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3.1.1 Zur Begründung des Sozialisationsbegriffs

Gegenwärtige Vorstellungen von Sozialisation sind aus einer langen Tradition psychologischer wie soziologischer Bezugstheorien erwachsen und grenzen sich zudem von konkurrierenden „Positionen ab, die das Verhältnis von menschlicher Entwicklung und gesellschaftlichen Bedingungen anders konzeptualisieren“, wie etwa biologistische und individualistische Positionen (Koller 2008, S. 344).

Nach ersten begrifflichen, weniger aber theoretisch begründeten Annäherungen an den Sozialisationsbegriff (vgl. Geulen 2005, S. 38ff.) stellte Durkheim ([1897]1973a) Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Werk ‚Der Selbstmord' Überlegungen dazu an, inwieweit Selbsttötungen in Zusammenhang mit gesellschaftlicher Integration stehen. Er wandte sich damit gegen vorherrschende Meinungen, Selbstmord habe seine Ursache in der individuellen Psyche. So entwickelte er bezogen auf den Grad der Integration in verschiedene Gruppierungen der Gesellschaft unterschiedliche Thesen zum Selbstmord, von denen einige hier beispielhaft aufgeführt werden: Selbstmord stehe „im umgekehrten Verhältnis zum Integrationsgrad der Kirche, der Familie und des Staats“ und variiere damit „im umgekehrten Verhältnis zum Grad der Integration der sozialen Gruppen, denen der einzelne angehört“ (Durkheim 1973a, S. 231f.), denn der Mensch als soziales Wesen gebe allein „dem Dasein seinen Wert“ (ebd., S. 237). Andererseits: Auch eine zu große Verstrickung des Menschen in die Gesellschaft führe leichter zu Selbstmord (vgl. ebd., S. 242). Eine bedeutsame Rolle spielen dabei Bedürfnisse Einzelner (ebd., S. 279ff.), die durch Grenzen

„von außen“, also durch die Gesellschaft, gesetzt werden – wobei die Gesellschaft als stark normierende Kraft angesehen wird, die als einzige in der Lage sei, eine „mäßigende Rolle“ für Einzelne zu spielen, da nur ihre „übergeordnete moralische Kraft“ anerkannt würde (ebd., S. 282f.). Menschen – und die Beschränktheit ihrer Handlungen (als „moralisch, das heißt sozial“, beschrieben) – sind immer sozialen Beziehungen der Gesellschaft unterlegen (ebd., S. 287).

Das methodische Vorgehen Durkheims (1973a) bildete auch eine entscheidende Grundlage für die empirische Forschung. Hier und auch in seiner Antrittsvorlesung 1902 an der Sorbonne, in der er die Erziehung als den sozialen Strukturen unterlegen ausweist und sie als methodische „Sozialisierung der jungen Generation“ (Durkheim [1905]1973b, S. 46) beschreibt, wird Erziehung als Zweck, „das soziale Wesen“ (Durkheim 1973b, S. 48) im Menschen zu formen, verstanden.[1] Ein so formuliertes, genuin soziales (vgl. ebd., S. 52) Verständnis von Erziehung – auch wenn hier noch einseitig argumentiert wird, ohne die Individuierung zu beleuchten – war maßgeblicher Wegbereiter „für die weitere Entwicklung der Sozialisationstheorie“ (Koller 2008, S. 345) unter Bezugnahme auf psychologische wie soziologische Bezugstheorien, die unter bestimmten Fokussen menschliche Entwicklung oder soziales Handeln zu erklären suchten.[2]

  • [1] „Der Mensch, den die Erziehung in uns verwirklichen muß [sic], ist nicht der Mensch, den die Natur gemacht hat, sondern der Mensch, wie ihn die Gesellschaft haben will“ (Durkheim 1973b, S. 44) – das pädagogische „Ideal ist, jetzt wie in der Vergangenheit, bis in die Einzelheiten das Werk der Gesellschaft“ (ebd., S. 45) und verändert sich damit auch, wenn sich die Gesellschaft verändert
  • [2] Eine nähere Beschreibung der theoretischen und – wenn vorhanden – empirischen Ansätze von bedeutenden Vertretern wie etwa Freud, Piaget, Erikson, Parsons, Mead, Luhmann, Fend und Hurrelmann, die maßgeblich das Verständnis von Sozialisation beeinflusst haben, kann hier nicht erfolgen. Es sei auf die einschlägigen Werke bzw. Zusammenfassungen verwiesen
 
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