Jenseits der NS-Belastungen

Die Debatte über Eschenburg wird weitergehen. Alles deutet darauf hin, dass sie sich ausweiten und über kurz oder lang die Geschichte des Instituts für Zeitgeschichte betreffen wird. Das Verhalten seiner Mitarbeiter und Repräsentanten in der NS-Zeit darf dabei selbstverständlich nicht ausgeblendet werden. So wichtig diese Frage auch ist, die wissenschaftliche Diskussion sollte sich nicht in der Suche nach „Schuldigen“ und „Sündern“ erschöpfen: Der Preis einer solchen Engführung wäre zu hoch und müsste vermutlich mit der kleinen Münze der Enthüllung immer gleicher „Fälle“ bezahlt werden. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie sich das IfZ und generell die neue Disziplin der Zeitgeschichte aus einer komplexen Gemengelage heraus entwickelte, in der Akteure mit äußerst unterschiedlichen Vorprägungen und Biografien in einem gesellschaftlichen Umfeld aufeinander trafen, das der Aufklärung über die NS-Epoche nicht eben förderlich war.

Nötig wäre ein umfassend angelegtes Forschungsprojekt zur Geschichte des IfZ, das vor mehr als 60 Jahren klein und mühselig begann und erst langsam zu dem „Mekka der Zeitgeschichte“ wurde, als das es heute gilt. Dass in dieser Aufstiegsund Erfolgsgeschichte vieles, aber keineswegs alles Gold ist, was glänzt, muss nicht umständlich erklärt werden – es versteht sich von selbst und ist dem Institut für Zeitgeschichte auch schon mehrmals ins Stammbuch geschrieben worden587. Ob in allen Fällen zu Recht, bedarf der Klärung.

Ein beträchtlicher Teil der Fragen, die dabei aufzugreifen wären, bezieht sich – in weiterer Perspektive als bisher – auf das Personal, das nach 1949 im Kuratorium, im wissenschaftlichen Beirat und im Mitarbeiterstab tätig war. Auf welche Erfahrungen blickten die Männer der ersten Stunde zurück? Was trieb sie an? Welche Ziele verfolgten sie? Was ist von Gerüchten zu halten, dass einige Mitarbeiter auf der Gehaltsliste des BND standen? Welchen Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik waren sie ausgesetzt? Wie positionierten sie sich im Spannungsfeld von Wissenschaft und Volkspädagogik, die damals groß geschrieben wurde? Wie stand es anfangs um die Professionalität in den Leitungsgremien und vor allem unter den Mitarbeitern? Zeithistoriker waren die wenigsten. Die meisten hatten sich ihre ersten wissenschaftlichen Sporen in früheren Epochen verdient, nicht wenige lernten ihren Beruf in der Praxis. An welchen Vorbildern und wissenschaftlichen Kriterien orientierten sie sich? Woran knüpften sie methodisch an? Wer gab in der vielfach gestaffelten Hierarchie den Ton an? War in den sechziger Jahren auch im Institut ein generationeller Bruch zu konstatieren? Welches Erfahrungsgepäck brachte die zweite Forschergeneration mit? Wie vertrug es sich mit der bereits konsolidierten Praxis der ersten?

Fragen über Fragen, die sich mit Blick auf das Programm des Instituts fast beliebig erweitern ließen. Wie wurden die ersten Forschungsprogramme generiert? Wie verhielt es sich mit politischen Einflussnahmen? Der Fall Lösener war anscheinend kein Einzelfall. Bereits 1958 war das Institut für Zeitgeschichte von der Sudetendeutschen Landsmannschaft und ihrem führenden Vertreter Wenzel Jaksch angegriffen worden, weil es die Studie von Boris Celovsky über das Münchner Abkommen publiziert hatte. Beirat und Kuratorium sahen sich damals zu einer öffentlichen Erklärung gegen Versuche veranlasst, „ernste Bemühungen um historische Wahrheitsfindung, ja die Arbeit des Instituts für Zeitgeschichte selbst, der Zensur außerwissenschaftlicher Organisationen zu unterwerfen“. Wenige Jahre danach wandte sich Staatssekretär Walter Strauß gegen die Publikation der Studie des amerikanischen Historikers Conrad F. Latour über die Südtirol-Politik zur Zeit der „Achse“ 1938 bis 1945, weil er unerwünschte außenpolitische Rückwirkungen befürchtete, wurde dabei aber von Hans Rothfels überspielt, der die Studie in der von ihm und Eschenburg herausgegebenen Schriftenreihe der VfZ brachte.

Viel ist über solche Vorkommnisse noch nicht bekannt. Wir müssen ihnen aber nachspüren und zugleich fragen, welche Themen in diesem politisch aufgeladenen Umfeld Priorität hatten. Was wollte man zuerst wissen und erforschen? Die Ursachen des Scheiterns von Weimar? Die Einschüchterung und den Terror im Dritten Reich? Den Weg in den Krieg und den Enthusiasmus, den die Volksgemeinschaftsverheißung und dann die militärischen Erfolge weckten? Die Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden? Wie weit reichte der Fragehorizont, und hatte er wirklich nur mit dem Erlebnisund Erfahrungshorizont der Historiker zu tun? Warum kam die Erforschung der Judenverfolgung trotz guter Vorsätze nicht voran? Immerhin hatte das Institut 1956 und 1959 dafür Zuschüsse der Rockefeller-Stiftung in Höhe von 38.000 Dollar erhalten, und immerhin hatte Walter Strauß schon 1952 verlauten lassen, dass dieses Thema dem „Bundeskanzler selbst sehr am Herzen“ lag. Auffallend oft tauchte der Widerstand gegen das NS-Regime – vorwiegend der konservative und militärische – auf der Forschungsagenda auf, was sicherlich auf Hans Rothfels zurückzuführen war, der selbst eine Geschichte des Widerstands geschrieben hatte und in den fünfziger und sechziger Jahren in den Gremien des Instituts eine dominierende Rolle spielte. War er allein die treibende Kraft oder äußerte sich in dieser Prioritätensetzung ein genereller nationaler Rehabilitierungsversuch, der auch politisch willkommen war?

Das meiste von den frühen Plänen blieb totes Papier. Die Praxis sah anders aus als das Programm, sie wurde vielfach von fehlenden Ressourcen bestimmt. Geld war immer wieder knapp und unsicher, die Zahl der meist prekär beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter gering, während die Anforderungen ständig stiegen. Bedürfnis und Bedarf nach Aufklärung und Orientierung waren groß, nicht zuletzt von Seiten der Justiz, die sich bis heute auf Gutachten des Instituts stützt; das wichtigste war das Gutachten zum Auschwitz-Prozess, das 1965 unter dem Titel „Anatomie des SS-Staates“ als Buch erschien und über Jahrzehnte als Standardwerk galt. An eigenständige Forschung in größerem Stil war daneben aber auch deshalb lange Zeit nicht zu denken, weil die Quellenlage problematisch war. Man musste sich anders behelfen und tat es, in dem man sich auf die Befragung von Zeitzeugen verlegte. Das Institut kam so fast automatisch mit zahlreichen Funktionsträgern des Dritten Reiches in Berührung, die ihre Sicht der Dinge hatten und damit nicht hinter dem Berg hielten. Welche Methoden kamen bei der Befragung zum Einsatz? Wie hoch schätzte man die Glaubwürdigkeit der Zeitzeugen ein? Bildeten sich Netzwerke zwischen Befragern und Befragten, und hatte es Folgewirkungen für die wissenschaftlichen Deutungen in Aufsätzen und Gerichtsgutachten, dass im Institut für Zeitgeschichte bald zahlreiche Generäle, Parteifunktionäre und hohe Beamte – ob mit oder ohne Widerstandsrecord – ausund eingingen? Die Perspektiven von Opfern des Nationalsozialismus waren den vielfach noch ganz unerfahrenen Forschern hingegen fremd. Man hielt sie für begrenzt und durch zu viele Emotionen getrübt – und bestritt ihren Wert. Auch jüdische Historiker litten unter dieser mangelnden Empathie und Akzeptanz. Joseph Wulf beispielsweise konnte und wollte nicht einsehen, dass man ihn für „subjektiv“ und „ressentimentgeladen“ hielt und warum „deutsche Betroffene, Zeitzeugen oder auch Historiker wie Broszat und Krausnick, `affektfreier` sein sollten als er“. Der Fall Joseph Wulf ist das sprechendste und das tragischste Beispiel für den damals offenkundig unüberbrückbaren Gegensatz zwischen selbstattestierter nüchterner Wissenschaftlichkeit und dem „mythischen Erinnern“, das man jüdischen Historikern und Zeitzeugen unterstellte. Man verstand einander nicht und redete aneinander vorbei. Selbst der berühmte Briefwechsel zwischen Saul Friedländer und Martin Broszat aus dem Jahr 1988 atmete noch viel von diesem Geist.

Insgesamt wissen wir viel zu wenig darüber, in welcher Weise biografische Prägungen damals den wissenschaftlichen Diskurs formatiert und die Grenzen der historischen Wahrnehmung markiert haben. Es ist Zeit, solche Defizite zu benennen und die angedeuteten Fragen zu stellen, die noch vielfach variiert werden könnten und sich im Übrigen nicht nur an das Institut für Zeitgeschichte, sondern in abgewandelter Form an die gesamte Zunft richten lassen. Der „Fall Eschenburg“ ist ein weiteres Indiz für diese Notwendigkeit. Der Rang des Instituts für Zeitgeschichte als führende Forschungseinrichtung ist hier Verpflichtung. Die schon vor Jahren begonnene Untersuchung der eigenen Geschichte ist dem IfZ weiterhin ein Anliegen und wird – nun auf breiterer Basis – bald in Angriff genommen.

Online-FORUM der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte

Hannah Bethke:

Stellungnahme zu dem Aufsatz von Udo Wengst „Der ‚Fall Theodor Eschenburg'“ (VfZ 3/2013)

Die aktuellen Diskussionen über den „Fall Theodor Eschenburg“ spiegeln für Udo Wengst, so ist seinem jüngsten Aufsatz zu entnehmen, das „Problem der historischen Urteilsbildung“. Insbesondere „politisch der Linken zuneigende Wissenschaftler“ neigten dazu, „das Handeln derjenigen, die in der NS-Diktatur – in welcher Funktion auch immer – ‚mitgemacht' und die im Nachhinein sich hiermit nicht in aller Öffentlichkeit auseinandergesetzt haben, aufgrund heutiger moralischer Maßstäbe zu beurteilen und zu verurteilen“. Damit sei „der Vorwurf der Apologie an diejenigen verbunden, die das jeweilige Leben in den historischen Kontext einbetten und auf dessen Epochen spezifische Umstände verweisen“.

Zum Kreis der „linken“ Wissenschaftler, die einen solchen Vorwurf erhöben, zählt Wengst in diesem Zusammenhang offensichtlich – ungeachtet aller Unterschiede unserer jeweiligen Forschungsansätze – Claus Offe, Rainer Eisfeld, Anne Rohstock und mich.

Hierzu ist zunächst zu sagen, dass die von Wengst getroffene Aussage schlichtweg falsch ist. An keiner Stelle habe ich jemandem vorgeworfen, apologetisch zu sein, weil er einen Sachzusammenhang in einen historischen Kontext einbettet. Das wäre ja auch absurd – niemand kann ernsthaft historische Forschung betreiben, ohne den Sachverhalt historisch zu kontextualisieren. Man kann diese Unabdingbarkeit historischer Kontextualisierung, wie Wengst es tut, als „historische Angemessenheit der Urteilsbildung“ bezeichnen. Die Frage ist allerdings, aus welchen Motiven hier etwas ins Zentrum der Argumentation gerückt wird, das ein selbstverständliches Kriterium jeder historischen Forschung ist. Steckt dahinter die Absicht, das eigene politische Urteil gleichsam wissenschaftlich abzusichern? Geht es um den Versuch, mit dem Hinweis auf die Relevanz historischer Kontextualisierung eine politische Relativierung zu erzielen? Sollen auf diesem Wege die Kategorien der Schuld und Verantwortung aufgeweicht werden?

Wenn man den Ausführungen von Wengst folgt, ist man geneigt, all diese Fragen mit „ja“ zu beantworten. Und so wäre auch gleich im Anschluss kritisch zu fragen: Was genau ist denn für ihn alles „historisch angemessen“? Wie sollen die Grenzen hier gezogen werden? Und welche Schlussfolgerungen sind aus einer solchen „historischen Angemessenheit“, die die „Epochen spezifische[n] Umstände“ berücksichtigt, zu ziehen? Wenn Hans Globke, den Theodor Eschenburg bekanntermaßen so vehement verteidigte, als Kommentator der Nürnberger Rassegesetze die Definition des „Achteljuden“ erfindet – ist das etwas, das ich nach dem Grundsatz der „historischen Angemessenheit“ nicht kritisieren darf, weil das die „epochenspezifischen Umstände“ nun einmal erfordert haben? Eschenburg war nachweislich an der Enteignung eines jüdischen Firmeninhabers beteiligt – urteile ich erst dann „historisch angemessen“, wenn ich seine Beteiligung mit dem Hinweis auf die historischen Umstände dieser Zeit zu relativieren versuche? Was ist denn mit all jenen, die im NS-Regime Widerstand geleistet und gezeigt haben, dass es Alternativen des Handelns gab – gehört das nicht auch zum historischen Kontext, der bei einer „historisch angemessenen Urteilsbildung“ berücksichtigt werden muss? Kann vor diesem Hintergrund die Rede von der Alternativlosigkeit des Handelns, die aus den Zwängen der NS-Diktatur erwachsen sei, noch „historisch angemessen“ sein?

Abgesehen von diesen offenen Fragen und unklaren Grenzziehungen wird in den Erörterungen Wengsts auch der Kausalnexus der Argumentation verdreht: Nicht die Tatsache der historischen Kontextualisierung steht im Blickpunkt der Kritik, wie Wengst behauptet, sondern es wird – wenn überhaupt – kritisiert, dass der historische Kontext als Argument für politische Relativierung instrumentalisiert wird. Hinsichtlich der konkreten Quellenlage zum „Fall Theodor Eschenburg“ und der bislang vorgetragenen Quelleninterpretationen schließt sich Wengst uneingeschränkt den Darlegungen und Thesen Hans-Joachim Langs an, der als Redakteur für die Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt arbeitet – eine Zeitung im übrigen, die aus ihrer großen Sympathie für ihren Lokalhelden Theodor Eschenburg nie ein Hehl gemacht hat. Wengst erkennt nicht, dass Langs Aktenfunde die Tatsache der Beteiligung Eschenburgs an der „Arisierung“ der Firma Wilhelm Runge & Co. keineswegs relativiert oder gar aufhebt – zwischen dem, was Lang in seinen Artikeln anführt, und der Argumentation, die ich in dem Gutachten vorgetragen habe, besteht kein kausaler Zusammenhang: Dass Eschenburg freundschaftlichen Kontakt zu Juden hatte, steht in überhaupt keinem Ausschlussverhältnis zu der Tatsache, dass er an der Enteignung Fischbeins beteiligt war; es verringert auch die Relevanz dieses historischen Tatbestands nicht, in den Eschenburg verstrickt war, sondern spiegelt lediglich die wenig überraschende Erkenntnis, dass Biographien – gerade wenn sie die NS-Zeit umfassen – oftmals Ambivalenzen enthalten. Und so ist auch die Behauptung, dass „viele Beteiligte an der Debatte“ über Eschenburg „vorschnell“ geurteilt hätten, zurückzuweisen.

Dasselbe gilt für den Vorwurf der „Voreingenommenheit“, den Lang unter Zustimmung von Wengst in diesem Zusammenhang ins Feld führt. Denn hier wird eine Frontstellung aufgemacht, die ein Relikt der 1950er Jahre ist und – so sollte man meinen – doch längst überwunden war: Die „erfahrenen“, „objektiven“, „unbefangenen“ (und selbstverständlich männlichen!) Historiker auf der einen Seite – und die selbstgerechten, linken, womöglich marxistisch inspirierten, in jedem Fall aber „voreingenommenen“, „unseriösen“, historisch ungebildeten und oftmals viel zu „jungen“ Wissenschaftler auf der anderen Seite. Mit dem „Pathos der Nüchternheit“ wird für sich selbst in Anspruch genommen, was der Gegenseite abgesprochen wird: die Fähigkeit zu einer historisch fundierten, wissenschaftlichen Kriterien genügenden, „objektiven“ Forschung. Mit Blick auf die Erforschung der NS-Zeit ist dabei interessanterweise zu beobachten, dass diejenigen, die das Monopol auf Objektivität für sich beanspruchen, in aller Regel dazu tendieren, im weitesten Sinne „NS-belastete“ Personen zu entlasten, während diejenigen, denen die Fähigkeit zu objektiver Forschung abgesprochen wird, zumeist genau diesen Personenkreis kritisieren.

In Bezug auf Eschenburg moniert Wengst zwar, dass jener eine „Vetoposition des Zeitzeugen“ für sich reklamiere und auch „seine Betrachtungen über das NS-Regime nicht frei von Exkulpationsbemühungen waren“, insgesamt aber hält er „eine neue Interpretation“ des Falls für unbedingt erforderlich. Als – ver-meintlich! – entlastendes Argument für Eschenburg führt Wengst an, dass Carl Langbehn, der später zum Widerstandskreis um Johannes Popitz gehörte,606 bei dem „Arisierungsverfahren“ eine maßgebende Rolle gespielt hat. In der Tat: Langbehn beugte sich nur scheinbar der NS-Diktatur und ermöglichte durch seinen Einsatz im Hintergrund zahlreichen Juden die Ausreise; über Eschenburg sagt das aber nichts aus. Richtig ist: Eschenburg und Langbehn kannten sich; im Rahmen des Enteignungsverfahrens trafen sie ja auch zwangsläufig aufeinander. Aber auch hier gilt: seine bloße Bekanntschaft mit Langbehn gibt uns keinerlei Informationen über Eschenburgs eigene Haltung in diesem Verfahren.

Wengst verweist des weiteren auf die von den Amerikanern Ende 1944 erstellte „Weiße Liste“, nach der Eschenburg „ein heftiger NS-Gegner“ gewesen sei. Auch dies ist kein ausreichender Beleg für eine erforderliche Neuinterpretation des Falls, denn es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt Eschenburgs Beteiligung an der „Arisierung“ noch nicht bekannt war. Was Eschenburgs Umgang mit der NS-Zeit nach 1945 betrifft, fügt Wengst schließlich noch hinzu, so möge dies aus heutiger Sicht zwar „als ungenügend erscheinen“, doch habe sich Eschenburg in dieser Hinsicht „nicht viel anders verhalten als die meisten seiner intellektuellen Zeitgenossen“. Auch dieses Argument überzeugt keineswegs, denn erstens wird das Problem dadurch nicht geringer und zweitens wurde im Unterschied zu Theodor Eschenburg nach den „meisten seiner intellektuellen Zeitgenossen“ auch kein Ehrenpreis benannt – denn das ist ja die Frage, die im Umkreis der DVPW diskutiert wird: Ob es zu rechtfertigen ist, ihren Ehrenpreis trotz des in Teilen belastenden Aktenmaterials, das über ihn vorliegt, weiterhin nach Eschenburg zu benennen.

Mit einer „Skandalisierung“, wie Wengst behauptet, hat diese Debatte jedoch nichts zu tun. Genauso wenig geht es mir um eine Kritik an historischen Vorgängen, die allein daraus resultiert, dass sie heute „nicht mehr zeitgemäß“ erscheinen609. Zur Diskussion steht nicht, ob Eschenburgs Demokratieverständnis „konservativ“ ist, sondern ob sein Name durch sein opportunistisches Verhalten in der NS-Zeit und seine fehlende öffentliche Auseinandersetzung damit nach 1945 so beschädigt ist, dass er keine Vorbildfunktion mehr einnehmen kann und es demzufolge auch schwierig wird, einen Ehrenpreis nach ihm zu benennen. Es geht dabei nicht, wie Wengst nahelegt, um eine Pauschalverurteilung, die aus einer ahistorischen Herangehensweise resultiert, sondern es geht um einen konkreten Einzelfall, über den konkretes Aktenmaterial vorliegt und aus dem – selbstverständlich unter Berücksichtigung des historischen Kontextes – Schlussfolgerungen für die (heutige) Bewertung dieses Falls gezogen werden können. Für Wengst scheint (immer und in jedem Fall) die Gleichung zu gelten: Kritik an „Mitläufern“ der NS-Zeit = „linke“ Wissenschaftler = voreingenommen = unhistorische Vorgehensweise = selbstgerechte Pauschalverurteilung. Dass er damit nachweislich falsch liegt, könnte ihm ein anderer „Fall“, nämlich der Fall Arnold Brecht, veranschaulichen, mit dem ich – die er ja offensichtlich zu den „linken“ und „voreingenommenen“ Wissenschaftlerinnen zählt – mich befasst habe. Denn auch Brecht hat sich kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten durchaus nicht mit Ruhm bekleckert; gleichwohl komme ich hier – eben weil es sich um einen ganz anderen konkreten Einzelfall handelt – zu einem völlig anderen Urteil als im Fall von Eschenburg. Mit Blick auf die von Wengst so hochgehaltenen hehren Grundsätze der Geschichtswissenschaft bleibt abschließend noch zu konstatieren: Jemandem in einem wissenschaftlichen Aufsatz „groß[e] Arroganz und Oberflächlichkeit“ nachzusagen, wie Wengst es in Bezug auf Claus Offe tut611, hat mit historischer und wissenschaftlicher „Angemessenheit der Urteilsbildung“ nichts mehr zu tun. Eine solche Polemik trägt nicht zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Sache bei, sondern erzeugt genau das, was Wengst der Gegenseite vorwirft: eine Skandalisierung.

 
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