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4.3.1 Formulierende Textinterpretation

Laut Nohl (2009, S. 46) sollen bereits vor der Transkription des in aufgezeichneten Aufnahmen vorliegenden Interviewmaterials forschungsrelevante thematische Abschnitte ausgewählt werden, auf die die Interviewten besonders „ausführlich, engagiert und metaphorisch“ eingehen; erst danach wird transkribiert (Nohl 2009, S. 46). In dieser Studie wurde davon abgewichen: Um alle Aspekte berücksichtigen zu können, die sich im späteren Verlauf von Analyse und Interpretation vielleicht als relevant erweisen, wurde – anders als von Nohl (2009) formuliert – in der vorliegenden Studie vollständig transkribiert, was zudem einen guten Überblick über die einzelnen Interviews insgesamt und deren Strukturen, über ausführliche und weniger ausführliche Passagen ermöglichte.

Sodann erfolgt auf Basis eines thematischen Überblicks, den man so über das Material gewonnen hat, die formulierende Interpretation (Nohl 2009, S. 46f.; im Vorfeld als das ‚Was' beschrieben; vgl. auch Bohnsack und Pfaff 2010, S. 38), das also, was (explizit) gesagt wurde, zusammenzufassen (ebd., S. 8). Dabei werden Themen und Unterthemen, Themenwechsel sowie auffällige Stellen berücksichtigt, welche in eigenen Worten ausformuliert werden. Zudem wird somit ein Überblick über den Text und seine Struktur ermöglicht (vgl. auch Bohnsack 1989, S. 343f.). Das Ziel ist dabei die eigene ‚Befremdung', da der „thematische Gehalt nicht selbstverständlich, sondern interpretationsbedürftig ist“ (Nohl 2009, S. 47).

4.3.2 Reflektierende Interviewinterpretation

Nach der formulierenden Interpretation erfolgt die reflektierende Interpretation, in der das ‚Wie' – also in welcher Weise Themen behandelt werden und in welchen Orientierungsrahmen bzw. Orientierungsmustern diese liegen – im Vordergrund der Erkenntnis steht (vgl. Nohl 2009, S. 47; Bohnsack 2004, S. 219). In Anlehnung an Schütz verwendet Bohnsack (1989, S. 26) den Begriff des Orientierungsmusters als ein „Um-zu-Motiv“: Handeln ist „dann sinnhaft, wenn es sich an einem Entwurf[1], also einem vom Handelnden selbst antizipatorisch entworfenen Handlungsmuster, orientiert“. Diese sind implizit im Geschilderten enthalten und müssen erst interpretativ zur Explikation gebracht werden. Orientierungsrahmen werden durch die Existenz verschiedener Gegenhorizonte sichtbar: „Die biografische Orientierung […] bewegt sich also zwischen unterschiedlichen Horizonten, die wechselseitig füreinander Gegenhorizonte[1] darstellen“ (Bohnsack 1989, S. 27). Es wird dabei unterschieden zwischen einem positiven Horizont, der sich dadurch auszeichnet, dass ein bestimmtes ‚Ideal' erreicht werden kann, und einem negativen, der beschränkend wirkt (vgl. Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010, S. 296): positive Gegenhorizonte bezeichnen solche Erfahrungsräume, auf die das „Wollen gerichtet ist“ (Kleemann et al. 2009, S. 161), das, was als sinnvolle, akzeptierte oder erstrebenswerte Möglichkeit erscheint, während negative Gegenhorizonte „alle diejenigen Positionierungen“ sind, „mit denen man sich in mehr oder weniger expliziter Form von anderen Positionen, Handlungen, Personen, Haltungen etc. abgrenzt“ (ebd.). Gegenhorizonte bieten jeweils bestimmte Enaktierungspotenziale (vgl. Bohnsack 1989, S. 345ff.), wobei Enaktierung „die Möglichkeiten der Umsetzung der biografischen Orientierung“ meint (Bohnsack 1989, S. 26), um etwa eine bestimmte biographische Orientierung (als positiven Gegenhorizont) zu erreichen; synonym könnte also von einer „Umsetzungsmöglichkeit“ (Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010, S. 296) oder der „Chance der […] praktischen Verwirklichung“ (Kleemann et al. 2009, S. 161) gesprochen werden. Lassen sich nur einander ausschließende Gegenhorizonte rekonstruieren, werden diese als ‚Orientierungsdilemmata' bezeichnet (vgl. Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010, S. 296).

Forschungspraktisch wird in einem ersten Schritt eine Textsortentrennung in Anlehnung an die Narrationsstrukturanalyse vorgenommen (vgl. Bohnsack und Pfaff 2010, S. 39); diese „formale Textanalyse“[1] dient dazu, „alle nicht-narrativen Textpassagen zu eliminieren und sodann den "bereinigten" Erzähltext auf seine formalen Abschnitte hin zu segmentieren“ (Schütze 1983, S. 286). Da „Gegenstand dokumentarischer Interpretation […] der individuelle, der persönliche Habitus“ ist (Bohnsack 2010, S. 65), kommt der autobiographischen Stegreiferzählung eine besondere Bedeutung zu (vgl. ebd., S. 66). Denn der „angestrebte hohe Detaillierungsgrad des Erzählens […] handlungspraktischer[1] Vollzüge“ vermag dabei, „die Prozessstruktur[1] des Habitus zu dokumentieren“ (ebd.) und ermöglicht einen Zugang zu konjunktivem Wissen (vgl. Bohnsack und Pfaff 2010, S. 39):

„Die Erfahrung unmittelbarer Handlungspraxis, wie sie in Erzählungen und Beschreibungen zu rekonstruieren ist, ist derart an diese Handlungspraxis, an das handlungspraktische Wissen und an die Selbstverständlichkeiten des Informanten gebunden, dass sie von diesen nicht kommunikativ expliziert, sondern nur erzählt oder beschrieben werden kann“ (Nohl 2009, S. 48f.). Demgegenüber korrespondiert das „kommunikative Wissen […] mit den Textsorten der Argumentation und der Bewertung“ (Nohl 2009, S. 49). Gleichwohl können Art und Weise der Konstruktion von Argumentation und Bewertung Aufschluss darüber geben, „wie[6] jemand seine Handlungsweisen rechtfertigt bzw. bewertet“ (Nohl 2009, S. 50).

Es werden thematische Sequenzen gesucht, in denen Kontinuitäten zwischen „erstem Abschnitt, zweitem Abschnitt (Fortsetzung) und drittem Abschnitt (Ratifizierung des Rahmens)“ bestehen (Nohl 2009, S. 11). Die dokumentarische Methode geht davon aus, dass „Anschlussäußerungen an einen ersten Erzählabschnitt in atheoretischer, habitualisierter Form der erforschten Person wissensmäßig verfügbar sind“ (Nohl 2009, S. 12) und dass die Art und Weise, ein bestimmtes Thema zu erzählen, in Anschlussabschnitten in entsprechender Form behandelt wird (ebd., S. 11; S. 51ff.). In der Interpretationspraxis bedeutet dies: Innerhalb einer Erzählpassage zieht eine empirische Äußerung eine weitere, dazu passende empirische Äußerung nach sich, anhand derer sich der Orientierungsrahmen andeuten könnte. Mögliche oder denkbare andere (nicht empirische) Anschlussäußerungen, als „homologe Orientierungsrahmen“ bezeichnet, „werden gedankenexperimentell erörtert“[7] (Nohl 2009, S. 52). Findet sich ein dritter Abschnitt, wird der Orientierungsrahmen innerhalb dieses speziellen Falls ratifiziert und damit evident. Er steht aber im Moment der Interpretation für sich und wird allein aus der Perspektive des Interpretierenden beurteilt (vgl. Nohl 2009, S. 54f.).

Um sich von „eigenen Selbstverständlichkeiten“ (Nohl 2009, S. 54f.) zu lösen, werden in die Interpretation weitere Fälle einbezogen und nach ähnlichen Themen und deren Verarbeitung gesucht. Ziel ist, eine bestimmte „Orientierungsfigur auch in anderen Themen zu finden“ – somit werden die vorhandenen Fälle themenspezifisch komparativ analysiert, wobei das den Vergleich strukturierte Thema als tertium comparationis bezeichnet wird, welches sich aus dem „Thema der ersten Äußerung“ ergibt (Nohl 2009, S. 56). Mit Hilfe der komparativen Analyse lassen sich dann Gemeinsamkeiten der einzelnen Fälle erarbeiten.

In Anlehnung an Schütze (1983, S. 287) werden „kontrastive Vergleiche“ sowohl durch Minimalals auch Maximalvergleiche hergestellt, um „alternative Strukturen biographisch-sozialer Prozesse in ihrer unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Wirksamkeit herauszuarbeiten und mögliche Elementarkategorien zu entwickeln, die selbst den miteinander konfrontierten Alternativprozessen noch gemeinsam sind“ (Schütze 1983, S. 288; vgl. auch etwa Kleemann et al. 2009, S. 164).

  • [1] Im Original kursiv
  • [2] Im Original kursiv
  • [3] Im Original kursiv
  • [4] Im Original kursiv
  • [5] Im Original kursiv
  • [6] Kursivsetzung im Original
  • [7] Dieses gedankenexperimentelle Spiel mit möglichen Anschlussäußerungen weist Ähnlichkeiten mit dem Prinzip der Kontextfreiheit in der Objektiven Hermeneutik auf, welches dazu dient, „gegenüber einem nicht-wissenschaftlich gewonnenen Vorverständnis größtmögliche Unabhängigkeit zu wahren“ und sich vorläufig in „künstlicher Naivität“ zu üben, damit „das Wissen um denjenigen Gegenstand, der im Fokus des Interesses steht, auszublenden“, denn eine Interpretation, die „von dem Vorverständnis lebt und abhängig ist“, ist „in dessen Belieben gestellt“ (Wernet 2006, S. 23)
 
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