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Theodor Eschenburg und die Vorgänge von 1938

In einem ähnlichen Mikrokosmos des „Dritten Reichs“ bewegte sich Theodor Eschenburg – seit 1933 Leiter der Geschäftsstelle der Knopfund Bekleidungsverschlussindustrie wie der Geschäftsstelle Schnitzund Formerstoffe („Schnitzform“) der Wirtschaftsgruppe Holzverarbeitende Industrie..

Seit Ende 1937 war die forcierte „Entjudung“ der deutschen Wirtschaft vorbereitet worden. Sie begann auf formalem Weg im April 1938 mit der Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens, die jüdischen Deutschen zugleich verbot, Betriebe zu erwerben oder neu zu eröffnen. Nach dem Einmarsch in Österreich (März 1938), dem sich wochenlange pogromartige Drangsalierungen von Juden vor allem in Wien anschlossen, nahmen soziale Diffamierung und Entrechtung der deutschen Juden zwischen April und September 1938 drastisch zu.

Bereits seit der Aprilverordnung kam die „Raubmaschinerie“ der Zwangsverkäufe jüdischer Unternehmen „auf Touren“. Eine besonders forcierte Enteignungswelle traf unter der Parole „Ausmerzung der Konfektionsjuden“ die Textilbranche – als Folge eines Propagandafeldzugs der „Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie“. Wirtschaftskammern und -gruppen, bestrebt, die Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft „einigermaßen ökonomisch-sachlich zu lenken“, waren mit der „Arisierungs“-Praxis regelmäßig befasst.

Wie zwei neue Dokumentenfunde belegen, schlug das antisemitische Klima, das der „Arisierungs“druck „von unten“ wie „von oben“ schuf, sich unmittelbar nieder in der Arbeit der von Theodor Eschenburg geleiteten Geschäftsstelle der Knopfund Bekleidungsverschlussindustrie:

Am 21. Januar 1938 versandte Eschenburg „auf Veranlassung der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie“ an die „arische[n] Mitglieder in Berlin“ eine Einladung zum „Kameradschaftsfest der deutschen Bekleidungsindustrie“, geplant für den 18. 2. 1938 „im Marmorsaal des Zoo mit sämtlichen Nebenräumen“. Schlusssätze:

„Zu der Veranstaltung haben selbstverständlich nur Arier Zutritt. Heil Hitler! Die Geschäftsstelle, gez. Dr. Eschenburg.“

Das zweite Dokument stammt von 1944, bezieht sich jedoch auf die Phase nach dem „Anschluss“ Österreichs. Es handelt sich um eine Anfrage der „böhmisch- mährischen“ Fachgruppe Ausstattungsund Bekleidungszubehör-Industrie vom 26. Januar 1944, gerichtet „an die Fachuntergruppe Knopfund Bekleidungsverschlussindustrie, z. H. d. h. Dr. Th. Eschenburg“ in Berlin. Gegenstand sind Reißverschlussmaschinen einer tschechischen Fabrik, die „laut Angabe dieser Firma ein Herr B. vor Jahren aus jüdischem Besitz in Wien erworben“ habe. Die Antwort vom 15. Februar 1944 ist überliefert als Durchschlag auf Kohlepapier. Grußformel und maschinengeschriebene Unterschrift lauten: „Heil Hitler! Fachuntergruppe Knöpfe“ (ohne zusätzliche Namensnennung; die Anfrage war, wie erinnerlich, an Eschenburg gerichtet). „Die Firma Auerhahn ist liquidiert“, heißt es in der Erwiderung. „Die Maschinen sind durch unsere Vermittlung von der Firma Max B., Wien, erworben worden.“

Zur Klarstellung: Die Einladung vom Januar 1938 stempelt Eschenburg nicht zum Antisemiten. Wahrscheinlich wurde der Text bei der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie entworfen und von Eschenburg an seine Fachuntergruppe weitergegeben. Ebenso begründet die – vermutlich ebenfalls auf 1938 bezogene – Mitteilung von 1944 („durch unsere Vermittlung“) noch keine persönliche Beteiligung Eschenburgs an einer „Arisierung“ in Wien. Beide Dokumente belegen jedoch, dass die Geschäftsstelle, in der Eschenburg leitend tätig war, routinemäßig mit der sozialen Diskriminierung und wirtschaftlichen Ausplünderung deutscher wie österreichischer Juden befasst war und daran mitwirkte.

Wie vergleichbare Einrichtungen zu jener Zeit stellte jede derartige Stelle unweigerlich einen Mikrokosmos der „rassistischen ‚Volksgemeinschaft'“ dar, in die das NS-Regime die deutsche Gesellschaft transformiert hatte.825 Er lieferte das Umfeld, innerhalb dessen Theodor Eschenburg – wie sogleich zu zeigen sein wird – mit mündlich wie schriftlich dem Reichswirtschaftsministerium übermittelten Vorschlägen und Mitteilungen mitwirkte beim sukzessiven Prozess der Beraubung eines deutschen Juden.

Dabei geht es sich darum, welchen Einfluss Eschenburg auf den Ablauf des „Arisierungs“vorgangs ausübte. Offenkundig beschränkte sein Part sich auf die Beraterrolle des hinzugezogenen Verbandsfunktionärs. Die Entscheidungen trafen andere. Von Belang ist, wie er sich in seiner Rolle verhielt – mit welchen tatsächlichen oder potentiellen Folgen für den Betroffenen –, sprich: wie weit er sich in den Dienst des NS-Staats stellte und wie aktiv oder zurückhaltend er dessen Interessen vertrat.

 
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