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Claus Offes Dilemma – und sein Politikverständnis

Wie Claus Offe selbst in seiner Tübinger Rede publik gemacht hatte, zögerte er nach anfänglicher Freude über die angetragene Ehrung, den Preis anzunehmen. Noch im „Tausendjährigen Reich“ geboren, als Vertreter einer Generation, für die die Aufarbeitung des Zivilisationsbruchs des Holocaust wesentliches Movens ihres gesellschaftspolitischen Engagements gewesen ist, die in den 60er und 70er Jahren mit zahllosen kleinen und großen „Mitläufern“ wie auch vielen der Täter konfrontiert wurde, die in den politischen, rechtlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen der Bundesrepublik weiter Verantwortung trugen – ihn konnte die Antragung dieses Preises angesichts der im gleichen Zeitraum wie die Preisentscheidung zu datierenden publik gewordenen Vorwürfe gegenüber Eschenburg nur in ein Dilemma bringen. Einerseits konnte Offe in dem Namensgeber des Preises aus den bereits angesprochenen und gleich noch zu vertiefenden Gründen keine hinreichende Vorbildlichkeit erkennen. Andererseits ist der Wissenschaftspreis der DVPW aber kein Theodor-Eschenburg-Preis in dem Sinne, dass er in der Tradition des Werks des Tübinger Professors verliehen wird.

So sucht ja nicht etwa eine Erbenoder Schülergemeinschaft den Preisträger als Jury aus, und es wird auch nicht in der Begründung der Preisentscheidung das Werk des Ausgezeichneten mit dem Werk des Namensgebers in einen Zusammenhang gestellt, wie es ansonsten bei Preisen die Regel ist, die mit dem Namen einer Person verbunden sind. Sondern es ist der Preis der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, der als Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen einer Kollegin oder eines Kollegen verliehen wird. Diese Ehrung wollte Claus Offe nicht ausschlagen, auch aus Respekt vor der Fachvereinigung. Wäre der Preis nach Eschenburg benannt worden, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sich die Politikwissenschaft bewusst in die Tradition des Werks Eschenburgs stellt, dann wäre der Kreis der Preisträger von vornherein erheblich reduziert – Claus Offe hätte dann in keinem Fall dazu gehören können.

Offes Verständnis von Politikwissenschaft ist das einer sozialwissenschaftlichen Disziplin, die ihre Erkenntnisse stets in einer empirischund theoretisch-konzeptionellen Rückbindung abzusichern hat. Sozialwissenschaft soll so als eine kritische Wissenschaft gelten, die der Gesellschaft Beurteilungskriterien und ein Arsenal an Provokationen für deren normative Selbstreflexion zur Verfügung stellt. Darin mag er noch einig gehen mit seinem Preis-Vorgänger Wilhelm Hennis, für den die Politikwissenschaft durch ihren diagnostischen Blick ausgezeichnet sein sollte, der Medizin darüber hinaus auch durch den sorgenden Blick auf ihren Untersuchungsgegenstand verbunden – und denkbar weit entfernt von dem szientistischen Verständnis vieler heutiger Fachvertreter, deren Spiegeldisziplin eher in der Physik zu suchen ist. Galt Eschenburgs (und in mancher Hinsicht auch Hennis') Sorge vornehmlich der Gefahr der Unregierbarkeit des Staates, die er von der „Herrschaft der Verbände“ und einer „in Schwung gekommenen Partizipationshaltung“ einer selbstbewusst werdenden Zivilgesellschaft so sehr bedroht sah, dass er fürchtete, der Staat werde „zersetzt“,753 hat dagegen Claus Offe die Veränderungen liberaler Demokratien nicht primär negativ als den Untergang des Staates gedeutet, sondern aus der Perspektive einer vergleichenden demokratietheoretischen Analyse auch auf die gesellschaftspolitischen Reformpotentiale solcher Entwicklungen aufmerksam gemacht. Sein neben der Demokratietheorie zweites Lebensthema ist der Wandel der ökonomischen Beziehungen (mit dem Fokus auf Arbeit) und des modernen Wohlfahrtsstaates. Für seine Arbeiten zur Funktionsweise liberaler Demokratien, ihrer Voraussetzungen, Reformpotentiale und Gefährdungen sowie zum Wandel der Arbeitsbeziehungen in modernen Wohlfahrtsstaaten haben Vorstand und Beirat Claus Offe den Wissenschaftspreis verliehen, da er damit im Übrigen nicht nur in Deutschland, sondern auch international vielen Kolleginnen und Kollegen ein begrifflich-konzeptionell anregendes Instrumentarium zur Verfügung gestellt und viele weitere Forschung angeregt hat.

 
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