Feld und Kapital

Habitusformen sind also, „soziologisch gesehen, immer auch durch klassenspezifische Faktoren bedingt“, welche ungleich verteilt sind (Schwingel 2005, S. 66) – Bourdieu beschreibt den sozialen Raum als „Raum von Unterschieden“ (Krais und Gebauer 2002, S. 36). Im sozialen Raum existieren laut Bourdieu verschiedene Felder „mit ihren je eigenen Gesetzmäßigkeiten“ (Kajetzke 2008, S. 56). Die „Keimzelle sozialer Felder“ ist dabei das „von unterschiedlichen Akteuren geteilte Interesse an einem Gegenstandsbereich“, in denen Akteurinnen und Akteure sog. „Objekte des Begehrens“ im ‚Kampf um Anerkennung' zu erlangen suchen (Rieger-Ladich 2009, S. 157). Ein solches Feld verdankt seine Existenz also nur der Tatsache des Akteurshandelns. Insofern kann das „Funktionsprinzip“ eines Feldes als „Kampffeld“ (Kajetzke 2008, S. 56) oder auch „Kraftfeld“ (Bourdieu 1998, S. 49) beschrieben werden, in welchem Akteurinnen und Akteure „um die relative Verbesserung oder den Erhalt ihrer eingenommenen Position und der damit verbundenen Machtverteilung konkurrieren“, indem sie sich bestimmter Strategien bedienen (Kajetzke 2008, S. 56). Ein solches Kampfoder auch Spielfeld unterliegt bestimmten Regeln, die „festlegen, was im Rahmen des Spiels möglich und was unmöglich ist“, wobei die Regeln aber nicht expliziert werden, sondern ihren jeweils bestimmten Logiken folgen (Schwingel 2005, S. 83). Zudem müssen die ‚Mitspielenden' in dem Feld „eingeübt“ sein, sie müssen an dessen Regeln glauben, während diese anderen, Außenstehenden oder nicht Mitspielenden, unsinnig erscheinen mögen (‚Illusio'; Rehbein und Saalmann 2009a, S. 102).[1] Der Glaube an das, was das Feld ausmacht – eben diese ‚Illusion' – wird von allen Beteiligten geteilt und ist gleichsam „unausgesprochene Zugangsvoraussetzung zu dem jeweiligen Feld“ (Rieger-Ladich 2009, S. 158). Jedoch: Die „Grenzen eines Feldes“ hat Bourdieu „kaum je endgültig definiert“ (Rieger-Ladich 2009, S. 168). Zwischen Feld und Habitus „besteht ein unauflösliches Komplementärverhältnis“, indem sie „die zwei Seiten der Medaille des Sozialen“ darstellen: Es handelt sich um eine dialektische Beziehung, in der zum einen Habitusdispositionen ausgebildet, zum anderen soziale „Strukturen im Vollzug gesellschaftlicher Praxis“ durch „Veräußerung habitueller Anlagen“ (Schwingel 2005, S. 75f.) gebildet werden. Schwingel (2005, S. 76) verweist in Anlehnung an Bourdieu auf eine Dreigliedrigkeit innerhalb dieses Verhältnisses: erstens externe Strukturen sozialer Felder, zweitens interne Strukturen des Habitus und drittens („als "Synthese" von Habitus und Feld“) externe Praxisformen[2]. Das Wirken des Habitus ohne seine feldspezifischen Implikationen ist demnach nicht zu begreifen. Insofern verwundert Rieger-Ladich (2009, S. 155f.), dass die deutschsprachige Erziehungswissenschaft den Bourdieu'schen Feldbegriff erst spät angemessen rezipiert hat.

Der ‚Einsatz' beim ‚Spiel' oder ‚Kampf' im Feld ist das Kapital, eine „Summe aller effektiv aufwendbaren Ressourcen und Machtpotentiale“ der einzelnen Akteurinnen und Akteure (Bourdieu 1987, S. 196). In Anlehnung an Marx[3] wird der Kapitalbegriff – den Bourdieu durch seine Studien in Algerien und Frankreich sukzessiv entwickelt hat (vgl. Rehbein 2006, S. 112) – erweitert und als „Kriterium für soziale Unterscheidungen“ in zweierlei Weise verwendet: für eine „Verortung im sozialen Raum“ und für die „relative Stellung der Individuen zueinander“ (Krais und Gebauer 2002, S. 36). Jede Akteurin resp. jeder Akteur hat in unterschiedlich ausgeprägter Form Kapital zur Verfügung, wodurch Stellung (bzw. (Macht-)Position) und soziale Praxis bedingt werden: „Das Kapital bedingt also sowohl den Aufbau des Feldes als auch den Habitus des Akteurs, ist gleichermaßen Feldstruktur und Einsatz“ (Kajetzke 2008, S. 57). Nicht in jedem Feld hat aber die gleiche, theoretisch trennbare Form von Kapital die gleiche Bedeutung, sondern ist je nach Feld verschieden: So sind etwa in geschäftlichen Beziehungen des Wirtschaftssektors andere Kapitalformen bedeutsam als zwischen Mitgliedern eines Kirchenchores.

Kapital ist zunächst „akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, „inkorporierter“ Form“ und dabei „grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ (Bourdieu 1983, S. 183). Mit diesen Regelmäßigkeiten beschreibt Bourdieu einen gewissen Trägheitseffekt, denn Kapital, wie Bourdieu es versteht, wird über Zeit[4] gewonnen. Es hat eine „Überlebenstendenz“, da mit ihm Reproduktion von Strukturen erfolgt (und damit die Stellung des Subjekts im sozialen Raum festgeschrieben wird), und zwar in einem Rahmen, der durch Zwänge bestimmt ist (unterschiedliche Verteilung von Kapital), die nicht willkürlich sind, sondern auf Regeln basieren (Bourdieu 1983, S. 183).

Auch der Habitus „ist abhängig vom Kapital, das ihm auf einem Feld zur Verfügung steht“ (Rehbein 2006, S. 111). Die von Bourdieu verwendeten Kapitalformen haben gerade für die Betrachtung von sozialer Ungleichheit und die Reproduktion dieser als das „kulturelle Erbe“ eine herausragende Bedeutung, sind doch kulturelles Kapital und das „Ethos[5]“ – i. e. „ein System impliziter und tief verinnerlichter Werte“, welches besonders Einstellungen gegenüber Bildung(slaufbahnen)[6] entscheidend beeinflusst – „für die ursprüngliche Ungleichheit der Kinder“ bezogen auf schulischen (oder Bildungs-)Erfolg verantwortlich (Bourdieu 2001b, S. 26). Bourdieu unterscheidet auf analytischer Ebene zunächst drei unterschiedliche Formen des Kapitals, die hier in Kürze zusammengefasst werden.

Das ökonomische Kapital bezeichnet all das, was „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“ ist (Bourdieu 1983, S. 185). Unter diese Kapitalform werden materielle „Besitztümer“ gefasst, die wiederum „zur Produktion weiteren Reichtums eingesetzt werden“ können (Rehbein und Saalmann 2009c, S. 137). Es „eignet sich besonders zu Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts“ (Bourdieu 1983, S. 185). Relevanz erhält es besonders insofern, als dass mit seiner Hilfe „bestimmte Güter und Dienstleistungen“ „ohne Verzögerung und sekundäre Kosten erworben werden können“ besonders auch bezogen auf andere Kapitalsorten durch „Transformationsarbeit[5]“ (Bourdieu 1983, S. 195).

Soziales Kapital wird von Bourdieu (1983, S. 190) als „Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen[5] gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“ bezeichnet. Gemeint sind damit Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen, die innerhalb sozialer Praxis auf Grundlage „von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen“ erworben werden (ebd., S. 191). Akteurinnen resp. Akteure haben bestimmte Beziehungen zu anderen Akteurinnen und Akteuren im sozialen Raum, die durch bestimmte Arten der Zugehörigkeit definiert sind – bei der Familie etwa durch Geburt, bei der Partnerschaft durch Liebesbande, innerhalb von Bildungsinstitutionen durch den Schulbesuch und bezogen auf den Beruf durch Anwesenheit bei einer Arbeitsstelle und die spezifische berufliche Praxis. Jeder Kontakt muss dabei, so Bourdieu, gepflegt werden, um als Sozialkapital aufrechterhalten zu werden (es muss „Beziehungsarbeit[5]“ geleistet werden, beispielsweise durch die Aufwendung von „Zeit und Geld“, ebd., S. 193); hier verweist Bourdieu auf die Bedeutung der Anerkennung innerhalb sozialer Gruppen[10]. Bedeutsam ist, dass im Rahmen des Austausches „materielle und symbolische Aspekte untrennbar verknüpft“ sind – es spielen auch das bereits erwähnte ökonomische wie das nachfolgend beschriebene kulturelle Kapital eine Rolle, da die jeweils an einem Austausch Beteiligten ein Minimum an „Homogenität“ untereinander erfordern (ebd.). Je nach Ausprägung des sozialen Kapitals – Besitz eines mehr oder weniger umfangreichen Netzwerks an Beziehungen – ist auch ein „Multiplikatoreffekt“ denkbar (ebd.): Soziales Kapital kann nutzbar gemacht werden, etwa, um Zugang zu bestimmten Gruppen zu erhalten.

Die dritte Kapitalform, das kulturelle Kapital, hat einen besonderen Stellenwert. Bourdieu grenzt sich in spezifischer Weise von einer „funktionalistischen Definition der Erziehungsfunktion“ ab, da die Frage nach Rentabilität und „Profit“ schulischer Investitionen „die am besten verborgene und sozial wirksamste Erziehungsinvestition unberücksichtigt“ lassen, „nämlich die Transmission kulturellen Kapitals in der Familie[5]“, da der „Ertrag schulischen Handelns vom kulturellen Kapital abhängt“ (Bourdieu 1983, S. 186). In seinen Untersuchungen stellte Bourdieu fest, dass schulischer Erfolg maßgeblich von Sozialstrukturen bedingt wird (vgl. Bourdieu 2001b, S. 28); die „Einstellungen zur Schule, zur Schulbildung und der durch Ausbildung gebotenen Zukunft sind zu einem Großteil der Ausdruck des ihrer sozialen Zugehörigkeit entsprechenden Systems impliziter und expliziter Werte“ (ebd., S. 31). So sind Entscheidungen über Bildungswege keine ‚Eingebungen' und nicht der „Willen der Eltern“, sondern „Ambitionen“ auf Basis der „objektiven Chancen“ (ebd.), die „stets den Zwängen gemäß, denen sie [die Familien, d. Verf.] unterworfen sind“, gefällt werden (ebd., S. 34). Bedeutende Bestandteile des kulturellen Kapitals sind die Sprache (vgl. ebd., S. 42) und die zweckfreie Bildung (vgl. ebd., S. 30). Hiermit wird deutlich, dass „die meisten Eigenschaften des kulturellen Kapitals“ „grundsätzlich körpergebunden[5]“, also inkorporiert sind – sie sind Bestandteil des Habitus (Bourdieu 1983, S. 186).

Besonders die erste Form des kulturellen Kapitals – das inkorporierte Kulturkapital – ist verinnerlicht und kann nur durch Zeit erworben werden, eine schnelle Weitergabe ist nicht möglich (vgl. Bourdieu 1983, S. 186f.). Zudem ist es „auf vielfältige Weise mit der Person in ihrer biologischen Einzigartigkeit verbunden“ (ebd., S. 187). Die Aneignung beginnt mit der frühen Kindheit und vollzieht sich sowohl „völlig unbewusst“ als auch im Verborgenen (ebd.), dabei ist es verbunden mit dem Kulturkapital der Familie, so dass „die gesamte Zeit der Sozialisation zugleich eine Zeit der Akkumulation“ von kulturellem Kapital ist (ebd., S. 188).

Objektiviertes Kulturkapital, etwa „Schriften, Gemälde, Denkmäler, Instrumente“, ist hingegen „materiell übertragbar“ – zumindest im Sinne des juristischen Eigentums (Bourdieu 1983, S. 188). Denn um einen (tieferen) ‚Sinn' in einem Gemälde (oder einem Instrument) zu sehen, bedarf es wiederum des inkorporierten kulturellen Kapitals – so kann bspw. die Botschaft eines musikalischen Werkes, die Umstände ihrer Entstehung, die sozialen und gesellschaftlichen Verflechtungen des Komponisten zur Entstehungszeit, die Bedeutung der Gesamtheit eingesetzter und der jeweils einzelnen Instrumente nur dann gedeutet werden, wenn zuvor eine zeitlich und inhaltlich mehr oder weniger tiefgreifende Beschäftigung mit Musik, Musikformen, Musikgeschichte usw. erfolgt ist. Gleichsam ist es schwerlich möglich zu verstehen, welche Botschaft ein Gemälde (und mit welchen stilistischen und technischen Eigenschaften diese ‚verschlüsselt' sind) zu vermitteln versucht und welche Bedeutung diese Botschaft hat – Voraussetzung sind hier „kulturelle Fähigkeiten“ (ebd.).

Das institutionalisierte Kulturkapital schließlich beschreibt alle Formen zertifizierter, formaler (Bildungs-)Titel. Dabei fungiert der Titel als „Zeugnis für die kulturelle Kompetenz“ seiner Inhaberin bzw. seines Inhabers, verleiht dabei institutionelle Anerkennung (Bourdieu 1983, S. 190). Gebunden an die „biologischen Grenzen“ der Trägerin bzw. des Trägers sind die Titel „rechtlich garantiert“ (ebd., S. 189f.) – eine Übertragbarkeit seiner Bedeutung auf andere ist nicht möglich.

Nun ist die Bedeutung des Kapitals aber nicht für alle Felder gleich und damit statisch. Vielmehr variiert sie von Feld zu Feld, indem „jedes der klassengebundenen Merkmale Wert und Wirksamkeit durch die besonderen Gesetze eines jeden Feldes erhält“, also ein Feld jeweils festlegt, „was auf diesem Markt Kurs hat, was im betreffenden Spiel relevant und effizient ist“ (Bourdieu 1987, S. 194).[13]

Den besonderen Beitrag, den Bourdieu zur Diskussion der Entstehung von Klassen leistet, sehen Krais und Gebauer (2002, S. 36) in „der Verknüpfung von Klassenlage und Lebensführung“: Klassenspezifika und ihre Unterscheidungen manifestieren sich durch „Kapitalausstattung und materielle Existenzbedingungen“ Einzelner (als Bestandteile des Habitus), die sich sodann „in Praxen der Lebensführung“ (innerhalb von Praktiken und Handlungen) niederschlagen, die je nach Klassenzugehörigkeit differieren (ebd., S. 36f.). Hierdurch wird sodann auch der Klassenhabitus bestimmt, der sich durch eine gewisse Anzahl von sich überschneidenden Merkmalen einzelner Akteurinnen und Akteure mit anderen Angehörigen einer Klasse manifestiert (vgl. ebd., S. 37). Diese Unterscheidungsmerkmale, die sich im Geschmack äußern, betreffen alltägliche Praktiken wie Freizeitgestaltung, Einrichtung des Wohnraums, Essund Trinkgewohnheiten (auch was die Menge angeht), Musikpräferenzen, Vorlieben aller Art, aber auch die Einstellungen und Haltungen zu Bildung – denn die durch die Klassenlage „objektiv gegebenen Möglichkeiten und Notwendigkeiten“ bestimmen „Zeithorizonte“ und „Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft“ (ebd., S. 41). [14]

Das symbolische Kapital – als vierte Kapitalform – ist laut Bourdieu (2001a, S. 311) „nicht eine besondere Art Kapital, sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das heißt als (aktuelle oder potentielle) Kraft, Macht oder Fähigkeit zur Ausbeutung verkannt, also als legitim anerkannt wird“. Es handelt sich beim symbolischen Kapital also um eine gewisse Form von gesellschaftlicher oder sozialer Anerkennung, die es als „magische Kraft“[5] „gestattet, symbolische Wirkung auszuüben“ (Bourdieu 1998, S. 173), laut Kajetzke (2008, S. 59f.) auch als „Renommee und Prestige“ bzw. „Legitimation“ bezeichnet. Zudem steht das symbolische Kapital in Beziehung zum Habitus, „der darauf eingestellt ist, es […] als Zeichen von Wichtigkeit“ und „in Abhängigkeit von kognitiven Strukturen zu kennen und anzuerkennen, die geeignet und entsprechend ausgerichtet sind, ihm Anerkennung zu schenken, weil sie selbst übereinstimmen mit dem, was es ist“ (Bourdieu 2001a, S. 311). Mit anderen Worten: Symbolisches Kapital kommt, so könnte man sagen, dort am stärksten zu tragen, wo die (Klassen-)Habitus ähnlich strukturiert sind, wo das gleiche ‚Spiel' gespielt wird, ähnliche Verteilungen von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital vorliegen und Dinge und Haltungen ähnlich verteilt sind. Akkumuliert wird das symbolische Kapital einerseits mit Hilfe der anderen zuvor genannten Kapitalsorten, deren „Machtwirkung“ im Feld nur durch das symbolische Kapital zum Tragen kommt, welches erst bestätigt werden muss „durch eine inthronisierende Eröffnungszeremonie“, die „dem Betreffenden feierlich Namen und Titel“ und ihm damit ihr Prestige, ihre Anerkennung verleihen (ebd., S. 312). Andererseits „wirken die Kapitalsorten auch auf das symbolische Kapital zurück, da die Verteilung der Kapitalsorten den Habitus formt“ (Kajetzke 2008, S. 60).

Schließlich sei nochmals die Bedeutung des historischen Wachsens verdeutlicht:

„Um die gesellschaftlichen Bedingungen der Ausbildung der Formen des Habitus so umfassend wie möglich zu rekonstruieren, ist neben der gesellschaftlichen Laufbahn der Zugehörigkeitsklasse oder -fraktion […] auch die Entwicklung über mehrere Generationen hinweg […] in Rechnung zu stellen […]. Um eine annähernde Vorstellung von der Vielzahl möglicher Fälle zu geben, mag der Hinweis genügen, daß [sic] die soziale Laufbahn eine Kombination[13] darstellt der Entwicklung im Verlauf einer individuellen Biographie des Gesamtumfangs des Kapitals des fraglichen Individuums, eine Entwicklung, die grob als steigend, sinkend oder stationär beschrieben werden kann, weiter des Umfangs der einzelnen Kapitalsorten […], also der Struktur des Kapitals […] wie darüber hinaus der Entwicklung von Umfang und Struktur des väterlichen wie mütterlichen Besitzes und dem Gewicht der jeweiligen Kapitalsorten“ (Bourdieu 1987, S. 206) – auch bezogen auf die vorhergehende Generation, i. e. die Großeltern.

Bourdieu wird oft eine statische Auffassung des Handelns von Subjekten, ein ‚den Strukturen ausgeliefert sein', unterstellt und geprüft, ob es verbindende Elemente zwischen einerseits soziologischer Determiniertheit und andererseits ‚reflexivem Subjekt' gibt[17]. Reckwitz (2008, S. 46) betont, es mache „für Bourdieu keinen Sinn, vorauszusetzen, dass sämtliche existierende soziale Praktiken von einem einzigen ›Super‹-Habitus abhängen – vielmehr ist von einer Differenz zwischen unterschiedlichen Praktikenkomplexen auszugehen“. Der Blick sei auf „Lebensstile bzw. Felder zu“ richten, „›Klassen‹ unterscheiden sich […] in ihren Alltagspraktiken und ihren Subjekttypen [… sowie, d. Verf.] in ihren Handlungsressourcen (Reckwitz 2008, S. 46). Bourdieu (1993, S. 43) konstatiert, dass die Soziologie „nichts ohne […] genuin sozialen[5] Daseinsgrund“ erklärt. Er unterscheidet in seiner Argumentation zwischen objektiver und empfundener Notwendigkeit. Wird die Notwendigkeit verkannt, wird sie anerkannt, wohingegen die „Erkenntnis der Notwendigkeit […] die Möglichkeit von Wahlentscheidungen sichtbar“ macht – kausale Zusammenhänge können so erklärt werden (Bourdieu 1993, S. 44). Somit erweitert die „Offenlegung der Gesetzmäßigkeiten […] den Bereich der Freiheit“. Jedoch: Akteurinnen und Akteure sind keine „Materialteilchen“, die nur von außen determiniert werden, „noch kleine Monaden, die sich ausschließlich von inneren Gründen leiten lassen“ (Bourdieu 1996 zit. n. Thole und Küster-Schapfl 1997, S. 22), wodurch also „weder von einem autonomen, frei sich entfaltenden Subjekt […] noch von einer allmächtigen sozialen und gesellschaftlichen Welt, die die Handelnden zu Marionetten systemischer Imperative funktionalisiert“, ausgegangen werden muss (Thole und Küster-Schapfl 1997, S. 22).

  • [1] Bourdieu (2001a, S. 123) gibt hierzu in seinem Werk ‚Meditationen' ein Beispiel: „Die Karrierepläne des hohen Beamten zum Beispiel können den Forscher kaltlassen, und die rückhaltlose Selbstaufopferung des Künstlers oder der Kampf des Journalisten um einen Platz auf der ersten Seite bleiben einem Bankier nahezu unverständlich“
  • [2] Dies verweist auf die bereits zuvor beschriebene Strukturiertheit des Habitus, der dem sozialen Raum nur durch stetes soziales Handeln Bestand verleiht: „keine leiblichen Akteure, keine Praxis; keine Praxis, keine objektive Struktur“ (Schwingel 2005, S. 77)
  • [3] Denn: „Eine allgemeine ökonomische Praxiswissenschaft muß [sic] sich deshalb bemühen, das Kapital und den Profit in allen ihren Erscheinungsformen zu erfassen und die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Arten von Kapital […] gegenseitig ineinander transformiert werden“ (Bourdieu 1983, S. 184)
  • [4] Denn „die Akkumulation von Kapital, ob nun in objektivierter oder verinnerlichter Form, braucht Zeit“ (Bourdieu 1983, S. 183)
  • [5] Im Original kursiv
  • [6] Zum Habitus „gehören auch die Zugänge zu Bildung, Weiterbildung und Lernen; die Menschen lernen nicht um des Lernens Willen, sondern immer in Bezug auf ihre konkreten Lebensumstände, Erfahrungen und Ziele, die Anlässe für Bildungsund Lernprozesse sind“ (Bremer 2007, S. 118)
  • [7] Im Original kursiv
  • [8] Im Original kursiv
  • [9] Im Original kursiv
  • [10] Eine theoretische Durchdringung des Anerkennungsbegriffs im Sinne Bourdieus kann hier nicht vorgenommen werden. Wichtig ist, dass eine „symbolische Wirklichkeit“ geschaffen wird, die durch ständigen Austausch „zugleich Voraussetzung und Ergebnis dieses Austausches ist“, womit der Austausch wie auch das Ausgetauschte (nicht nur im materiellen Sinne) „zu Zeichen der Anerkennung“ werden und somit die Gruppe ihre Grenzen sowohl nach innen wie auch nach außen aufzeigen kann (Bourdieu 1983, S. 192)
  • [11] Im Original kursiv
  • [12] Im Original kursiv
  • [13] Kursivsetzungen im Original
  • [14] Zentral in diesem Zusammenhang sind die „Strategien der Reproduktion oder Veränderung“ der sozialen Lage (Krais und Gebauer 2002, S. 41), die Bourdieu in Bezug auf das Schulsystem ausgeführt hat
  • [15] Im Original kursiv
  • [16] Kursivsetzungen im Original
  • [17] vgl. zum reflexivem Subjekt Reckwitz 2008, 15f.
  • [18] Im Original kursiv
 
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