Ökonomisch begründeter Antisemitismus als Basis der „Kalten Arisierung“? Eschenburg im Nationalsozialismus

Im Mai 1933 wurde er „Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Knopfund Bekleidungsverschlussfabrikanten e.V.“, der seinen Angaben zufolge „im Januar 1935 in die Fachuntergruppe Knopfund Bekleidungsindustrie in der Wirtschaft gruppe Bekleidungsindustrie umgewandelt wurde“. Gleichzeitig war Eschenburg auch „Geschäftsführer der Fachgruppe Schnitzund Formerstoffe verarbeitende Industrien der Wirtschaftsgruppe Holzverarbeitende Industrie und einiger Kartelle“. Zudem stand die Patent-Treuhand Gesellschaft für Reißverschlussfabrikanten unter seiner Leitung. Dass er aufgrund seiner „langjährigen Erfahrung“ in der Knopfund Reißverschlussindustrie die Stellen im Reichswirtschaftsministerium überhaupt zu besetzen in der Lage war, zeigt, dass das Jahr 1933 möglicherweise gar nicht als der tiefe Einschnitt in Eschenburgs Biografie gewertet werden kann. Zumindest seine zahlreichen Kontakte in die Industrie, die er sich bereits während seiner Zeit beim Hochschulring aufgebaut hatte, verweisen auf eine längere Kontinuität, auch wenn seine Arbeit nun noch einmal eine andere Ausrichtung erfuhr.

Teil von Eschenburgs Tätigkeit war die Beratung und Vertretung der Interessen von Firmen, die in seinem Geschäftsbereich produzierten, also insbesondere Knopfhersteller, Firmen der Feinmetallindustrie, Schwachstromlampenfabrikanten und Unternehmen der Kunststoffindustrie, insbesondere Betriebe, die Celluloidwaren herstellten. Als Geschäftsführer der Patent-Treuhandgesellschaft für Reißverschlussfabrikanten war er zudem dafür zuständig, den in dem Verband zusammengeschlossenen Betrieben in allen Fragen des gewerblichen Rechtsschutzes zur Seite zu stehen. Das hieß insbesondere „Schutzrechte zu erwirken“, gegen Verletzungen von Patentrechten vorzugehen sowie den „Wettbewerb zwischen den Mitgliedsfirmen insbesondere durch Festlegung von Verkaufspreisen und Kontingentierung des Absatzes zu regeln“.

Eschenburg war auf diese Weise nicht nur Teil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Als Fachmann für Patente und Kartelle war er von Beginn an auch international tätig. Das belegen seine zahlreichen Reisen durch ganz Europa, über die bislang jenseits episodenhafter Geschichten in Eschenburgs Memoiren kaum etwas bekannt war. Wie Recherchen insbesondere im Nationalarchiv in Stockholm ergeben haben, reiste Eschenburg im Auftrag des Reichswirtschaftsministeriums zwischen 1937 und 1944 jedes Jahr mindestens ein Mal nach Schweden und blieb zum Teil auch längere Zeit im Land; im Juli 1939 und im Januar 1943 etwa für je zehn Tage. Des Weiteren sind Reisen Eschenburgs nach Dänemark und in die Niederlande verbürgt. Auch in der Schweiz hatte Eschenburg mehrfach geschäftlich zu tun, wie die Visa-Einträge in seinem Pass belegen.

Diese internationale und offenbar auch gut bezahlte Tätigkeit als Patentund Kartellfachmann verweist bereits die zahlreichen anekdotenhaften Erzählungen, dass sich Eschenburg während des „Dritten Reichs“ mit so harmlos klingenden Erzeugnissen wie Knöpfen, Sicherheitsnadeln und Reißverschlüssen über Wasser gehalten habe, in das Reich der Legenden. Dass seine Tätigkeit alles andere als harmlos, ja dass er nicht einmal das „kleine Rädchen“ im Getriebe der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik war, als das er bislang bar jeder Quellenfundierung bezeichnet wurde, belegen bisher unbekannte, höchst brisante Dokumente aus dem Bundesarchiv in Berlin.

Wie wir durch die Recherchen von Rainer Eisfeld und Hannah Bethke wissen, war Eschenburg während seiner Tätigkeit im Reichswirtschaftsministerium in mindestens drei Fällen an der sogenannten Arisierung jüdischer Unternehmen beteiligt. Er hat also an der von den Nationalsozialisten millionenfach ins Werk gesetzten Enteignung deutscher und europäischer Juden zumindest mitgewirkt. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Während sich die bekannten Fälle alle auf die Zeit vor dem Krieg beschränken, erfuhren die Arisierungsbestrebungen der deutschen Wirtschaft mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch einmal eine ganz andere Dynamik. Insbesondere die besetzten Westgebiete wurden nun im Zuge der Auftragsverlagerung verstärkt in die Maßnahmen einbezogen, die die deutsche Wirtschaft ergriff, um sich auf Kosten jüdischer Unternehmen zu bereichern. Damit trat die seit 1938 betriebene „Arisierung“ deutscher und europäischer Betriebe in jüdischem Besitz oder Verwaltung ab etwa 1941 in eine neue Phase ein.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1933 waren die Reichsstelle für den Außenhandel und die ihr unterstellten deutschen Außenhandelsstellen mit der „Ausschaltung der Juden“ sowohl aus dem innerdeutschen als auch aus dem außerdeutschen Handel betraut. Die Reichsstelle konnte zu diesem Zweck auf eine Art „Judenkartei“ zurückgreifen, in der die Namen von jüdischen Unternehmen in ganz Europa aufgelistet waren. Mit der zunehmenden Expansion des Deutschen Reiches, das zeigen die Akten des Bundesarchivs, konnten diese Einrichtungen kaum noch die ihnen zugewiesenen Aufgaben erfüllen: In den besetzten Niederlanden etwa wurden 1941 mit einem Schlag 200 jüdische Betriebe, unter anderem auch aus der Knopfi dustrie, „arisiert“. Mehr noch als bisher waren die Reichsstelle und die Außenhandelsstellen deswegen auf die bereits eingespielte Zusammenarbeit mit den Gruppen der gewerblichen Wirtschaft, insbesondere den Prüfungsstellen und Vorprüfungsstellen angewiesen. Nur sie besaßen die notwendigen intimen Kenntnisse und den unabdingbaren Überblick über die „Gesamtausfuhr einer Branche“. Eschenburg, der für gleich zwei dieser Vorprüfstellen tätig war, wurde 1941 zusätzlich zum Mobilisierungsbeauftragten der Fachgruppe Schnitzund Formerstoffe verarbeitende Industrien ernannt. Als solcher war er zuständig für die Auftragsverlagerung in die besetzten Westgebiete.

In dieser Funktion wirkte Eschenburg maßgeblich und in mehreren Fällen an der Ausschaltung von jüdischen Betrieben aus dem Handel mit dem Deutschen Reich mit. Ihm oblag es, in Zusammenarbeit mit den Außenhandelsstellen und der Reichsstelle zu überprüfen, inwieweit Firmen in den besetzten Gebieten für den gemeinsamen Handel mit deutschen Unternehmen, deren Interessen Eschenburg vertrat, in Frage kamen. Dabei ging es insbesondere darum zu überprüfen, ob die ausländischen Firmen, mit denen die von ihm betreuten Hersteller zusammenarbeiten wollten, politisch und „rassisch“ zuverlässig waren. Eschenburg übermittelte in diesem Kontext selbst Anfragen an die Reichsstelle und beantwortete auch Anfragen der Reichsstelle. Inwieweit Eschenburg hier mit alten Bekannten aus Tübinger Tagen, etwa seinem Freund Paul Binder oder dem damaligen Diplomaten aus der Presseabteilung der Reichsregierung Oskar Wingen, der nun die Reichsstelle für Außenhandel leitete, kooperierte, muss offen bleiben.

Stellte sich im Zuge der Überprüfung heraus, dass die betreffende Firma einen jüdischen Besitzer hatte, riet die Reichsstelle dazu, jeden Kontakt abzubrechen. Das galt selbst für die Fälle, in denen der Besitzer Nichtjude, Kommanditisten und Teilhaber aber Juden waren. Eschenburg selbst hatte in seiner Position die Möglichkeit, die Belieferung jüdischer und „deutschfeindlicher“ Unternehmen durch deutsche Betriebe komplett sperren zu lassen, sobald ihm eine eindeutige Auskunft der Reichsstelle für den Außenhandel über die Herkunft des Unternehmers vorlag. Diese gewissermaßen „kalte Arisierung“, die jüdische Unternehmer vom Handel mit dem Deutschen Reich ausschloss, sie auf diese Weise aus dem Markt drängte und im schlimmsten Falle sogar ihre Existenzgrundlage zerstörte, ist bislang noch kaum Gegenstand der zeithistorischen Forschung gewesen.

Das Verfahren zur Überprüfung entsprach einer Art Regelanfrage, war als solche in höchstem Maße standardisiert und Teil alltäglicher Routine. Eschenburg benutzte einen Vordruck, um über die Abstammung der Firmeninhaber Auskunft zu bekommen. Allein vom 1. bis zum 30. November 1941 liefen auf diese Weise etwa 180 Anfragen über Eschenburgs Schreibtisch. Dass diese Zahl durchaus dem ungefähren Durchschnitt eines monatlichen „Arbeitsertrags“ entsprach oder sogar noch zu niedrig gegriffen ist, zeigt der Abgleich mit anderen Akten: Eine Auszählung für Oktober 1941 ergibt sogar eine Zahl von 314 Anfragen; hier ist zudem zu berücksichtigen, dass in der Akte nicht die gesamte Zeitspanne von vier Wochen erfasst ist.

Zeigt bereits die schiere Zahl, in welchem Maße Eschenburg in die Überprüfung eingebunden war, macht auch die räumliche Dimension deutlich, dass er alles andere als ein kleiner regionaler Vertreter von Bekleidungsverschlüssen produzierenden Firmen war. Die Anfragen, die Eschenburg stellte, betrafen Unternehmen in ganz Europa, ja zum Teil darüber hinaus. Eine Zusammenstellung auf der Basis der überlieferten Akten im Bundesarchiv belegt, dass Eschenburg Unternehmen in der Schweiz, Schweden, Slowenien, Kroatien, Dänemark, Frankreich, Bulgarien, Belgien, den Niederlanden, Italien, Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Spanien und in der Türkei überprüfte – ja selbst kubanische Firmen tauchen in den Akten auf. Die gesamte Korrespondenz war streng vertraulich; ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass die Weitergabe von Informationen sanktioniert werden würde. Auch das weist noch einmal auf die Bedeutung von Eschenburgs Arbeit hin.

Dieses System, das in erheblichem Maße auf die Kooperation mit einzelnen Firmen und Unternehmen vor Ort angewiesen war, öffnete der Denunziation Tür und Tor. Wollte ein mit Eschenburg zusammenarbeitendes Unternehmen einen Konkurrenten aus dem Markt drängen, bot es sich geradezu an, den Gewerbetreibenden als „jüdisch“ zu brandmarken. Im „schlechtesten“ Falle ermöglichte dieses Vorgehen die Ausschaltung eines Unternehmens aus dem Wettbewerb, im „besten“ Falle konnte sich der Inhaber der „arischen“ Firma sogar noch um die Übernahme des nun zu arisierenden Unternehmens bewerben.

Die Spielräume, die Eschenburg in diesem System hatte, scheint er nicht immer zugunsten jüdischer Unternehmer genutzt zu haben. Im Gegenteil: Kam es vor, dass die Reichsstelle für den Außenhandel seine Anfrage nicht beantwortete – was aufgrund der Überlastung häufiger der Fall war – insistierte Eschenburg auf die Beantwortung seiner Anfrage732. Dass er sich dabei offenbar ganz grundlegend als Vertreter deutscher Interessen in der Exportwirtschaft verstand, wird sehr deutlich. Ein besonders eklatanter Fall datiert aus dem Sommer 1941: Im August erhielt Eschenburg ein Schreiben der Reichsstelle, in dem das Referat das Ergebnis einer von Eschenburg initiierten Prüfung der dänischen Firma Knap-Union mitteilte. Es handele sich um ein „arisches“ Unternehmen, hieß es von Seiten der Reichsstelle eindeutig, die Zusammenarbeit mit der Firma sei mithin unproblematisch.

Eschenburg jedoch ließ nicht locker: Er bat um „nochmalig[e] Nachprüfung“, ob das Unternehmen nicht doch eine Tarnfirma sei, unter deren „arischem“ Deckmantel noch immer Juden Geschäfte betrieben. Als sich die Reichsstelle daraufhin offenbar nicht mehr meldete, ergriff Eschenburg erneut die Initiative. Ende Dezember 1941 ließ er sie sichtlich pikiert wissen, dass in der Korrespondenz mit besagter Firma „nach wie vor“ ein „Herr Seeliger“ unterschreibe, der weiterhin für das Unternehmen tätig sei. Von einer „Arisierung“, so Eschenburgs Vorwurf an die Reichsstelle, könne „unter diesen Umständen […] nicht gesprochen werden“. „Bereits einmal“, so Eschenburg weiter, habe er darauf hingewiesen, „dass diese Firma die Gründung eines emigrierten Juden ist, der seinerseits aus Deutschland bezogene Ware nach dritten Märkten weiter liefert und so den deutschen Ausführern Konkurrenz macht“. Dieses Unternehmen müsse, sobald das abschließende Prüfungsergebnis der Reichsstelle vorliege, umgehend von der Zuliefererliste der deutschen Firmen entfernt werden, so Eschenburg in seinem Statement.

Eschenburg war offenbar nicht gewillt, Juden, die die Belange der deutschen Exportindustrie vermeintlich konterkarierten, zu schützen. Vielmehr wurde er von sich aus aktiv und machte Druck auf seine vorgesetzte Stelle. Um die Interessen der deutschen Wirtschaft zu schützen, bediente er sich sogar antisemitischer Argumente. Offenbar machte er einen wesentlichen Unterschied zwischen Juden, die er persönlich kannte und schätzte und vergleichsweise „anonymen“ jüdischen Unternehmern, die die deutsche Wirtschaft in seinen Augen schwächten.

Obwohl diese Fälle zweifelsfrei belegen, dass Eschenburg massiv in die Enteignung der deutschen und europäische Juden im „Dritten Reich“ eingebunden und alles andere als ein „kleines Rädchen“ in der wirtschaftspolitischen Maschinerie des Nationalsozialismus war, ist das letzte Wort in der Causa Eschenburg noch nicht gesprochen. Inwieweit, so die Frage, war Eschenburg etwa in die Wehrwirtschaft eingebunden? Zumindest ansatzweise lässt sich bislang nachvollziehen, dass die von Eschenburg vertretenen Unternehmen auch die deutsche Luftwaffe belieferten. Zudem wissen wir so gut wie nichts über die Rolle, die Patente, Lizenzen und Schutzrechte bei der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen spielten. Wirkte Eschenburg an der Entziehung von Patenten mit, die, das belegen etwa die „Arisierungs“-Akten des Steiermärkischen Landesarchivs in Graz und des Prager Nationalarchivs, bei der „Bewertung“ der Unternehmen durch deutsche Wirtschaftsprüfer eine wichtige Rolle spielten? Vollkommen unklar ist darüber hinaus, ob Eschenburg auch in die Besatzungspolitik eingebunden und als Mobilisierungsbeauftragter für seine Fachgruppe in das System der Zwangsarbeit involviert war. Tatsächlich hatte Eschenburgs Gruppe Kontakte etwa in das Generalgouvernement und war dort an der Verteilung von Rohmaterialien beteiligt. Wie lässt sich schließlich das Handeln von Eschenburg und anderen Verwaltern der nationalsozialistischen Wirtschaft adäquat beschreiben? Eschenburg war vermutlich kein Nationalsozialist in einem engen ideologischen Sinne. Was aber, wie neuere Studien über den NS zu bedenken geben, wenn sich das Konstituens des Nationalsozialismus gar nicht ausschließlich in rassisch-ideologischem Denken und Handeln erschöpft? So hat Mark Roseman, einer der führenden Zeithistoriker in den USA, auf der von ihm organisierten Konferenz „Beyond the Racial State“ die These formuliert, dass die Forschung Rassismus als prägenden Faktor für die Ausgestaltung des NS-Staates bislang überbewertet habe und das „Dritte Reich“ auch von anderen Rationalitäten und Begründungszusammenhängen wie Nation, Religion oder Klasse bestimmt war741. An diesen Fragen muss künftig weitere Forschung ansetzen.

 
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