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Eschenburgs Konzentration auf „Funktionalität“ und „Effektivität“

Am Beispiel Peenemündes habe ich dargelegt, auf welche Weise ein NS-bestimmter Mikrokosmos der skizzierten Art verhaltensprägend wirken konnte – zumal wenn Grundeinstellungen hinzukamen, die Ulrich Herbert als „moralentleerten Utilitarismus“ einerseits, „Obrigkeitshörigkeit“ andererseits charakterisiert hat. Im Fall Eschenburgs trat die Brisanz eines politischen Denkens zu Tage, dem Udo Wengst attestierte, es habe sich konzentriert auf die „Funktionalität“ und „Effektivität“, auf den „Herrschaftscharakter“ des politischen Systems – mit anderen Worten, auf den starken Staat.

Hans-Joachim Lang und Michael Naumann haben geäußert, Eschenburg sei weder Nazi gewesen (Naumann fügt ein Caveat ein: kein „überzeugter ‚Nazi' im engeren Wortsinn“) noch Antisemit (wiederum formuliert Naumann vorsichtig: kein „überzeugter Antisemit“). Doch niemand hatte zuvor das eine oder andere behauptet, und im konkreten Zusammenhang ist beides irrelevant.

Erstens steht, wie ich in meinen ZfG-Aufsätzen zur Genüge herausgearbeitet habe, keine praktizierte NS-Gesinnung zur Debatte, sondern ein Fall von konservativer – mit Eschenburgs Begriff aus dem Fazit seiner Dissertation von 1929: von „staatskonservativer“ – Kollaboration. Mit dem „Nazi“-Etikett versehen, wurde in der jüngsten Debatte ein Pappkamerad aufgebaut und anschließend demontiert, in der Hoffnung, damit zugleich die Wirksamkeit der tatsächlichen Kritik zu schmälern. Auch durch Hinweise Krippendorffs und Anderer auf freundschaftlichen Umgang Eschenburgs mit einer Reihe von Juden lässt sich dessen Verhalten als Verbandsfunktionär nicht aus der Welt interpretieren. Udo Wengst hat sich davon gar zu der Spekulation verführen lassen, auch Eschenburgs „Verhalten im genannten Arisierungsfall“ müsse „möglicherweise ganz anders bewertet werden, als dies bisher geschehen ist.“ Und Hans-Joachim Lang hat suggeriert, Eschenburg habe überhaupt nicht an dem „Arisierungs“verfahren, sondern „nur“ bei der Reisepass-Entscheidung mitgewirkt. Doch das alles erwies sich – bei genauerer Nachprüfung – als bloßes Wunschdenken.

Eschenburg war Anfang 1937 in der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie zusätzlich als Beauftragter der Prüfungsstelle für die Fachuntergruppe Knopfund Bekleidungsverschluss-Industrie berufen worden.834 Derartige Prüfungsstellen waren zuständig für Fragen der Preis-, Markt-, Exportbzw. Importbeobachtung und -kontrolle. Zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt folgte die weitere Berufung als Beauftragter der Vorprüfstelle „Schnitzform“ (zu der Abkürzung siehe oben). In dieser Eigenschaft wurde Eschenburg Ende 1938 bei der anstehenden „Arisierung“ des Berliner Betriebs Wilhelm Runge & Co. tätig, dessen Inhaber, Wilhelm Fischbein, jüdischen Bekenntnisses war.

Die Firma war 1934 zur Herstellung von Kunstharzund Zellulose-Erzeugnissen in Köln gegründet worden. Fischbein, zuvor Abteilungsleiter bei der I. G. Farben, stellte das Kapital zur Verfügung, Wilhelm Runge seinen Namen. Er schied 1935 als nomineller Inhaber aus, blieb aber Firmenangestellter. Eine Filiale des Unternehmens wurde in Berlin errichtet. Weil die verwendeten Materialien als devisensparende Ersatzstoffe galten, erfolgte Ende 1937 ungeachtet der jüdischen Konfession Fischbeins die Aufnahme der Produktion in den Vierjahresplan (die Entscheidung traf der Leiter des Rohstoffamts, Generalmajor Fritz Löb). Mitte 1938 setzten im Reichswirtschaftsministerium (RWM) jedoch Überlegungen ein, Fischbein zu enteignen.

Nach eigenem Bekunden hatte Eschenburg von Amts wegen „sowohl die Produktionsals auch die Absatzentwicklung“ des Unternehmens „aufmerksam verfolgt“. Der Grund lag darin, dass dessen Erzeugnissen – insbesondere auf der Basis eines neuartigen, Neocell genannten Kunststoffs – gute Exportchancen eingeräumt wurden. Wie ich früher dargestellt habe, zog die „Arisierung“ sich in die Länge, weil eine englische Bankengruppe, bei der die Firma sich erheblich verschuldet hatte, sowohl an deren Auslandspatenten wie an der Tochtergesellschaft Lozalit AG., welche die Neocell-Fabrikation betreiben sollte, eine Minoritätsbeteiligung von 49 % hielt. Eine Beschlagnahme der Auslandspatente durch den Gläubiger hätte künftigen deutschen Neocell-Ausfuhren einen Riegel vorgeschoben. Zu den im RWM wiederholt erörterten Fragen gehörten die Gewährung eines Zwischenkredits zur Unterstützung der Firma sowie Fischbeins Auslandsreisen mitsamt der Frage, ob dem „Juden“ dauerhaft der Reisepass zu verweigern sei.

Auszüge aus Vermerken des zuständigen RWM-Referenten betr. „Neocell Runge & Co. – Lozalith A.G.“, angefertigt am 9. 11. 1938 (die Spiegelstriche sind zur Verdeutlichung eingefügt):

„3) Besprechung mit Herrn Assessor Dr. Schütt (V Dev.) vom 1. 11. 1938:

… Es wurde mit Dr. Schütt vereinbart, das Polizeipräsidium, Fremdenamt, alsbald um die Einziehung des für Fischbein ausgestellten Auslandspasses zu bitten.

4) Besprechung mit Dr. Eschenburg (Prüfungsstelle Holzverarbeitende Industrie) vom 1. November 1938:

- Dr. Eschenburg hält die Neocell-Fabrikate für einen ausgezeichneten Exportartikel… Er bittet deshalb darum, das Verfahren als solches auf jeden Fall in weitestgehendem Maße zu fördern. Herr Eschenburg hält es jedoch ebenfalls für erforderlich, zunächst die Arisierungsfrage schnellstens zu lösen.

- Da Fischbein bereits davon unterrichtet ist, dass das Unternehmen erst nach Durchführung der Arisierung mit einer weiteren Unterstützung durch das Reich rechnen kann, besteht nach Ansicht von Dr. Eschenburg die Gefahr, dass Fischbein sich in das Ausland begibt und dort mit Unterstützung seiner ausländischen Geldgeber ein neues Unternehmen aufzieht. Dr. Eschenburg hält ebenfalls die alsbaldige Einziehung des Passes für erforderlich.

- Dr. Eschenburg erklärte noch, dass Fischbein in der vergangenen Woche in Liverpool gewesen sei und dass man ihm dort, wie ihm, Dr. Eschenburg, zu Ohren gekommen sei, einen Angestelltenposten angeboten habe…

- … Für die Durchführung der Arisierung nannte Dr. Eschenburg zwei Firmen, die im Exportgeschäft als besonders rührig bekannt sein sollen. Er wird uns die genauen Anschriften dieser Firmen noch angeben und auch eingehende Vorschläge für die Lösung der Arisierungsfrage einreichen. -

5) Ich habe am 1. November vormittags den Oberinspektor K.838 vom Polizeipräsidium angerufen und ihn gebeten, den für Fischbein ausgestellten Auslandspass einzuziehen, da das Reichswirtschaftsministerium an den Auslandsreisen des Juden Fischbein kein Interesse mehr habe…“

…10) Besprechung bei Herrn ORR. Dr. Reinbothe vom 4. November 1938:…

- …Dr. Eschenburg lässt seinen Standpunkt, dass dem Juden Fischbein weitere Auslandsreisen für die Lozalit A.G. unmöglich gemacht werden müssten, fallen. Er ist der Ansicht, dass unter allen Umständen eine Regelung angestrebt werden müsse, bei der die Exportmöglichkeiten nicht beeinträchtigt würden…“

Auszüge aus einem Brief Theodor Eschenburgs an das RWM vom 8. 11. 1938:

„Betreff: Ausstellung eines Reisepasses für den Juden Wilhelm J. Fischbein. (Lozalit AG – Neocell)…

- … Die Tatsache, dass Fischbein seit der Leipziger Messe fast unaufhörlich im Auslande weilte, der Absatz in Neocellwaren dagegen nur unbedeutend stieg (die Firma hat seit September 1937, d. h. seitdem diese Ware erstmalig auf den Markt kam, insgesamt nur für RM 19.000,-Neocellwaren exportiert), gab zu der Vermutung Anlass, dass Fischbein unter dem Vorwand, Exportaufträge hereinzuholen, unter Benutzung deutscher Devisen im Auslande Fabriken für diesen Artikel einrichtete, um sich selbst eine neue Existenzbasis zu schaffen. Ich gab hiervon dem Reichswirtschaftsministerium (Herrn von Borries) vorsorglich Kenntnis… Inwieweit dieser Hinweis entscheidend war für den Passentzug von Fischbein, entzieht sich meiner Kenntnis…

- … Nachdem ich die Ausführungen… in der Sitzung vom 4. 11. 38 gehört und die mir zur Verfügung stehenden Unterlagen geprüft habe, nehme ich zu dieser Angelegenheit wie folgt Stellung:

Ich habe weder gegen die Ausstellung eines neuen Reisepasses für Fischbein noch dagegen, ihm die Ausreisegenehmigung zu gegebener Zeit zu erteilen, Bedenken…

[Es folgte eine Anzahl wirtschaftlicher Gründe, wobei Eschenburg vor allem die Interessen der britischen Gläubiger hervorhob. Fazit:] Ich bin der Auffassung, dass die ganze Angelegenheit mit größter Vorsicht behandelt werden muss, da hier außerordentlich große wirtschaftliche Werte auf dem Spiel stehen… Es liegt daher auch im dringenden Interesse des Reichs – sowohl aus Gründen des Vierjahresplans als auch des Exports – den Betrieb auf jeden Fall aufrecht zu erhalten.“

Auszug aus einem Vermerk des zuständigen RWM-Referenten, angefertigt am 15. 11. 1938:

„Der Jude Fischbein sprach am 14. November 1938 bei mir vor und erklärte, dass er von sich aus die Arisierung schnellstens vorwärts treiben werde… auf Grund der Entwicklung in der Judenfrage, die in den letzten Tagen eingetreten sei…

Ich stellte Herrn Fischbein anheim, sich deshalb noch einmal mit Dr. Eschenburg in Verbindung zu setzen, der mir vor einigen Tagen außer der IG.-Farben noch zwei weitere Firmen genannt hat, die möglicherweise für die Übernahme in Betracht kommen. Fischbein wird Herrn Dr. Eschenburg heute Nachmittag aufsuchen…“

 
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