenburg und schon gar nicht für die Vierteljahrshefte. Das gesamte Institut gab damals dem Druck der Bundesregierung in Gestalt des Staatssekretärs im Bundesjustizministerium und IfZ-Kuratoriumsmitglieds Walter Strauß nach: Die VfZ veröffentlichten im Juli 1961 zur Entlastung Hans Globkes einen nachträglich entstandenen Zeugenbericht, der schon damals als tendenziös zu erkennen war. Eschenburg hat hier protestlos mitgespielt. Dass er einige fast schon peinliche Lobeshymnen von Walter Strauß auf Lösener aus der Einleitung des Berichts strich, sagt in der Sache nichts. Aus der kommentierenden „Vorbemerkung“ kann man zwar, da hat Wengst recht, eine gewisse Distanz herauslesen, sie gilt aber – anders als er unterstellt – nicht für Eschenburg, sondern einzig und allein für seinen Herausgeberkollegen Rothfels; nicht umsonst ist sie mit „H.R.“ unterzeichnet.

Wie Eschenburg über Globke dachte, hatte er schon im März 1961 in der „Zeit“ preisgegeben. Hier griff er zur Verteidigung von Adenauers Staatssekretär ganz tief in die Tasten, was Wengst durchaus konstatiert. Ihm entgeht aber die subtile (Selbst) Rechtfertigungsstrategie, mit der Eschenburg sich selbst als Gesinnungsgenossen eines widerständigen Globke präsentierte, der nichts anderes im Sinn gehabt habe, als Schlimmeres zu verhindern. Dass Eschenburg in dem „Zeit“-Artikel – ganz nebenbei – Globke und den Exilanten und Widerstandskämpfer Willy Brandt auf eine Ebene stellte, bleibt ebenfalls unbemerkt. Rudolf Augstein sah das schon damals deutlicher, als er sich unter dem Pseudonym Moritz Pfeil gegen die durch die deutsche Presse geisternde Gleichsetzung Brandts und Globkes verwahrte: „Willy Brandt hat im Kampf zwischen Demokratie und Unfreiheit auf der richtigen Seite gestanden, Globke auf der falschen.“ Eschenburg warf dem „Spiegel“-Herausgeber vor, er missverstehe „das Thema gründlich, und, wie mir scheint, absichtsvoll“. Vielleicht war Augstein zu kategorisch, als er Globke eine für das NS-Regime typische „Zwei-Schulter-Trägerei“ vorwarf. Es liegen ja durchaus Ernst zu nehmende Zeugnisse dafür vor, dass Globke einzelnen Diskriminierten und Bedrohten geholfen hat, so etwa Eschenburgs Freund Herbert Engelsing, dessen Eheschließung mit einer „Halbjüdin“ er wohl auch ermöglicht hat. Wengst hebt, Eschenburg zitierend, Engelsings Begründung für seinen schon 1933 erfolgten Eintritt in die NSDAP hervor: „Man müsse sich einem solchen Regime äußerlich anpassen, um die eigene Substanz zu wahren.“ Was immer man von solchen nachträglichen Zeugnissen halten mag – Udo Wengst hätte vielleicht doch nicht nur Eschenburgs Vorwort zu den Erinnerungen von Engelsings Frau erwähnen sollen, sondern auch deren Schilderung des engen Verhältnisses, das sie und ihr Mann zu Harro und Libertas Schulze-Boysen sowie Adam und Greta Kuckhoff unterhielten. Diese Schlüsselfiguren der von ihren Verfolgern als „Rote Kapelle“ etikettierten Widerstandsgruppe machten keinen Hehl aus ihrer Feindschaft gegen das NS-Regime. Die Engelsings waren in deren oppositionellen Aktivitäten nicht einbezogen, sie sangen aber bei Harro Schulze-Boysens 30. Geburtstag am 2. September 1939, einen Tag nach dem Angriff auf Polen, die Marseillaise und die polnische Nationalhymne mutig mit. Eschenburg hingegen hatte, wie Wengst ebenfalls anführt, zwei Jahre zuvor die Feier des 50. Geburtstags von Ernst Rowohlt schleunigst verlassen, als für sein Gefühl allzu scharfe regimekritische Reden geführt worden waren. „Nicht aufzufallen und schon gar nicht zu provozieren“, so Eschenburg selbst, sei seine Devise gewesen.

Diese Beispiele machen eines deutlich: Freiräume, die durch äußerliche Anpassung entstanden, konnte man so oder so oder gar nicht nutzen. Eschenburg zog sich bei Rowohlt zurück, während er in vielen anderen Fällen vielleicht standhaft blieb. Wengst scheint solche Fälle zu kennen, er lässt den Leser aber nicht an seinem Wissen teilhaben, sondern erklärt Eschenburg kurzerhand zum politischen „Gegner des Regimes“. Widerständigkeit, Resistenz, widerwillige Loyalität, erzwungene Gefolgschaft, die Ausnahmen und Freundschaftsdienste kennt – das breit gefächerte und schwer zu entwirrende Verhaltensrepertoire der Bürger des Dritten Reichs fließt so zu einer diffusen Einheit unter dem Vorzeichen der NS-Gegnerschaft zusammen, die von Willy Brandt über Globke und Engelsing bis Eschenburg reicht. Dass die Vierteljahrshefte und ihre Herausgeber Hans Globke in Schutz nahmen, mag man – wenn man will – zur Not verstehen; schließlich war Globke damals Gegenstand einer wütenden Kampagne der DDR, der jedes Mittel recht war, um Adenauers Staatssekretär zu treffen und politisch zu vernichten. Warum aber hielt Eschenburg an dieser Linie noch 1973 fest, als er einen Nachruf auf Globke verfasste und einmal mehr die Legende verbreitete, dieser habe mit seinem Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen „Schlimmeres verhindern“ wollen? Wengst rezipiert hier zwar den Befund der jüngeren Forschung, dass der Stuckart/Globke-Kommentar zur Ausweitung und Verschärfung der strafrechtlichen Verfolgung wegen sogenannter „Rassenschande“ geführt hat. Er zieht daraus aber ebenso wenig Konsequenzen wie aus der Tatsache, dass es Eschenburg 1973 längst besser hätte wissen müssen, hatte Hannah Arendt Globkes Milderungslegende doch bereits 1964 in ihrem breit rezipierten Buch „Eichmann in Jerusalem“ zerpflückt.

Doch Eschenburg hat auch Protagonisten des Dritten Reichs ganz anderen Kalibers Leumundszeugnisse ausgestellt (und in der „Zeit“ einen Publikationsort dafür gefunden), so insbesondere im Jahre 1977 dem von 1932 bis 1945 amtierenden Finanzminister Schwerin von Krosigk. Wengst übersieht nicht, dass Eschenburg hier eine Art Stellvertreterdebatte über seine eigene Vergangenheit führte, reichlich unbekümmert um historische Fakten und Erkenntnisse agierte und durchaus apologetische Töne anschlug. Er fragt aber nicht weiter: Wie vertrugen sich diese Töne mit seiner Rolle als Herausgeber und Repräsentant einer wissenschaftlichen Zeitschrift wie den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, die doch ganz anderen Maßstäben verpflichtet waren? Weshalb ging Eschenburg überhaupt so weit und sprang sogar für hochrangige Repräsentanten des NS-Regimes wie den Reichsfinanzminister in die Bresche, der in Nürnberg nicht umsonst verurteilt worden war? An der Oberfläche bleibt Wengst auch im letzten Teil, dem er den ambitionierten Zwischentitel „Demokratie oder Diktatur?“ gegeben hat. Es geht ihm hier um das Demokratieverständnis von Eschenburg. Dabei begnügt er sich aber mit einigen Hinweisen auf eine 1968 erhobene Forderung Eschenburgs nach einer „'Diktatur' auf Zeit“, damit „die zuvor von Regierung und Opposition angerichtete ‚Sauerei' wieder aufgeräumt werden könne“. Auch Wengst findet es erstaunlich, „mit welcher Unbefangenheit er [Eschenburg] den Diktaturbegriff benutzte“. Dennoch bringt er ihm viel Verständnis entgegen; Eschenburg habe nie an die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und nie in diktatorischen Kategorien gedacht. Wie er aber überhaupt zu dieser abwegigen Forderung kam, ob sie ein einmaliger Ausrutscher blieb, ob sie von ihm in verträglicherer Dosis auch andernorts erhoben wurde, welchen Demokratievorstellungen er sich verbunden fühlte und welchen Veränderungen diese unterworfen waren, bleibt eine offene Frage, die auch erst beantwortet werden kann, wenn die gesamte publizistische Tätigkeit Eschenburgs geprüft worden ist.

Carl Schmitt, dessen Verfassungslehre Eschenburg noch 1983 als „unsterbliches Buch“ bezeichnete, darf dabei als Stichwortgeber ebenso wenig aus der Analyse verbannt werden wie all die bitteren Erfahrungen in der Endphase der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Der demokratische Verfassungsstaat erschien damals vielen als hilflos und ohne Zukunft, nach der Katastrophe des Nationalsozialismus aber dann doch als wertvolles Gut. Das Nachkriegsprojekt einer wehrhaften Demokratie hat hier ebenso seine Wurzeln wie manche überspitzte Forderung nach Stärkung der Exekutive und wie manche schrille Warnung vor angeblich übersteigerten demokratischen Tendenzen, die in Krisenzeiten nicht nur in konservativen Kreisen fast reflexhaft auftauchten. Auch Eschenburg stand in diesem Lernund Traditionszusammenhang, auch er musste – allem Anschein nach – erst viel lernen, ehe er in die Rolle eines „Lehrers der Demokratie“ hineinwuchs, die er lange mit ganz spezifischen, vielleicht nicht immer unumstrittenen, gewiss aber noch genauer zu präzisierenden Inhalten füllte.

Wengsts Zwischenruf kann nicht alle diese Aspekte behandeln und nicht alle offenen Fragen beantworten; dafür wird man auf seine umfassend angelegte Biografie warten müssen. Etwas mehr hätte man sich von seinem Beitrag zur aktuellen Debatte über den „Fall Eschenburg“ aber doch erwartet. Das gilt auch für das „Problem der historischen Urteilsbildung“, das Wengst, ungeachtet aller geschichtsphilosophischer Implikationen,auch noch lösen will. Kontextualisierung fordert er, die Protagonisten müssten aus den Zeitumständen heraus verstanden werden – und rennt mit dieser zeitlos richtigen Forderung noch nie verschlossene Türen ein. Kontextualisierung ist aber etwas anderes als blinde Nachsicht, sie erfordert genaues Hinsehen, die Kenntnis und wägende Prüfung der Fakten und nicht zuletzt – als zweite Ebene der Kontextualisierung – die ständige Reflexion über die eigene Standortgebundenheit, die sich im Beitrag von Udo Wengst in pauschalen Urteilen über ungenannte und unbekannte Linke nur allzu deutlich zeigt.

 
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