(Politik-) Wissenschaft und Nationalsozialismus vor 1945

In der aufgeheizten Debatte ist völlig untergegangen, dass ich auf den Eingangsseiten meines ersten ZfG-Aufsatzes Eschenburg von einem Vorwurf entlastet habe, der 2010 in der Untersuchung Das Amt und die Vergangenheit gegen ihn erhoben worden war: Er habe als kurzzeitiger Abteilungsleiter beim Deutschen Büro für Friedensfragen 1947 „geholfen, offensichtlich kompromittierten Bewerbern den Weg in die Bundesverwaltung zu ebnen.“ Um dies zu überprüfen, habe ich eigene Recherchen im Bundesarchiv angestellt. Feuriger Eifer also? Leidenschaftlicher Enthüllungs-Furor gar?

In meiner wissenschaftlichen Entwicklung hat Eschenburg nie, ob positiv oder negativ, die geringste Rolle gespielt (meine akademischen Lehrer waren Christian Graf von Krockow und Iring Fetscher). Ich war und bin gänzlich desinteressiert daran, Eschenburg persönlich anzugreifen. Erkennbare Probleme, sachliche Distanz zu gewinnen, haben andere Teilnehmer dieser Debatte – offenbar auch als Folge tief verankerter persönlicher Loyalitäten.

Wie der Untertitel meines ersten und der Inhalt beider ZfG-Aufsätze zur Genüge belegen, ging und geht es mir um drei zentrale Fragen: erstens um die teilweise personelle Anknüpfung der westdeutschen Nachkriegspolitologie an die „braune“ Periode (NS-Kontinuität); zweitens um die Beiträge konservativer Facheliten zum Funktionieren des nationalsozialistischen Regimes (NS-Kollaboration); drittens um die Alternative „eigene Benennung von Mitverantwortung oder Selbstentlastung durch Schweigen und Lügen“ nach 1945 (NS-Vergangenheitspolitik).

Mit diesen Sachfragen habe ich mich seit den frühen 1990er Jahren befasst. Daraus sind (neben vielen kleineren Arbeiten) zwei archivgestützte Monographien hervorgegangen. Erstens, 1991, Ausgebürgert und doch angebräunt. Deutsche Politikwissenschaft 1920-1945. In die erweiterte Ausgabe von 2013 habe ich Kapitel zu Theodor Eschenburg und Michael Freund aufgenommen. Wenn die jahrelange Debatte über die Rolle der deutschen Politikwissenschaftler vor 1945 an Krippendorff vorbeigegangen ist,810 dann liegt darin offensichtlich kein Manko der Disziplin. Die ursprüngliche Fassung meiner Studie war Ergebnis eines Forschungsprojekts, das von der Volkswagen-Stiftung durch ein Akademie-Stipendium unterstützt wurde. Bereits im Beantragungsverfahren zeichneten sich Auseinandersetzungen von der Art ab, wie sie bis heute anhalten: Eins der beiden eingeholten Gutachten sprach sich für, das zweite gegen den Antrag aus. Den Ausschlag gab ein drittes Gutachten. Darin bekundete Kurt Sontheimer seine „volle Unterstützung“ für das Vorhaben. Denn: Sontheimer standen noch die Umstände vor Augen, unter denen drei Jahrzehnte zuvor ein Buchmanuskript abgelehnt worden war, das er dem Institut für Zeitgeschichte zur Veröffentlichung vorgelegt hatte. Nach Einwänden von Werner Conze und Hans Rothfels urteilte der nationalistisch-machtstaatlich gesinnte Staatsund Völkerrechtler Erich Kaufmann in einem weiteren, vom IfZ eingeholten Gutachten über Sontheimer, er lasse „jegliche Fähigkeit [vermissen], den Stoff seines Themas wissenschaftlich zu analysieren.“ Dabei handelte es sich bei Sontheimers Manuskript um nichts weniger als die nach Erscheinen bis heute als Standardwerk wahrgenommene Untersuchung Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik.

Die zweite archivgestützte Monographie, die 1996 aus meiner Beschäftigung mit den zuvor erwähnten Fragen entstand, hieß Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Die Studie belegte die aktive – keineswegs nur passive – Verwicklung Wernher von Brauns und weiterer leitender V 2-Konstrukteure in das Sklavenarbeitsprogramm des NS-Regimes: KZ-Häftlinge waren in Peenemünde, im unterirdischen Mittelwerk bei Nordhausen und an anderen Orten als Zwangsarbeiter zur Serienfertigung der Rakete gezwungen worden und zu Tausenden umgekommen.

Die Untersuchung beschrieb die Peenemünder Versuchsanstalt als Mikrokosmos des „Dritten Reiches“ – tief verstrickt in die Funktionsund die Herrschaftsmechanismen des NS-Regimes. Und sie zeigte, dass es zur Ausbeutung der Häftlinge des Antisemitismus gerade nicht bedurfte – denn bei denen, die von Ingenieuren angefordert und ausgebeutet wurden, handelte es sich ganz überwiegend um Rus-sen und Polen, Franzosen, Belgier, Niederländer, Italiener, um deutsche Sinti und Roma, Sozialdemokraten und Kommunisten. Es genügte, dass man sich intensiv mit der eigenen Aufgabe identifizierte und dass der „starke Staat“, den man ersehnt hatte, die Durchbrechung humaner Grenzen freigab, ja regelrecht dazu aufrief.

Am präzisesten unter allen Rezensionen (von FAZ und Zeit bis Süddeutscher und Neuer Zürcher Zeitung) traf vielleicht die Politische Vierteljahresschrift den Zusammenhang, um den es mir ging: „Nichts spricht dafür, dass an v. Braun eine höhere moralische Messlatte anzulegen wäre, als an alle anderen Führungskräfte jener Zeit im Deutschen Reich. Diese Durchschnittlichkeit der Person v. Braun allerdings kann Eisfeld präzise nachweisen, und deshalb ist sein Buch eminent wichtig. Wernher von Brauns Erfolg alleine reicht eben nicht aus, um ihn gegen die Verantwortung für sein konkretes Tun zu immunisieren.“

 
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