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Beschweigen in eigener Sache

In Eschenburg fanden solche Bemühungen um Vergangenheitsaufarbeitung keinen Unterstützer. Stattdessen hat er selbst solche Kollegen der Tübinger Universität, die vor 1945 die Rassetheorien des NS-Regimes lautstark verfochten hatten, öffentlich zu entschuldigen versucht und Studierende, die sich für die Biografien dieser Kollegen aus anderen Fächer interessierten, kritisiert. Derselbe Theodor Eschenburg hat, wie seine Schülerschaft berichtet, in politischen Debatten den Widerspruch gesucht und gewollt. Aber reicht dies als Ausweis von auch persönlicher Vorbildlichkeit aus, wenn über das, was wir in immer wieder neuen Anläufen analysieren müssen, nämlich wie es in Deutschland zum NS-Terrorregime, zu seiner Beständigkeit und dem Zivilisationsbruch des Holocaust kommen konnte, entweder geschwiegen wird oder aber alternativ die darin verstrickten Personen gerechtfertigt werden und diejenigen, die sich kritisch äußern, als unwissend in Bezug auf das spezifische „Ambiente“ des Regimes und seiner Zwangslagen dargestellt werden?

Anstatt als Politikwissenschaftler die Umstände seiner eigenen Lebensgeschichte zum Anlass einer kritisch wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Herrschaftsmechanismen des NS-Regimes zu nehmen, hat sich Eschenburg darum bemüht, Funktionäre und andere Mitläufer des NS-Regimes vor öffentlicher Kritik in Schutz zu nehmen. So hat er nicht nur über Tübinger Kollegen schützend die Hand gehalten. Er verteidigte auch die Rolle des damaligen Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt bei der Deportation von Juden aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden in das Konzentrationslager Ausschwitz. Auch Adenauers Kanzleramtsminster Hans Globke verteidigte er gegen jede Kritik an dessen Rolle als Kommentator der Nürnberger „Rassengesetze“ und Erfinder der Rechtskategorie des „Vierteljuden“. Und auch dem Reichsfinanzminister Johann Ludwig („Lutz“) Graf Schwerin von Krosigk hat Eschenburg in einer ausführlichen Rezension von dessen letztem Buch in der „Zeit“ ein glänzendes Leumundszeugnis ausgestellt.

Regierbarkeit statt individueller Verantwortung

In allen diesen Verteidigungen taucht ein Denkmotiv auf, dessen Analyse für die weitere zeithistorische Forschung über Eschenburg als einen der einflussreichen public intellectuals leitend sein sollte: der Respekt vor jenen Beamten, die „nicht aus Tradition oder Ideologie, sondern um ihrer amtlichen Funktion willen, eben der ‚Regierbarkeit' wegen, zum Autoritären neigten“. Schwerin von Krosigk war für Eschenburg „vor allem ein Etatspolitiker von Format“, der die NDSAP an der Regierung wissen wollte, weil die sie größte Partei war. Die Motivation des Reichsfinanzministers zur Unterschrift unter die Judenvermögensabgabe nach dem Novemberpogrom, mit der die jüdische Bevölkerung selbst für die Schäden aufkommen sollte, sah Eschenburg (in einer wie Anne Rohstock zu Recht hervorhebt „für einen Historiker ungewöhnlich quellenunkritischen Haltung“) in der Hoffnung, damit eine „Nacht der langen Messer“ gegen die Juden verhindern zu können. Schwerin von Krosigk sei dann durch Freunde gedrängt worden zu bleiben und er sei schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass mit seinem Ausscheiden nichts zu gewinnen sei, aber er so doch die Möglichkeit habe, manches zu mildern – „(d)as ist ihm gelegentlich auch gelungen“. Belege dafür führt Eschenburg hier nicht an. Man muss nicht die Kenntnis der heutigen Forschung über die fiskalische Ausplünderung haben, um sich die Absurdität solcher Bewertungen vor Augen zu führen. Götz Aly hat in seinen Forschungen über Graf Schwerin von Krosigk festgehalten, dass er „höchst persönlich und mit ausgesuchter Sorgfalt darauf achtete, alles zu verstaatlichen, was den Ermordeten weggenommen wurde […] Was immer Schwerin von Krosigk über Juden im Allgemeinen gedacht haben mag, er kalkulierte das Verschwinden der Enteigneten auf Nimmerwiedersehen ein. Mehr noch: Lange bevor die Entscheidungen über den Mord an den europäischen Juden getroffen worden waren, erfanden Schwerin von Krosigk, Fritz Reinhardt und die Spitzenbeamten des Finanzministeriums immer neue Wege, die Juden bis zu dem Punkt zu enteignen, an dem sie schließlich zu Habenichtsen wurden und ‚dem Staat zu Last fallen' mussten. Die Fachbeamten im Finanzund Wirtschaftsministerium waren es, die mit ihren fortwährend verschärften Devisenvorschriften und Enteignungstechniken die Flucht vieler unmöglich machten. […] Die Fachleute balancierten die in ihrer Grundkonstruktion haltlose NS-Herrschaft an zentralen Punkten aus – jeweils nur notdürftig und improvisiert, doch ausreichend für fast zwölf Jahre des Aufrüstens, Zerstörens und Vernichtens“.

Theodor Eschenburg hat das Problem der individuellen Verantwortung der von ihm im Sinne der Regierbarkeit so geschätzten Fachbeamten für das Funktionieren des NS-Regimes nicht zum Thema gemacht. Stattdessen hat er auf die bürokratischen Sachzwänge und die Zwangslagen der Hitler-Diktatur verwiesen, in denen sich die Kritisierten jeweils befunden hätten – verbunden mit dem Hinweis nicht nur auf ihre fachliche Kompetenz, sondern auch auf persönliche Integrität. Ihren Kritikern hat Eschenburg vorgehalten, dass sie aus politischen Motiven unsachgemäß argumentieren würden. Gleichzeitig hat Eschenburg in seinen Lebenserinnerungen versucht, durch Verharmlosungen und Auslassungen seine politische Vergangenheit vor 1945 in Richtung rechtstaatlicher Demokratie zu glätten und die politische Bedeutung seines eigenen Verhaltens während des Nationalsozialismus soweit wie möglich als gering einzustufen.

Ein solcher Umgang mit der eigenen politischen Vergangenheit war für viele Deutsche nach 1945 der Regelfall – in besonderer Weise respektwürdig ist er deswegen aber nicht. Dies gilt vor allem für Angehörige der Disziplin Politikwissenschaft und deren demokratiewissenschaftliches Grundverständnis.

Die politikwissenschaftliche Vorbildfunktion von Eschenburg ist also vor allem deshalb als beschädigt anzusehen, weil er nach 1945 sowohl in seinem politikwissenschaftlichen Werk als auch in seinen politisch-pädagogisch inspirierten Lebenserinnerungen durchgehend darauf verzichtet hat, die vor dem Hintergrund seiner eigenen Rolle während des Dritten Reiches zentrale Frage zu thematisieren, wie das Problem individueller politischer Verantwortung im Getriebe des NSRegimes moralisch und politikwissenschaftlich zu beschreiben und zu bewerten ist. Gewiss, Vorbildlichkeit bedeutet nicht Tadellosigkeit – aber eine analytische und nicht apologetische Herangehensweise an Geschichte verlangt, sich gegebenenfalls selbstkritisch mit dem eigenen Verhalten öffentlich auseinanderzusetzen, und sie verlangt in jedem Fall kritische Reflexionsfähigkeit. Daher sind wir der Auffassung, dass sich die DVPW für ihren Wissenschaftspreis von dem bisherigen Namensgeber trennen sollte.

Ekkehart Krippendorff:

 
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