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Eine Zumutungsrede – ihre Wertung und Wirkung

War diese Zumutungsrede für die Zuhörerschaft ungerechtfertigt und ungehörig, so dass nun aus der Causa Eschenburg ein Skandal Claus Offe gemacht werden kann? Das ist in den zurückliegenden Monaten von einigen Kommentatoren in der regionalen und überregionalen Presse versucht worden. In den Artikeln Willi Winklers in der „Süddeutschen Zeitung“, Hans-Joachim Langs im „Tübinger Tagblatt“, Sybille Krause-Burgers in der „Stuttgarter Zeitung“ und Rüdiger Soldts in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ging es nicht nur darum, die Kritik an Eschenburg zurückzuweisen, sondern auch darum, diese Kritik auf den Kritiker zurückzurichten. Zwischen den Zeilen ist der Vorwurf nicht zu überlesen, dass Offe auf die Annahme des Preises hätte verzichten sollen, wenn er denn solche Probleme mit dem Namensgeber des Preises gehabt hatte.

Das halten wir für eine ungerechtfertigte Kritik, wie wir im Folgenden ausführen möchten, die den Zweck erfüllen soll, nicht mehr nur über Theodor Eschenburg, sondern über Claus Offe zu sprechen. Tatsächlich hat Claus Offe mit seiner gerade für den situativen Kontext persönlich mutigen Rede dafür gesorgt, dass jetzt eine notwendige Diskussion weitergeführt wird, die noch über die Frage hinausgeht, ob die DVPW ihren Wissenschaftspreis weiterhin nach Theodor Eschenburg benennen soll. Nicht nur Claus Offe ist öffentlich scharf angegangen worden, sondern auch Hannah Bethke, die im Auftrag der DVPW im vergangenen Sommer ein Gutachten erstellt hat, in dem das Verhalten Eschenburgs im Nationalsozialismus geprüft werden sollte. Vorstand und Beirat der Vereinigung hatten sich im Oktober 2011 zur Einholung einer gutachterlichen Expertise entschlossen, um die Ergebnisse zu überprüfen, zu denen der Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld gekommen war, und die bei einigen Mitgliedern der DVPW, die davon aus der Presse erfahren hatten, zu kritischen Nachfragen geführt hatten.

Eisfeld hatte in einem Zeitschriftenaufsatz nicht nur die schon bekannte Tatsache näher untersucht, dass Eschenburg für eine kurze Zeitspanne Mitglied der Motor-SS gewesen war, und dessen im ersten Band seiner Erinnerungen beschriebenen Rolle bei der Kampagne der schlagenden Verbindung Germania gegen den Pazifisten Emil Julius Gumbel kritisch mit den historischen Quellen konfrontiert. Zudem präsentierte er in seinem Aufsatz erstmalig Dokumente, die die Beteiligung Eschenburgs an einem Arisierungsverfahren gegen den Berliner Kunststoffunternehmer Wilhelm Fischbein belegen sollten. Eisfeld zufolge zeige sich in allen diesen Fällen, dass Eschenburgs publizierte Erinnerung daran „apologetisch getönt“ sei bzw. sich in Bezug auf seine Mitwirkung an der Arisierung des Unternehmens nichts in seinen Erinnerungsbänden oder anderen Quellen von ihm findet. Im Hinblick auf die Mitwirkung Eschenburgs an der Arisierung des Unternehmens von Wilhelm Fischbein bestätigt Hannah Bethkes Gutachten die Untersuchung Eisfelds in den wesentlichen Punkten und stützt damit die These, dass sich Eschenburg in seinem Berufsfeld überaus funktional im Sinne der Herrschaftsinteressen des NS-Regimes verhalten hat.

 
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