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Eschenburgs fatale „Vermutung“

Diese RWM-Vermerke vom 9. und 15. November 1938, die der – laut Krippendorff (S. 88/89) – so „skrupulös“ recherchierende Lang unerwähnt lässt und die ich hier bewusst ausführlich wiedergegeben habe, belegen eindeutig Eschenburgs Befassung mit den Modalitäten der „Arisierung“.

„Unter Benutzung deutscher Devisen…richte“ Fischbein „im Auslande Fabriken ein“, heißt es in Eschenburgs Brief vom 8. November. Diese bloße, dem RWM „vorsorglich“ mitgeteilte „Vermutung“ muss besonders befremden. Denn das Gesetz gegen Wirtschaftssabotage vom 1. 12. 1936 bedrohte Kapitalflucht und das Belassen von Vermögenswerten im Ausland (sog. „Devisenschiebung“) mit der Todesstrafe. Laut Gesetzestext galt die Strafe auch, wenn die Tat im Ausland begangen wurde. Für die Aburteilung war der Volksgerichtshof zuständig. Was Eschenburgs fatale Unterstellung für den Berliner Fabrikanten bedeuten konnte, muss ihm in seiner Position klar gewesen sein.

Gegen die wirtschaftlichen Interessen des NS-Regimes, auf die Eschenburg hingewiesen hatte, sprachen bei den Adressaten seines Schreibens „politische“, sprich rassistische, Gründe. Mitte Dezember verfasste der zuständige RWM-Referent den Unheil kündenden Vermerk, „dass im Falle Fischbein möglicherweise ein Interesse daran bestehen wird, den Juden nicht auswandern zu lassen.“ Fischbeins Pass war und blieb eingezogen.

Am 15. Januar 1939 flüchtete Wilhelm Fischbein illegal bei Basel in die Schweiz und weiter nach England. Am 9. und am 20. Februar 1939 wurde in den Akten des Reichswirtschaftsministeriums festgehalten, der Fabrikant sei „inzwischen flüchtig geworden“, beziehungsweise „ohne Pass in das Ausland gegangen“.

Bereits diese Eintragungen, erst recht Fischbeins spätere eigene Aussage, belegen: Die ursprüngliche Behauptung Langs: „Wilhelm Fischbein, damals 34 Jahre alt, konnte schließlich am 15. Januar 1939 ausreisen“ entbehrte jeder Grundlage. Das galt erst recht für die Spekulation in Langs beigefügtem Kommentar mit dem Titel: „Vorschnelles Urteil zu Theodor Eschenburg“: „Ist es völlig ausgeschlossen, dass er zusammen mit einem Mitstreiter heimlich an Fischbeins Ausreise mitwirkte?“ Das ist in der Tat gänzlich ausgeschlossen, denn Fischbein floh ohne Pass.

Hans Woller und Jürgen Zarusky gelangen zu dem zutreffenden Fazit: „Eschenburg trat… in professioneller Funktion auf und machte dabei nicht nur am Rande, sondern intensiv und beflissen mit… Die… präsentierten Belege sprechen hier eine eindeutige Sprache.“

Noch ein Aspekt von Eschenburgs Handeln soll hier angeschnitten werden. Bereits in meinem ersten ZfG-Aufsatz finden sich die Sätze: „Liest man aufmerksam den zweiten Band der Erinnerungen Theodor Eschenburgs, dann stößt man wiederholt auf das Stichwort ‚Angst'. Die Erwähnung wirkt in ihrer Unverblümtheit zunächst anrührend. Angst ist unter einem Terrorregime als Triebfeder selbstverständlich legitim, wenn sie äußerste Zurückhaltung zur Folge hat. Den Unterlagen nach erweckt Eschenburg jedoch eher den Eindruck der Beflissenheit, ohne dass die Akten ihn als durchweg konsequenten ‚Arisierer' erscheinen lassen. Wie weit er sich, subjektiv oder objektiv, in einer Bedrängnis sah, die sich aus den Dokumenten nicht erschließen lässt, hätte nur er selbst offenlegen können.“

Auch hier nur leidenschaftlicher Enthüllungs-Furor, wie von Krippendorff unterstellt, ohne Differenzierungen und historisch-psychologische Komplexität? Gerhard Lehmbruch, Schüler Eschenburgs, möchte mir solche Differenzierung freilich nicht zubilligen: Ich hätte mich „offensichtlich bemüht“, Eschenburgs Angstgefühle „möglichst umgehend zu relativieren“, weshalb mir „die Fähigkeit zur Empathie… einigermaßen abg[inge]“.

Ob ich wirklich relativiert habe, überlasse ich dem Urteil anderer. Allerdings gebe ich zu: Auf jene Beflissenheit Eschenburgs, welche die Akten offenbaren, erstreckt meine Empathie sich nicht.

 
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