< Zurück   INHALT   Weiter >

Theodor Eschenburgs Verhalten während des „Dritten Reiches“

Die beschriebene Mitwirkung an dem Arisierungsverfahren ist ein Element der beruflichen Tätigkeit Eschenburgs während des „Dritten Reiches“, die denjenigen, die ihn nach 1945 als öffentliche Figur kannten, bis dato nicht bekannt waren. Wie ist sie zu bewerten? Die historische Forschung über den Nationalsozialismus hat mittlerweile sehr genau herausgearbeitet, welche herrschaftsstabilisierende Bedeutung die widerrechtliche Enteignung der jüdischen Bevölkerung hatte: Nicht nur die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen spielt hier eine wichtige Rolle, auch die sozusagen prophylaktisch erhobene Flüchtlingssteuer für die jüdische Bevölkerung, die zudem nach dem Novemberpogrom erhobene Judenvermögensabgabe („Judenbuße“), und schließlich die nicht anders als mörderischer Massenraub zu bezeichnende Aneignung des gesamten Besitzes – von finanziellen Sparguthaben, Depots, Wertpapieren, Immobilien über Möbel, Kleider, Bücher bis zu Fahrrädern, Nähmaschinen, Werkzeug. All dies trug dazu bei, das Regime aufrechtzuerhalten, indem durch den Zugewinn im staatlichen Etat die Steuern für die Bevölkerung verhältnismäßig niedrig gehalten werden konnten und Gebrauchsgüterlücken mit dem jüdischen Eigentum gefüllt wurden. Erst in den letzten Jahren sind die Akten der „Oberfinanzpräsidenten“, die bei den Steuerbehörden lagerten und in denen dieser Raub minutiös aufgezeichnet worden ist, für die Forschung zugänglich gemacht worden. Götz Aly spricht in diesem Zusammenhang von einer mehrheitsfähigen Gefälligkeitsdiktatur und zeigt auf, wie die NSDAP hier auf funktionstüchtige staatliche Behörden zählen konnte, die den Raub verwaltungsmäßig durchführten. Eschenburg spielte in diesem Prozess mit seiner Beteiligung an der Arisierung des Unternehmens von Wilhelm Fischbein als Verbandsfunktionär nur eine winzige Rolle, und es ist schwer, diese Rolle genauer einzuschätzen jenseits der bereits betonten allgemeinen herrschaftsstabilisierenden Funktion – aber eine Rolle hatte er. Von diesen Zusammenhängen war auch jenen Mitgliedern von Vorstand und Beirat der DVPW nichts bekannt, die sich 1999 dafür entschieden hatten, den neu eingerichteten Preis für das Lebenswerk einer Politikwissenschaftlerin oder eines Politikwissenschaftlers mit dem Namen Theodor Eschenburgs zu verbinden. Für den Vorstand standen die eingangs aufgeführten Gründe im Vordergrund, insbesondere Eschenburgs Rolle als Gründungsvater des Fachs durch sein Engagement für die Politische Bildung und seine mediale Prominenz – verbunden mit der verbandspolitisch motivierten Hoffnung, dass etwas von dieser Prominenz auch auf den Wissenschaftspreis der DVPW abfärben würde. Des weiteren wollte man ein verbandspolitisches Integrationssignal geben durch die Auswahl eines Kollegen aus dem liberalkonservativen Lager des Fachs, der Zeit seines Lebens der DVPW als Mitglied die Treue gehalten hatte – sogar in Zeiten, in denen andere die Gegengründung eines vom eigenen Anspruch her exklusiveren Fachverbands unternahmen, der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft. Auch die folgenden Vorstände und Beiräte der DVPW – zu denen die Verfasser dieser Zeilen seit 2006 gehörten – hatten bis zu der hier behandelten Debatte deshalb keine Veranlassung gesehen, diese Entscheidung in Frage zu stellen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >