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Das Fach mit der „Gnade der späten Geburt“?

Im Vorfeld der Preisverleihung haben wir mit Claus Offe Gespräche über seine Schwierigkeiten geführt, den Preis anzunehmen. Auch einige Mitglieder artikulierten nach der Lektüre des Aufsatzes von Eisfeld Bedenken, an dem Namen des Preises in dieser Weise festzuhalten. Wir haben Claus Offe gegenüber klargestellt, dass, wie auch immer er sich entscheiden würde, wir seine Entscheidung respektieren würden; keinesfalls wollten wir ihn zu etwas drängen, was er mit sich selbst nicht vereinbaren könnte. Wir wollten aber auch nicht in Vorstand und Beirat eine Entscheidung herbeiführen, die ohne Beratungszeit und vor allem ohne eine breite Diskussion unter der Mitgliedschaft der Vereinigung auskäme – also bereits im Vorfeld des Tübinger Kongresses für oder gegen die weitere Verbindung des Wissenschaftspreises mit dem Namen Theodor Eschenburgs entscheiden.

Vor diesem Hintergrund hatten Vorstand und Beitrat der DVPW im Herbst 2011 zusammen mit dem Gutachterauftrag an Hannah Bethke beschlossen – und dies Claus Offe gegenüber auch dargelegt –, in jedem Fall den Tübinger Kongress dazu zu nutzen, eine Debatte in Gang zu setzen, die auch über Eschenburg hinausweisen solle und überhaupt das „Kontinuitätsproblem“ in der Politikwissenschaft zum Thema haben sollte. Denn die These von einem Fach mit der „Gnade der späten Geburt“, welches anders als seine Schwesterdisziplinen Soziologie, Geschichtsund Rechtswissenschaft die „Stunde Null“ nach 1945 tatsächlich erfahren habe – eben weil es sich als Universitätsfach um eine Neugründung handelte –, diese These kann im Lichte neuerer Forschungsergebnisse nicht aufrechterhalten werden. Tatsächlich waren die Gründerväter unseres Fachs nicht nur aus dem Exil oder der inneren Emigration wiedergekehrte Demokraten und Rechtsstaatsanhänger oder gar ehemalige Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime (wie z. B. Ernst Fraenkel, Richard Löwenthal, Siegfried Landshut, Otto Suhr, Wolfgang Abendroth oder Otto Heinrich von der Gablentz) , sondern es sind auch einige, wenn auch relativ zu anderen Fächern gesehen geringere personelle Kontinuitäten zum NS-System zu verzeichnen.

Das „Kontinuitätsproblem“ in der Politikwissenschaft

Neben dem schon seit längerem diskutierten ambivalenten und umstrittenen „Fall“ Bergstraesser zeigt sich zum Beispiel auch für den Kieler Fachvertreter Michael Freund, wie er sich auf das Regime eingelassen hat: als Mitglied der NSDAP, der Reichsschrifttumskammer, um deren Mitgliedschaft er zu einem sehr frühen Zeitpunkt nachsuchte, und als Verfasser einer Schrift über Georges Sorel, in der er diesen in eine ideologische Linie mit dem Nationalsozialismus stellte. Auch für Freund gilt es zugleich eine „Opfergeschichte“ zu erzählen – die venia legendi wurde ihm vom NS-Dozentenbund in Freiburg gleich wieder aberkannt, ein NS-Funktionär erwies sich als ein Intimfeind, der ihm Steine in den Weg legte, und anderes mehr. Aber für beide, Bergstraesser wie Freund, und auch für Eschenburg gilt, dass sie nicht das taten, was Hannah Arendt im im Zusammenhang der viel gebrauchten Rede von der „Inneren Emigration“ im Dritten Reich als „Nichtteilnehmen“ und „die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden“ erachtete: „sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten“. Das festzustellen, heißt nicht, das moralische Fallbeil auf die betreffenden Personen niedersausen zu lassen. Hier gilt der Hinweis von Claus Offe, dass die Aktenfunde nichts über die Motive, Zwänge und Ängste der Beteiligten aussagen. Was sich allerdings mit mehr Sicherheit beurteilen lässt ist, wie sich diese Gründerväter, die durch ihre wissenschaftliche Lehre und Forschung und ihre zahlreichen publizistischen Texte einen bedeutenden Beitrag zum Aufbau und zur Festigung der bundesdeutschen Demokratie geleistet haben, zu ihrer eigenen Vergangenheit verhielten, und auch, wie sie in Sonderheit das „Dritte Reich“ thematisierten.

Um die innerhalb verschiedener Kreise der Mitgliedschaft der DVPW ausgebrochenen Debatten über diese Fragen auf gemeinsamer Basis weiter führen zu können, wurde für den Tübinger Kongress ein Sonderplenum mit dem Titel „Deutsche Nachkriegspolitologen in der nationalsozialistischen Diktatur: Theodor Eschenburg, Michael Freund und Arnold Bergstraesser“ vorbereitet. Das Plenum war von vornherein nur als Zwischenetappe in der geschichtspolitischen Selbstverständigung der Politikwissenschaft gedacht. Insofern ist die Rede von Claus Offe in Tübingen ebenfalls ein Beitrag zu dieser Diskussion gewesen – wenn auch aufgrund des prominenten Status der Rede von besonderer Wirkungschance. Ein Sakrileg ist es in unserem Fach allerdings keineswegs, auch bei einem Festakt kritische und schwierige Fragen anzusprechen.

 
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