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4.2.2 Anwendungsfelder biographischer Forschung

Die biographische Forschung ist der Lebens(ver)laufforschung recht ähnlich (vgl. Hoerning 2000, S. 3ff.). Während die Lebens(ver)laufforschung jedoch vornehmlich an „Verteilungsmustern von Ereignissen oder auch Übergängen im lebensgeschichtlichen Verlauf“ interessiert ist und dabei auch danach fragt, „wo und warum Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen gesellschaftlich platziert sind“ – was zumeist mit quantitativen Verfahren erhoben bzw. ausgewertet wird –, geht die „(überwiegend) qualitative Biographieforschung“ davon aus, dass Erfahrungen mit dem „Durchlaufen von Statuspassagen“ zu einer „biographischen Wissensstruktur“ aufgeschichtet werden (ebd., S. 5f.). Narrative Interviews (vgl. dazu Kap. 4.2.3) als eine Interviewform innerhalb der vielfältigen, qualitativen Forschung (vgl. zusammenfassend Hopf 2010) haben sich vor allem „als biographieanalytisches Verfahren in den Erziehungsund Sozialwissenschaften etabliert“ (Jakob 2010, S. 219). Als Gegenstand werden Lebensgeschichten oder bestimmte Teile dieser bearbeitet (vgl. ebd.). Sie ermöglichen es zu „rekonstruieren, wie die ‚äußeren' Ereignisse von den beteiligten Akteuren erlebt und interpretiert wurden und wie sie sich in der Erfahrungsaufschichtung und lebensgeschichtlichen Darstellung abgelagert haben“ (ebd., S. 222). Damit wird also die „soziale Wirklichkeit aus der Perspektive der handelnden und erleidenden Subjekte“ aktiviert (ebd.). Zudem können „ausgeblendete und verdrängte Sachverhalte“ sowie teilbewusste erfasst werden (ebd.). Ziel von Analysen ist die Rekonstruktion von Einzelfällen, die sodann „Ausgangspunkt für verallgemeinerbare Aussagen“, um „Prozessstrukturen“ und ihre „theoretischen Kategorien, die ein soziales Phänomen in seinen unterschiedlichen Ausprägungen verstehbar werden lassen“, herauszuarbeiten (ebd.). Somit können neue Perspektiven auf theoretische Konstrukte gebildet oder bestehende hinterfragt und ergänzt werden (vgl. ebd., S. 223).

Die „Rekonstruktion von […] Professionalisierungsprozessen sowie des […] Habitus von Professionellen“ bilden derzeit einen Schwerpunkt innerhalb der empirischen Forschung zu Professionalisierungsprozessen (Fabel und Tiefel 2004, S. 12). Kern der Analyse ist die Rekonstruktion von Biographien: die „Herausbildung eines professionellen Habitus ist […] eng mit der gesamten biographischen Entwicklung“ verknüpft (ebd.; vgl. auch die Argumentation in Kap. 2.4). Da Biographien „im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Heteronomie und individuellen Optionen verortet“ sind, bieten sie Analysemöglichkeiten für subjektive Sinnzusammenhänge und soziale „Bedingungen […] biographische[r] Handlungsmöglichkeiten“ (Fabel und Tiefel 2004, S. 13). Die zu verzeichnenden Bemühungen der Zusammenführung des Professionalitätsdiskurses und der Biographieforschung haben bislang jedoch nur zu einem „kursorischen Überblick“ geführt (ebd., S. 14). Das Desiderat der Frage nach biographischen „Konstitutionsbedingungen von Professionalität“[1]soll hier – wie bereits einleitend beschrieben – insofern bearbeitet werden, als „Voraussetzungen, Dispositionen, Motive, Ressourcen und […] Erfahrungen“ und die Einbettung der beruflichen Ziele „in den lebensgeschichtlichen Zusammenhang“ erforscht werden (ebd., S. 15), gerade vor dem Hintergrund eines „Wechselverhältnis[ses] von biographischer und professioneller Entwicklung“[2], in der „Berufswahlmotive, Wege der Ausbildung und die habituelle Übernahme professioneller Handlungsmuster als komplexes Zusammenspiel“ [3] betrachtet werden (ebd., S. 16f.).

Schulze (2006, S. 52) äußert sich kritisch zu immer wiederkehrenden Vorwürfen an den Begriffen der Subjektivität und Verallgemeinerung. Den ersten Vorwurf weist er damit zurück, dass dieser „von einer falschen Voraussetzung“ ausgehe – den Gewinn der Biographieforschung sieht er in „der Art und Weise wie [… gesellschaftliche Strukturen und Tatsachen, d. Verf.] auf die einzelnen Individuen treffen und einwirken“, wie sie beantwortet und verarbeitet werden (ebd.). „Das subjektive Moment“ sei „das eigentlich Bedeutsame an ihnen“, „Widersprüche […], Auslassungen und Ausschmückungen [… und, d. Verf.] Verfälschungen“ beförderten den Erkenntnisgewinn (ebd.). Beim Vorwurf fehlender Verallgemeinerbarkeit verweist Schulze (2006, S. 52) auf die „Unbestimmtheit dessen, was man als das Allgemeine ansieht“; die Biographieforschung könne durchaus allgemeinere Aussagen treffen, indem – auch mittels anderer Methoden – „der individuell-biographische Kontext der autobiographischen Erzählung“ betrachtet wird (ebd., S. 52f.).

  • [1] Im Original kursiv. Nicht aber der Professionalisierungsprozess selbst
  • [2] Im Original kursiv
  • [3] m Original enthält das Zitat Kursivsetzungen
 
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